Europäische Banken fahren der Digitalisierung hinterher

Man träumt von der Ausreissergruppe, fährt aber doch nur im Feld mit.
 
Der Consulter BearingPoint hat in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Finanz Zentrums (BFZ) 48 europäische Banken, darunter neun aus der Schweiz, zum Thema Digitalisierung befragt. Eines der eindrücklichsten Ergebnisse: Fast alle, nämlich 95 Prozent, so BearingPoint, glauben, dass man eigentlich einen grossen Vorteil davon hätte, als erster neue innovative digitale Technologien anbieten zu können. Aber abgesehen von den Direktbanken (Online-Banken ohne Filialen) beschreiben sich trotzdem alle Befragten als Nachzügler beziehungsweise "Second Mover".
 
Die Autoren der Studie teilen die befragten Banken in drei Kategorien ein: Zu den "digitalen Leadern" zählen sie nur die befragten Direktbanken. Die grösseren traditionellen Banken erhalten das Label "Digitalscheu" (Digital shy). Diese Banken hätten zwar Start-up-Programme im Bereich Digitalisierung ins Leben gerufen, würden aber noch von den vorhandenen Legacy-Systemen gebremst und reagieren eher als dass sie zu agieren. Immerhin seien diese Banken einigermassen gut darin, zumindest ihre Retail-Banking-Bereiche zu digitalisieren.
 
Regionalbanken und Filialen ausländischer Banken werden zu den "digitalen Nachzüglern" gezählt, die sich meist passiv berhalten und nur auf äussere Einflüsse reagieren. Zu den Gründen gehöre, dass eine eher konservative Kultur vorherrsche oder ihnen schlicht die Mittel für Digitalisierungsprojekte fehlen.
 
Digitalisierung vordringlich zur Kostensenkung
Auch wenn sie oft nur nachahmen, was andere schon vorgemacht haben, stecken Banken insgesamt Milliarden in Digitalisierungsprojekte. Das Ziel, so die Studie, sei gegenwärtig vorwiegend Kosteneinsparung. Umsatzsteigerung wird weniger oft als Ziel angegeben und die Eroberung neuer Märkte folgt an erst an dritter Stelle.
 
Dr. Robert Bosch, Partner bei BearingPoint, glaubt, dass diese Gewichtung falsch ist und kritisiert die Teppichetagen: "Banken brauchen Führungskräfte, die die Vorteile der Digitalisierung verstehen und eine umfassende und ganzheitliche Vorstellung davon haben, wie neue Technologien in der Organisation eingeführt und genutzt werden. Institute müssen in der digitalen Revolution eine Chance für Wachstum und die Verbesserung ihrer Services sehen – nicht nur eine Möglichkeit zur Kostensenkung."
 
91 Prozent der Befragten geben an, dass das Privatkundengeschäft ein Bereich sei, in dem digitale Technologien wesentlich zur Wertschöpfung beitragen. Aber auch die Vermögensverwaltung (81 Prozent) und die Wertschriftenverwaltung (79 Prozent) folgen nicht weit dahinter. Der bereits erarbeitete Digitalisierungsrad liegt aber deutlich unter diesen Werten. Nur 17 Prozent der Befragten glauben beispielsweise, dass sie im Privatkundengeschäft bereits einen hohen Digitalisierungsgrad erreicht haben.
 
Wenn Projekte durchgeführt werden, dann zum allergrössten Teil (88 Prozent) im Umfeld alter IT-Strukturen und Prozesse. Nur selten werden separate Abteilungen oder Inkubatoren gegründet.
 
Fintechs: Freund oder Feind?
Während die Banken noch Mühe mit der Digitalisierung bekunden, schiessen überall mit immer mehr Venture-Kapital gefütterte Fintech-Start-Ups aus dem Boden. Für sie stellen digitale Services die Grundlage ihres Geschäftsmodells darstellen, vom Versicherungsmakler, über Venture-Capital-Plattformen bis zum Online-Pfandleier. Dazu kommen IT-Riesen wie Apple, Google oder Facebook, die durch Online- und vor allem Handy-Bezahlplattformen ebenfalls in traditionelle Geschäftsfelder der Finanzindustrie eindringen. Etwas mehr als ein Drittel der befragten Bankmanager glaubt, dass solche Unternehmen bis 2020 ihre grösste Konkurrenz sein werden.
 
Bezüglich der Strategie zum Umgang mit diesen Fintechs teilen sich die befragten Banken in zwei ähnlich grosse Lager: Etwas mehr als die Hälfte möchte mit den neuen Marktteilnehmern kooperieren, während der Rest sie als reine Konkurrenz sieht. (Hans Jörg Maron)
 
(Foto: Dan Atrill