Von Hensch zu Mensch: Wünsch dir was!

Kolumnist Jean-Marc Hensch erwartet immer noch etwas von der Politik. Was für ein Traumtänzer!
 
Ein erneuertes Parlament, ein frisch gewählter Bundesrat und ein neues Jahr sind für mich Anlass genug, um ein paar Erwartungen unserer Branche an die Politik zu formulieren. Nun denn: Aus meiner Sicht wünscht sich die ICT-Branche
 
Einen Nationalrat, dessen oberster Ehrgeiz nicht darin besteht, den Schweizer Bauern möglichst 90 Prozent des Bundeshaushalts zu überlassen. Der sich also primär mit den Zukunftsfragen befasst, die für das ganze Land und die Mehrheit der Bevölkerung relevant sind. Mit anderen Worten: Weniger Ballenberg.
 
Einen Ständerat, der sich nicht als Ansammlung von Individualisten versteht, die sich je ihrem individuellen Gärtchen (oder Kantönli) widmen; der sich bewusst ist, dass mit "chambre de reflexion" nicht Selbstbespiegelung gemeint ist. Kurz: Weniger Schrebergarten-Denken.
 
Einen Bundesrat, der als Kollegium oder auch individuell Führungsstärke zeigt und eigene Meinungen prägnant äussert, der sich nicht von einer Entourage herumdirigieren lässt, für die Journalisten und Demoskopen das Mass aller Dinge sind. Anders formuliert: Weniger Windfahnen!

Eine Bundesverwaltung, welche Unternehmen nicht primär als kriminelle Organisationen betrachtet, denen man jegliche Entscheidungsfreiheit wegregulieren muss, da Firmen ja doch nicht in der Lage sind, politisch korrekt zu handeln. Und denen es sowieso nur darum geht, Geld zu verdienen (pfui!). Also: Weniger Überheblichkeit!
 
Ein Bundesgericht, für das die Rechtsprechung nicht primär juristisches Mikromanagement ist, sondern das sich dessen bewusst ist, dass Urteile eines Höchstgerichts auch eine (staats)politische Aussenwirkung haben. Deshalb: Weniger Elfenbeinturm!
 
Bundesbetriebe, welche die monopolistisch angefressenen Geldreserven nicht dazu missbrauchen, um unter Berufung auf den freien Wettbewerb in allen möglichen Branchen privatwirtschaftliche Unternehmen zu unterbieten, an die Wand zu drücken oder zu schlucken. Kurz: Weniger über den Hag fressen!
 
Nun ist es natürlich etwas billig, nur von anderen etwas zu verlangen. Daher habe ich mir auch überlegt, wie denn eine Wunschliste an die Adresse der ICT-Wirtschaft aussehen würde. So erhoffe ich mir zum Beispiel:
 
ICT-Firmen, welche eine langfristige Vision haben, die ihnen erlaubt, bei aller Kurzfristigkeit des Tagesgeschäftes in die Aus- und Weiterbildung der eigenen Leute zu investieren, statt sich als Durchlauferhitzer für Humankapital zu verstehen. Kurz: Mehr Weitsicht!
 
Unternehmen, welche sich personell und finanziell in branchenweite Initiativen einbringen, die sich nicht schon morgen, sondern vielleicht erst übermorgen in der Erfolgsrechnung niederschlagen werden. Also: Mehr Engagement!
 
Manager in internationalen Konzernen, die sich noch mehr auf die Hinterbeine stellen und nicht grad einknicken, wenn zentrale Stabsstellen im Ausland Weisungen erlassen, die in der Schweiz unpraktikabel oder sozial verpönt sind. Daher: Mehr Zivilcourage!
 
Und nun erwarte ich von den Lesern, welche weiter oben am lautesten geklatscht haben, dass sie sich auch meine Ausführungen weiter unten zu Herzen nehmen. In diesem Sinne, wenn auch etwas verspätet: Es guets Nöis! (Jean Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (56) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.