Wie viele Jobs krallen sich die Maschinen?

Und: Wenn autonome Maschinen immer mehr Jobs übernehmen - Wer hat noch das Geld, um ihre Produkte und Services zu kaufen?
 
Maschinen verdrängen Menschen, machen alle Arbeiter arbeitslos. Diese Angst existiert schon, seit Ende des 18. Jahrhunderts die ersten maschinellen Webstühle ihren Einzug in die Tuchfabriken hielten. Schon bald folgten ihnen die Maschinenstürmer.
 
Auch die Idee der "künstlichen Intelligenzen", die den Menschen auch Entscheidungen - und vielleicht sogar die Entscheidungsfreiheit - abnehmen könnten, ist nicht gerade neu. Der Begriff "Artificial Intelligence" wurde laut Wikipedia vor rund 50 Jahren geprägt. Allen pessimistischen Zukunftsfantasien à la Colossus zum Trotz erwies sich die tatsächliche Entwicklung von künstlicher Intelligenz aber als wesentlich schwieriger und langwieriger als erwartet, und die Ängste ebbten wieder ab. Und das spontane Enstehen einer künstlichen Intelligenz als "technologische Singularität", zum Beispiel im Internet, ist heute wie schon in den 90er-Jahren noch reine Fantasie.
 
In den letzten Jahren wurden jedoch trotzdem reale Fortschritte erzielt, vor allem auf dem Gebiet der lernfähigen Maschinen. Und einige Experten warnen, dass Maschinen damit in den kommenden Jahren deutlich schneller als bisher Jobs übernehmen könnten, die bisher noch Menschen erledigen - mit massiven sozialen Folgen.
 
Computer erkennen bereits heute Sprache und Handschrift, schlagen passende Antworten für E-Mails vor und erkennen Objekte in Fotos. Sie übersetzen Texte, sagen den Verkehr voraus und lenken selbstfahrende Autos. Und: Sie lernen dabei selbst dazu.

Die Zeiten, in denen Maschinen sich nur stur an die von Menschen vorgegebenen Programm-Befehle halten konnten, sind vorbei. Der Schlüssel dafür ist neben Algorithmen für maschinelles Lernen die Explosion von günstig verfügbarer Rechenleistung und Speicherkapazität, wodurch die Verarbeitung gewaltiger Datenmengen in kürzester Zeit möglich wurde.

Die Grossen der Tech-Branche - Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft - reissen sich um die klugen Köpfe, die Maschinen das lernen beibringen können. Das Ergebnis des Fortschritts durchdringt heute unseren Alltag, von der Anordnung der Waren im Supermarkt bis hin zur Auswahl der angezeigten Facebook-Einträge. Doch Experten warnen vor schwerwiegenderen Folgen des maschinellen Lernens für die Gesellschaft: Computer und Roboter werden in der Lage sein, viel mehr Jobs zu übernehmen, die heute noch von Menschen ausgeführt werden.

Billige Arbeiter, schlechte Konsumenten
Analysten der Bank of America Merrill Lynch prognostizierten jüngst, dass zum Jahr 2025 rund 45 Prozent der Arbeit in der Produktion von Robotern ausgeführt werden dürfte. Heute seien es zehn Prozent. Und der Silicon-Valley-Investor Joe Schoendorf warnt, dass der Trend sich nicht auf die Industrie beschränken werde: Die Computer kämen in die Lage, in grossem Stil auch die Jobs von Büro-Angestellten zu übernehmen.

"Wir haben die Konsequenzen davon noch nicht durchdacht", sagt der Branchen-Veteran, der in seiner Manager-Karriere unter anderem bei Hewlett-Packard und Apple gearbeitet hatte und seit Ende der 80er Jahre beim Risikofinanzierer Accel Partners ist. "Was machen wir mit all den Leuten, deren Jobs wir ersetzen?"

"Wir treten in eine neu Ära ein", betonte auch der Autor des Buchs "Rise of the Robots" (Aufstieg der Roboter), Martin Ford, vor kurzem in einem Interview mit Bloomberg TV. "Ich denke nicht, dass es einen Weg gibt, die Roboter davon abzuhalten, unsere Jobs zu übernehmen", räumte er ein. Das werde man als Mensch wahrscheinlich auch nicht wollen, schliesslich habe die Technologie entscheidend zum heutigen Wohlstand beigetragen.

"Aber wir müssen uns anpassen und dafür sorgen, dass alle davon profitieren." Ein Problem sei, dass Maschinen keine Konsum-Nachfrage erzeugten, die wichtigste Stütze der Volkswirtschaft. Eventuell sei dies mit Hilfe eines Mindesteinkommens lösbar, mutmasste Ford. Zugleich könne man sich aber auch eine Zukunft ausmalen, in der niemand eine Arbeit machen muss, die er nicht mag oder einen gefährlichen Job.

Neue Initiative von Elon Musk
Der Chef des Autobauers Tesla und der Weltraumfirma SpaceX, Elon Musk, warnte bereits vor der Gefahr zu kluger Computer mit künstlicher Intelligenz für die Menschheit. "Wenn ich schätzen müsste, was die grösste existenzielle Bedrohung für uns ist, würde ich vermutlich darauf tippen." Zusammen mit anderen Silicon-Valley-Grössen wie LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman rief Musk die Initiative OpenAI ins Leben, die dafür sorgen soll, dass künstliche Intelligenz nicht nur für kommerzielle Zwecke eingesetzt wird. Für die Forschung wollen sie eine Milliarde Dollar lockermachen.

Die Technik hat aber auf jeden Fall noch einen langen Weg vor sich. "Künstliche Intelligenz zu meistern, hat sich als viel schwieriger als erwartet herausgestellt", räumte der Microsoft Forscher Eric Horvitz bei einem Auftritt in der Elite-Uni MIT ein. Die Auswirkungen für die Zukunft seien unklar. Aber die Revolution bei selbstlernenden Maschinen sei da. (Hans Jörg Maron/dpa)