Kickstarters grösstes Europaprojekt groundet

Ist Crowdfunding in Gefahr?
 
Das grösste europäische Projekt auf der bekannten Crowdfunding-Plattform Kickstarter ist gescheitert. Der Fall des bankrotten Drohnenherstellers Torquing ist so gravierend, dass Kickstarter ihn vom unabhängigen Journalisten Mark Harris untersuchen liess. Harris hat seine Erkenntnisse veröffentlicht. Er kommt zum Schluss, dass die Firma Torquing mit der starken Nachfrage der Crowdfunding-Unterstützer nach der geplanten Drohne "Zano" überfordert war. Harris übt auch Kritik an der Crowdfunding-Plattform Kickstarter: Kickstarter solle einen Umgang mit überfinanzierten, zu wenig ausgefeilten und unprofessionellen Projekten finden, um unnötige Enttäuschungen zu verhindern. Der Reihe nach.
 
Überfinanziertes Crowdfunding-Projekt
Kickstarter ist weltweit eine der grössten Plattformen für Crowdfunding. Torquing sammelte für eine handgrosse Drohne mit dem Namen Zano. Das ursprüngliche Ziel von 125'000 englischen Pfund für eine Startfinanzierung wurde schnell erreicht und dann weit übertroffen. Als die Finanzierungsphase im Januar 2015 endete, waren etwa 2,3 Millionen englische Pfund zusammengekommen. Doch die Firma hinter Zano, Torquing Group Ltd., verschob die Lieferung immer wieder und meldete im November 2015 Insolvenz an. Von den total 15'000 Crowdfunding-Unterstützern und den ersten Bestellern im Vorverkauf haben nur 600 Personen eine, wenn überhaupt, schlecht funktionierende Drohne erhalten.
 
Crowdfunding-Plattformen sammeln nicht immer genügend Geld, um ein Projekt überhaupt zu starten, aber auch erfolgreich finanzierte Projekte können schief gehen. Wie aber ist es möglich, dass das finanziell grösste Crowdfunding-Projekt in Europa schief geht, die Unterstützer im Regen stehen gelassen werden und dass Kickstarter nur mit den Schultern zuckt? Ganz passiv ist Kickstarter nicht geblieben, denn man hat den Fall immerhin von Harris untersuchen lassen.
 
Projekt Zano: Versprechen, die nicht eingehalten werden können.
Zano wäre eine kleine Drohne, die mit iPhone- und Android-Smartphones gesteuert werden sollte. Neuartig daran war die Idee, dass die Drohne per Gesten gesteuert werden sollte, einen Selbstfliegmodus besässe und einer Person, respektive einem Smartphone folgen könnte, erklärte Torquing damals den Crowdfunding-Enthusiasten. Eine benutzerfreundliche Vernetzung mit sozialen Medien war ebenfalls geplant gewesen. Die Flugzeit für die Drohne hätte volle 15 Minuten betragen sollen. Erstaunlich lange für eine so kleine Drohne. Auch dieses Versprechen wurde nie eingehalten.
 
Überforderung und fehlender Realismus
Ein Werbevideo auf Kickstarter zeigte keinen kompletten Flug von Zano. Ausserdem war das Video vermutlich übermässig nachbearbeitet worden. Trotzdem war die Nachfrage auf Kickstarter für das Projekt sehr gross. Die zu grosse Nachfrage auf Kickstarter verführte die Torquing dazu, immer neue Funktionen für die Drohne zu versprechen.
 
Warnzeichen gab es schon an der Consumer Electronics Show 2015. Probeflüge mit Zano waren nicht möglich, angeblich weil der Laptop von einem Manager von Torquing gestohlen worden war.
 
Bei einem Crowdfunding-Projekt sollten die Projektunterstützer normalerweise regelmässig über den aktuellen Stand und die nächsten Schritte eines Projektes informiert werden. Diese hat laut Harris regelmässig stattgefunden und war im Grossen und Ganzen ok. Doch Torquing kommunizierte nicht vollständig und zeigte immer wieder Mangel an realistischer Einschätzung der Situation, so Harris.
 
Unprofessionell aber kein Betrug
Laut Mark Harris waren die Fristen für die Entwicklung der Drohne und deren Spezifikationen überambitioniert. Das Material für die Produktion von 15'000 Drohnen wurde bestellt und gekauft bevor ein voll funktionierender Drohnenprototyp vorhanden war.
 
Eine betrügerische Absicht im Umgang mit Geld sei aber nicht zu erkennen, schreibt Harris. Trotzdem: Der Journalist findet die Löhne und die Ausgaben für nicht wirklich benötigte Geräte und Autos des gescheiterten Drohnen-Herstellers als zu hoch ein. Der unprofessionelle Umgang mit Geld zeigte sich dann auch darin, dass zuerst Kunden aus dem Vorverkauf und nicht die Kickstarter-Unterstützer, die erste und einzige Lieferung von 600, allerdings fehlerhaften, Drohnen erhielten. Denn die Kunden aus dem Vorverkauf hatten mit Paypal bezahlt, bei dieser Zahlungsabwicklung wird das Geld erst bei Lieferung überwiesen.
 
Als Ivan Reedman, der Initiator und einzige Entwickler von Zano, Anfangs November 2015 die Firma Torquing aus gesundheitlichen Gründen verliess, wurde das Projekt eingestellt. Die Firma sass zu diesem Zeitpunkt auf einem Schuldenberg von einer Million englischer Pfund und meldete Insolvenz an. Kurz danach verschickte Kickstarter eine Nachricht an die Zano-Unterstützer auf der Crowdfunding Plattform. Darin äusserte Kickstarter ihr Bedauern über das Scheitern des Projekts und wies auf die allgemeinen Benutzungsbestimmungen von Kickstarter hin: Kickstarter ist ein Vermittlungsdienst zwischen Unterstützer und Projekten und kann den Produzenten eines Projekts nicht finanziell belangen.
 
Brauchen Crowdfunding-Projekte mehr Kontrolle?
Trotzdem war der Druck durch negative Presse und enttäuschte Unterstützer des Projekts Zano offenbar so gross, dass Kickstarter die erwähnte Untersuchung bestellte.
 
Zum Schluss seines Textes fragt Harris, ob Kickstarter richtig mit komplexen Projekten und massiver Überfinanzierung umgeht. Einerseits sollen die Crowdfunding-Plattformen solche Projekte besser prüfen, andererseits könnten solchen Projekten auch professionell unter die Arme gegriffen werden, schreibt Harris.
 
Crowdfunding-Unterstützer sind aber auch für sich selbst verantwortlich. Sie gehen zu oft unbesehen davon aus, dass die unterstützten Projekte erfolgreich sein werden und setzen sich wenig mit der technischen Realität oder dem Geschäftsmodell des Anbieters auseinander. (Deha Dursun)
 
Im folgenden Artikel auf Arstechnica sind wir über den Bericht von Mark Harris gestolpert.