IT-Shrink: Mehr Selbst­vertrauen!

Annette Kielholz selbstwertstärkend über Ego-Mangel und andere Defizite der Informatiker.
 
Ich habe gelernt, dass ein "Shrink" gar kein Seelenklempner ist, sondern einer, der Leuten mit einem zu grossen Ego den Kopf schrumpft. So lautet zumindest die Theorie. Als IT-Shrink müsste ich also dir, liebe Informatik, den Kopf schrumpfen? Falsch! Denn Du, liebe Informatik, brauchst das Gegenteil!
 
Ich habe es schon des öftern erlebt, dass sich IT-Leute fast entschuldigen, wenn man sie nach ihrem Job fragt. "Ich bin zwar Informatiker, aber..." - "Ich arbeite in der IT, aber...". Auch in der Nachwuchsförderung begegnet einem zuweilen diese unterschwellig entschuldigende Haltung: Informatiker werden für Berufsportraits mit Surfbrettern, Haustieren, Tanzpartnerinnen und Jonglierbällen abgelichtet - damit man sieht, dass sie (zwar einen öden Job, aber dennoch) ein spannendes Hobby haben?! Und ein Arbeitskollege sagte mir neulich, in Bezug auf seine Chancen am Heiratsmarkt, ganz fatalistisch: "Als Informatiker kannst du nicht mal eine Coiffeuse vom Barhocker locken!"
 
Dein Ego ist also ganz und gar nicht aufgebläht, eher im Gegenteil.
 
Ich gebe zu, mit Informatik zu punkten, ist nicht immer einfach. Es ist ähnlich wie bei der Gesundheit: so lange alles rund läuft, nimmt man sie selbstverständlich hin, denkt kaum an sie und ist auch nur beschränkt dankbar. Dafür wird dann umso kräftiger geklagt und reklamiert, wenn sie mal ausfällt. Die Informatik ist halt meist unsichtbar, und es ist schwierig, zu erklären, woran man den ganzen Tag arbeitet. Zudem wird der Beruf, vor allem von den Informatikern selbst, immer noch mit unsportlichen, unterbelichteten Kellerkindern assoziiert.
 
Zeit also für ein paar selbstwertstärkende Worte.
 
Erstens: Liebe Informatik, du bist nicht allein. Als Psychologin geht es mir ähnlich: Ich traue mich oft auch nicht, meinen Beruf zu verraten, weil alle Psychologen eine Ecke ab haben. Vielleicht sind wir seelenverwandt, die Informatiker und die Psychologinnen? Vielleicht wurden darum an der Uni Zürich die beiden Studienrichtungen ins gleiche Gebäude verlegt, damit wir uns gegenseitig helfen können? Jedenfalls finde ich, dass wir hervorragend zusammenpassen. Informatik ist doch eigentlich Psychologie in Programmiersprache gefasst, oder? Du bist so nah am Menschen dran und ich weiss nicht, wo man sonst so viel über Psychologie lernen kann wie in einem IT-Grossprojekt.
 
Zweitens: Andere haben es viel schwerer. Es gibt andere Nerd-Berufsgruppen, die es noch schwerer haben als du: Buchhalterinnen, Theologen, Beamte, Altphilologinnen, Metzger und Insektenforscherinnen können sich auch nicht auf ein blendendes Image berufen. Kaum jemand interessiert sich freiwillig für sie und - mit Ausnahme vielleicht vom Metzger - ihr Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft wird viel weniger rasch deutlich als bei dir. Denn:
 
Drittens: Du wirst gebraucht! Niemand weiss genau, was Informatik eigentlich ist, aber alle sind auf dich angewiesen. Von der Biochemikerin über den Fernsehmoderator und die Lehrerin bis zum Banker können sie alle nicht ohne dich. Wenn man einen Informatiker in der Verwandtschaft hat, ist man besonders nett zu ihm. Man weiss ja nie, wann man ihn mal braucht (und dass man ihn irgendwann braucht, ist sicher). Anders als vielen anderen Berufsleuten zahlen sie euch sogar noch viel Geld dafür, dass ihr täglich die Welt rettet.
 
Viertens: Nerds sind Kult! Wahrscheinlich ist es einfach noch nicht bis in die Schweiz durchgedrungen: In anderen Ländern haben Hacker, Bastler, Inselbegabte und Garagenkinder längst Kultcharakter, zum Beispiel hier und hier.) In jedem zweiten amerikanischen Kinofilm kommt mindestens eine unbesiegbare IT-Security-Spezialistin mit Kampfsportausbildung, ein erfolgreicher minderjähriger IT-Firmengründer oder ein heldenhafter Roboterprogrammierer vor. Die sind alle etwas schräg und sicher nicht stromlinienförmig, aber das ist es gerade, was sie anziehend macht! Also: Die Grundlage für masslosen Erfolg ist vorhanden. Wir in der Schweiz müssen einfach das Zelebrieren noch etwas besser lernen.
 
PS: Für ein starkes Selbstwertgefühl im psychologischen Sinne gibt es natürlich noch andere wichtige Aspekte als wohltuende Worte. Zum Beispiel ist es sehr wichtig, dass man auch seine dunklen Seiten kennenlernt, sie bewusst annimmt und an ihnen arbeitet. Aber das ist ein anderes Thema und soll ein andermal behandelt werden.
 
Annette Kielholz ist Kommunikationsverantwortliche bei Ergon Informatik. Sie hat Psychologie und Volkswirtschaft studiert und findet in der Informatik seit 1999 reichlich Stoff für Analysen.