Die IT-Branche – eine Chance für Nidwalden?

Foto: Christian Reiter
Der Wegzug von drei grossen Firmen und wenig Neugründungen führte zu einem Rückgang der IT-Arbeitsplätze in Nidwalden. Doch die Nidwaldner IT-Branche ist nicht chancenlos.
 
Die Informatikbranche ist aus mehreren Gründen attraktiv für einen Kanton. Die Zukunftsaussichten sind langfristig sehr gut und die Wertschöpfung hoch. Dadurch kann der Kanton langfristig mit höheren Steuereinnahmen rechnen. Zudem benötigen viele Informatikunternehmen, etwa Softwarehersteller, wenig Ressourcen und belasten die Umwelt kaum. Die Angestellten haben in der Regel einen hohen Bildungsstandard. Dies führt für den Kanton zu mehr Steuererträgen und geringeren Ausgaben in den Sozialversicherungen.
 
Im Rahmen seiner Matura setzt sich der Autor dieses Texts, Marco Reiter, mit der Situation der IT-Branche im Kanton Nidwalden auseinander und stellte inside-it.ch einen Teil seiner Analyse zur Verfügung.
 
Informatik in Nidwalden schwach
Die Situation im Nidwaldner Informatikbereich war schon besser. Im Gegensatz zum Schweizer Durchschnitt ist in Nidwalden seit 2001 die Anzahl Vollzeitstellen deutlich zurückgegangen. Momentan gibt es im Kanton Nidwalden 182 Vollzeitstellen in Informatikbetrieben.
 
Im Schweizer Durchschnitt hat die Anzahl Vollzeitstellen um 40 Prozent zugenommen, in Nidwalden entgegen dem Trend um ein Viertel abgenommen. Die Nachbarkantone Obwalden mit einem Wachstum von 250 Prozent und Luzern mit 52 Prozent haben deutlich besser abgeschnitten. In Obwalden hatte unter anderem die geänderte Steuerstrategie und der Aufbau der Forschungseinrichtung CESM in Alpnach einen positiven Einfluss.
 
Wegzug von drei IT-Arbeitgebern und kaum Neugründungen
Die Situation in Nidwalden ist durch den Wegzug von drei grossen Softwareunternehmen, Informing, Reiter und Partner sowie MGA Computer geprägt. Sie wurden alle durch in Nidwalden wohnhafte Informatiker gegründet und später im Rahmen der Entwicklung an Unternehmen ausserhalb des Kantons verkauft.
 
Im Jahre 2006 wurden Reiter und Partner durch den Hersteller Opacc in Kriens und MGA Computer durch RedIT in Zug übernommen. Die Informing AG wurde 2006 durch Max Frei, Eigentümer von ADV Informatik in Regensdorf übernommen. 2008 wurden die Standorte der beiden Firmen in Steinhausen zusammengelegt. Damit ist auch ein grosser Teil der Stellen im Kanton Nidwalden weggefallen. Bei den Firmen handelte es sich um Unternehmen, die Softwarelösungen realisiert und in der ganzen Schweiz verkauft haben. Für den Kanton Nidwalden wäre es aufgrund der Übernahmen nur schwer möglich gewesen, die Unternehmen in Nidwalden zu halten.
 
Bei den Neugründungen ist die Situation auch nicht viel besser. In den Jahren 2010 bis 2013 wurden in Nidwalden 20 Unternehmen mit 21 Vollzeitstellen gegründet. Verglichen mit dem ähnlich gelagerten Kanton Obwalden ist auch die aktuelle Entwicklung unterdurchschnittlich. Dort entstanden mit 38 neuen Unternehmen 46 Stellen.
 
Gegenüber dem Schweizer Durchschnitt und den umliegenden Kantonen ist die Informatik im Kanton Nidwalden stark untervertreten. Im Gegensatz zu anderen kleineren Kantonen weist Nidwalden aber keine überdurchschnittliche Konzentration auf einzelne Branchen auf, auch wenn es mit der Pilatus Flugzeugwerke AG ein nicht zu unterschätzendes Klumpenrisiko gibt.
 
