Bund vergibt Riesenauftrag freihändig an Atos

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) vergibt den Auftrag zum Neubau des Polizei-Funknetzes an Atos. Volumen: 325 Millionen. Ausschreibung: Keine. Departement: VBS.
 
Daten lassen sich über das Schweizer Sicherheitsfunknetz Polycom für Behörden und Organisationen für Rettung und Sicherheit (BORS) zwar nur begrenzt transportieren, trotzdem soll es jetzt für knapp 325 Millionen Franken erneuert werden. Dass eine Erneuerung ansteht, war bereits sei geraumer Zeit bekannt. Pikant ist jedoch, dass bei der Auftragsvergabe "keine alternativen Anbieter angefragt worden sind", wie BABS-Kommunikationschef Kurt Münger gegenüber inside-it.ch bestätigte. Dass es sich bei den 324,8 Millionen Franken, die "freihändig" an Atos vergeben wurden, um einen ungewöhnlich hohen Betrag handelt, streitet Münger zwar nicht ab, verweist aber auf die Laufzeit des Projektes. Denn bis 2030 werde Atos den Betrieb, die Instandhaltung und den Umbau der Polycom-Infrastruktur von der TDM-Übertragungstechnologie (Time Division Multiplex) auf IP-Technik garantieren. Und es gäbe keinen anderen Anbieter, wie Münger betont.
 
Zu der Frage, ob zu diesem in der Schweiz vergleichsweise riesigen Betrag nicht auch andere Anbieter ein solches Netz bauen und betreiben könnten, verweist der BABS-Mann auf die Ausschreibung. Dort heisst es, das wegen der "unterschiedlichen Luftschnittstellen andere Technologien" für die Schweiz keine Alternativen seien: "Einerseits muss auf Grund der unterschiedlichen Zyklen beim Investitionsschutz von Bund und Kantonen die Koexistenz und damit die flächendeckende Zusammenarbeit jederzeit sichergestellt sein. Andererseits bedingt die Verwendung einer anderen Technologie in der Schweiz den Bau von zusätzlichen Sendestandorten".
 
Der französische Systemintegrator Atos scheint derzeit generell gut im Rennen in der Bundesverwaltung. So haben sich unlängst Atos mit ActaNova und Elca mit iGeko bei der Vergabe des Projektes GEVER im Bund durchsetzt. Für den Aufbau das System zur elektronischen Geschäftsführung ist ein Verpflichtungskredit über 67 Millionen Franken gesprochen worden. Sämtliche Departemente haben sich unterdessen für ActaNova und Atos entschieden.
 
"Alternativlos"
Laut BABS können die Systemkomponenten und deren Integration nur ("exklusiv") durch den Systemintegrator Atos sichergestellt werden: "Im Bereich der Lieferungen der Systemkomponenten, aber auch im Bereich Know-how in der Entwicklung, Integration, 3rd Level-Support kann ausschliesslich die Firma Atos die Lieferungen und Leistungen erbringen". Es handle sich um "eine proprietäre Technologie, die weltweit nur von Airbus angeboten wird". Zum Airbus-Konzern gehört die zu den weltweit grössten Rüstungsschmieden zählende EADS. Und EADS wiederum hat die Komponenten des Funknetzes unter dem Namen Tetrapol entwickelt, die man für Polycom eingesetzt hat. Die "Technologie und die dazu verwendeten Schnittstellen stehen im geistigen Eigentum von Airbus", heisst es denn auch weiter. Und in der Schweiz sei eben der französische Systemintegrator Atos "exklusiver Vertriebspartner für die Systemkomponenten und deren Software".
 
Parallelbetrieb, 15 Jahre Laufzeit
Der Gesamtumfang des mindestens 15 Jahre laufenden Auftrags schliesst neben der IP-Umstellung auch die Entwicklung eines TDM-IP-Gateways ein. So soll die Koexistenz von den beiden Übertragungstechnologien über mehrere Jahre mit vollständigem Funktionserhalt auf der Einsatzebene möglich sein. Atos hat dazu die entsprechenden Services für den Parallelbetrieb zu garantieren. Interessant ist, dass es sich hier um eine komplette Neuentwicklung für die Schweiz handelt, die "weltweit einmalig bei einem Tetrapol-Netz" sei, wie es heisst. Unter den "nationalen Komponenten" wird zudem die "Softwareentwicklung mit Polycom-spezifischen Bedürfnissen" genannt.
 
Hinzu kommen noch Lizenzgebühren und Migrations- sowie Integrationsleistungen. Weiter sollen mit "rund 40 neuen Vermittlungsstellen" die bisherigen rund 150 alten Vermittlungsstellen ersetzt werden und rund 770 Basisstationen beim Bund und den Kantonen. Und Atos verantwortet auch bis "mindestens 2030" den Betrieb und Instandhaltung der Vermittlungsstellen sowie deren Vernetzung. Im Betrag von 325 Millionen Franken sind die Kosten für Support (Softwarewartung und Systemunterstützung) inklusive. (vri)