Von Hensch zu Mensch: Wahltag

Kolumnist Jean-Marc Hensch begibt sich aus aktuellem Anlass ins Bundeshaus.
 
"Bundesrat ist ein massiv überschätzter Job, auch wenn es in diesen Tagen nicht den Eindruck macht.
 
In einer ersten Phase ? sehr viel früher ? wirfst du deine persönlichen Überzeugungen über Bord, um im Verlauf der Jahre in deiner Partei weiter zu kommen und in ein Amt vorgeschlagen zu werden.
 
Dann biederst du dich an Stammtischen und Standaktionen bei Menschen an, mit denen du sonst nie ein Wort wechseln würdest, in der vagen Hoffnung, sie würden an der Parlamentswahl teilnehmen, für die richtige Partei stimmen und deinen Namen möglichst nicht streichen.
 
Später sprichst du mit Feuer über Themen, die dich keinen Deut interessieren, aber dir von der Fraktion zugewiesen wurden. Du vertrittst Anträge, die du intern hinter verschlossener Tür im Brustton der Überzeugung bekämpft hattest. Du lässt dich von besserwisserischen Journalisten zu Themen befragen, von denen sie (und du) keine Ahnung haben, die aber doch nett schreiben, weil sie ein Foto deines Schlafzimmers (inkl. kunstvoll drapiertem Teddybär) abdrucken dürfen, was wiederum deine Frau in Rage bringt.
 
Dann schwörst du heilige Schwüre, die Parteiraison durch alle Böden zu verteidigen, um als Kandidat aufs begehrte Bundesratsticket zu kommen. Du denkst natürlich keine Sekunde daran, dich daran zu halten.
 
Im Hearing der anderen Parteien dann schwörst du wieder heilige Schwüre, und zwar dass du als Bundesrat keinesfalls der Stallorder der eigenen Partei folgen werdest, denn dein einziges Ziel sei? 'alle Schweizerinnen und Schweizer zu vertreten'. Was natürlich nicht deine Absicht ist, aber gut tönt.
 
Und bist du erst mal Bundesrat geworden, so wirst du feststellen, dass du von den Hofschranzen deines Generalsekretariats und der Agenda derart erbarmungslos dominiert wirst, dass du sowieso keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst.
 
Bei Gott, wieso sollte man da je auf die Idee kommen, Bundesrat zu werden?
 
In diesem Sinn nehme ich die Wahl an!"
 
Jean-Marc Hensch (56) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.