Von Hensch zu Mensch: Was Tesla und Plastiksäckli gemeinsam haben

Kolumnist Jean-Marc Hensch versucht die Fahne der Rationalität hoch zu halten – wohl vergebens.
 
Eine grosse Tageszeitung wagte es kürzlich, in einem Artikel die Umweltfreundlichkeit des Tesla in Zweifel zu ziehen. Er wies auf verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Elektromobilität im Allgemeinen und diesem Produkt im Besonderen hin. Sofort ergoss sich eine Flut von negativen Leserkommentaren (bis dato mehr als 500) über die Redaktion, von vielfältigen und regen Unmutsäusserungen auf den sozialen Medien begleitet.

Der Tenor: Es ist unstatthaft, Elektromobilität und Tesla zu kritisieren, weil sie "Heilsbringer" sind und man einfach daran "glauben" muss. Den Habitués dieser Kolumne, die hier eine typisch Hensch’sche Überspitzung sehen, muss ich leider sagen: Diese Worte – und andere aus dem religiösen Bereich – kamen im Diskurs mehrfach vor.
 
Ich nehme mich des Themas nicht deshalb an, weil ich den Tesla so weltbewegend finde. Mir geht es um das allgemeine Phänomen, dass immer wieder Produkte und Verhaltensweisen auftauchen, die uns umweltfreundlich scheinen, es aber nicht sind. Und dass man – wenn man dies aufzeigt – stets zur Antwort erhält, diese objektiven Gründe seien nicht so wichtig, vielmehr käme es darauf an, ein Zeichen zu setzen. Oder, noch schlimmer, "kein falsches Zeichen" zu setzen. Insofern hätte ich auch über Plastiksäckli schreiben können statt über Tesla.
 
Aber was sind denn nun, wenn man das Ganze aus der Distanz anschaut, die für mich wichtigen Punkte?
 
Die Rohstoffproblematik ist nicht auch nur annähernd im Griff. Tatsache ist, dass Elektromobilität auf seltene Metalle angewiesen ist und dass die Entsorgung noch in keiner Art und Weise so geregelt ist, dass nicht nur Stahl und Aluminium, sondern eben auch die neuen technischen Metalle erfasst werden. Die entsprechenden Schwierigkeiten haben wir im Rahmen von Swico Recycling ausgiebig untersuchen lassen.
 
Unser Strommix ist zudem bei weitem nicht so klimaschonend, wie es die Produktionsbilanz übers Jahr erscheinen lässt. Der in der Schweiz verbrauchte Strommix (und nur das zählt hier) ist deutlich CO2-belasteter als der in unserem Land insgesamt produzierte. Der Grund: Im Winter sind wir für unseren Stromkonsum massiv auf Kohlestrom-Importe aus dem Ausland angewiesen.
 
Elektromobilität wird heute mit "gutem Gewissen" gleichgestellt und sorgt dafür, dass das Mobilitätsverhalten nicht hinterfragt werden muss. Dank gutem Gewissen kann man gut in der Pampa leben, wo das Einfamilienhaus eine deutlich schlechtere Energie- und Umweltbilanz aufweist als die Stadtwohnung, woran auch Minergie Eco Green Plus Ultra Mega nichts ändern kann.
 
Wie im zuerst erwähnten Artikel ausgeführt, schneidet ein sparsamer Benziner per Saldo bezüglich Umweltbelastung besser ab als ein Tesla. Ich vertiefe das hier nicht.
 
Tesla ist ein Spassauto, das nicht nach Nützlichkeitskriterien entwickelt wurde. Es ist als Statussymbol gedacht, um gleichzeitig mit wirtschaftlicher Potenz und Umweltbewusstsein zu protzen. Tesla kann keine Fahrzeuge substituieren, die wir benötigen, um im Transportbereich volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren. Deshalb haben Haushalte mit Tesla bezeichnenderweise meist noch weitere Motorfahrzeuge in der Garage. So gesehen ist die These nicht von der Hand zu weisen, dass jeder zusätzliche Tesla auf der Strasse mehr Verkehr und zusätzliche Umweltbelastung generiert.
 
Zum Schluss noch eine Prise Polemik: Natürlich ist meine Stichprobe vielleicht verzerrt, doch einige dieser Tesla-Apostel kenne ich persönlich und sie entsprechen folgendem Strickmuster: Einfamilienhaus im Grünen, gut verdienend und die Frau fährt einen Zweitwagen (Smart!). Sie finden Tesla fahren einfach nur geil (die Beschleunigung!) – und so gut für die Umwelt. Sie alle halten mich für ein Umweltschwein, das die Welt direkt in die Katastrophe führt. Zwar haben meine Frau und ich seit Jahr und Tag kein Auto mehr. Aber dass ich den Tesla nicht für anbetungswürdig halte und es laut sage, empfinden sie als ausgemachten ökologischen Skandal. Obwohl ich doch kaum je Plastiksäckli benütze…
 
Jean-Marc Hensch (56) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.