Bildung und Cloud Computing als Schlüssel zum Erfolg
Für Informatikunternehmen sind insbesondere die Standortfaktoren Lebensqualität, Arbeitsmarkt, Kundennähe, Infrastruktur und Steuern entscheidend. Der wichtigste Faktor in der Informatik ist der Arbeitsmarkt, da die Unternehmen auf hochqualifizierte Mitarbeiter angewiesen sind. Dort gibt es bereits seit einiger Zeit grosse Engpässe. Es wird geschätzt, dass in der Schweiz in den nächsten Jahren bis zu 30'000 IT-Fachkräfte fehlen. Es hat sich zudem gezeigt, dass bei Neugründungen von Informatikunternehmen für die Standortwahl der aktuelle Wohnort und das soziale Umfeld der Gründer das wichtigste Kriterium ist.
 
Die durch die geographische Lage nicht optimale Erreichbarkeit und der begrenzte Arbeitsmarkt für höchst-qualifizierte Mitarbeiter ist die Situation für den Kanton Nidwalden recht schwierig. Mit der Standortwahl des Departements Informatik der Hochschule Luzern in Rotkreuz hat sich die Lage für Nidwalden eher verschlechtert.
 
Grossunternehmen anzulocken und Zürich und weitere grosse IT-Standorte auszustechen ist illusorisch. In vielen Kantonen gibt es Pläne, wie die Ansiedlung von Informatikunternehmen gefördert werden kann. In Zürich sind konkrete Projekte geplant und grosse Interessensverbände aus Politik und Wirtschaft auf oberster Ebene gebildet worden. Der Informatikstandort Luzern ist aber im schweizerischen Durchschnitt nur mässig gewachsen, während sich Zürich die Leaderposition mit überdurchschnittlichem Wachstum gefestigt hat.
 
In diesem Umfeld hat Nidwalden nur mit einer Nischenstrategie eine Erfolgschance. Dabei geht es primär um Neugründungen und die Ansiedlung von kleinen und mittleren Unternehmen. Es ist wichtig, konkrete Massnahmen zu ergreifen und umzusetzen.
 
Dazu gehört auch, bereits früh in der Schule die Informatik aktiv zu fördern. Es braucht einen besseren Informatik Unterricht, der spannend und praxisorientiert ist. Er sollte die Jugendlichen dazu animieren, sich mit den Möglichkeiten der Informatik zu beschäftigen. Dabei sollte die Verbindung zwischen Wirtschaft und Informatik vermittelt werden. Denn nur wer die Informatik und die wirtschaftlichen Aspekte im Griff hat, kann ein Unternehmen gründen und auch längerfristig selbständig entwickeln.
 
Ein weitere mögliche Massnahme ist die Fokussierung auf eine zukunftsfähige Nische innerhalb der Informatik. Aktuell bietet sich die Bildung eines Clusters im Bereich des Cloud Computing an. Der Kanton Nidwalden verfügt mit nicht mehr genutzten Militäranlagen und einer guten Basisinfrastuktur über gute Voraussetzungen. In Zusammenarbeit mit Zentralschweizer Softwareunternehmen lassen sich spezialisierte Cloud-Angebote realisieren, die von einem sicheren Schweizer Standort profitieren. Dabei könnte der Kanton im Rahmen der Wirtschaftsförderung und des EWN als Initiator dienen.
 
Nidwalden nicht chancenlos
Nidwalden hat realistische Chancen, um künftig zusätzliche Arbeitsplätze in der Informatik anzusiedeln. Allerdings muss beachtet werden, dass eine direkte Konkurrenz zu Zürich und anderen grossen Standorten sinnlos ist. Als unternehmensfreundlicher Kanton mit einer hohen Lebensqualität sollte sich Nidwalden auf konkret umsetzbare Massnahmen konzentrieren. Hierbei dürfte der einfachste Weg über Zentralschweizer Unternehmen führen, die sich in ihrer Entwicklung mit Cloud Computing auseinandersetzen. Sie alle haben aktuelle, spezifische Bedürfnisse in diesem Bereich, die gemeinsam im Rahmen eines Clusters umgesetzt werden könnten. Damit könnte sich der Kanton Nidwalden von den umliegenden Kantonen deutlich abheben. (Marco Reiter)
 
Über den Autor: Marco Reiter ist 18 Jahre alt und aus Buochs im Kanton Nidwalden. Er schliesst die Kantonale Mittelschule in Stans diesen Sommer ab und besucht dort das Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht. Den Artikel hat er im Rahmen seiner Matura geschrieben.