Temenos, der Schweizer Markt und die Fintechs

Temenos Marekting-Chef Ben Robinson am Genfer Hauptsitz des Software-Unternehmens.
Temenos Marketing-Chef Ben Robinson erläutert im Exklusiv-Interview mit inside-it.ch die Strategie des Software-Herstellers in der Schweiz, sagt warum Temenos nicht selbst als BPO-Anbieter auftreten will und wie sich der heimliche Schweizer Software-Champion im heissen Fintech-Markt bewegt.
 
Der Genfer Software-Hersteller Temenos wird, obwohl börsenkotiert, in der Deutschschweiz nur wenig wahrgenommen. Dabei hat Temenos vor ziemlich genau einem Jahr mit dem Gewinn des Bär-Deals einen veritablen Coup gelandet. Doch die Genfer haben weitere Kunden am Zürcher Finanzplatz, zum Beispiel Credit Suisse. Die Grossbank betreibt die Geschäfte in Asien auf der Temenos-Plattform. Dass man in der deutschsprachigen Schweiz so wenig vom eigentlichen Schweizer Software-Champion weiss, war uns Grund genug, nach Genf zu reisen und uns mit Marketing-Chef Ben Robinson zu unterhalten.
 
Ich glaube, nicht nur wir von inside-it.ch waren überrascht, als Temenos letzten Winter den Julius-Bär-Deal gewonnen hat. Temenos wurde bisher in der deutschsprachigen Schweiz nur wenig wahrgenommen. Wird sich das nun ändern?
 
Ben Robinson: Wir fokussieren mehr als in der Vergangenheit auf den Schweizer Markt. Es ist eine merkwürdige Situation. Wir sind in unserem Geschäft, dem Markt für Bankensysteme, weltweit Marktführer. Das bestätigen sowohl Forrester wie auch IBS. Wir sind aber nicht Marktführer in der Schweiz. Denn Temenos-Gründer George Koukis wollte von Beginn weg eine globale Software-Firma aufbauen.
 
Heute haben wir über 30 Kunden in der Schweiz. Unsere Plattform eignet sich speziell gut für Banken wie Julius Bär, die sehr international ausgerichtet sind. Ich denke, wir werden nun im Schweizer Markt noch präsenter werden.
 
Werden Sie eine Niederlassung in Zürich aufbauen?
 
Ben Robinson: Wir planen, ein Büro in Zürich zu eröffnen, da wir Potenzial im Schweizer Markt sehen. Es gibt vielleicht nur wenige „greenfield opportunities" für Temenos. Doch wir sehen Chancen, bei einigen Kreditinstituten Konkurrenzsysteme zu ersetzen oder bei den grössten Banken einzelne Geschäftseinheiten auszurüsten.
 
Temenos und der Entwicklungsstandort Schweiz
Wo entwickelt Temenos Software? Wie wichtig ist die Schweiz als Produktionsstandort für Temenos?
 
Ben Robinson: Wir haben ein grosses Entwicklungszentrum in Chennai, Indien. Dort haben wir den grössten Entwicklerpool. Aber man kann nicht einfach Spezifikationen in der Schweiz schreiben und dann in Indien entwickeln. Das funktioniert nicht. Wir arbeiten mit Centers of Excellence. In der Schweiz sitzt unser Zentrum für Private Banking, in UK dasjenige für Retailbanking und Architektur. Wir arbeiten mit kleinen Teams, die über verschiedene Länder und auch Kontinente aufgeteilt sind. Es sind kleine, agile Teams.
 
Finden Sie die Leute in Genf?
 
Ben Robinson: Wir haben etwa 40 bis 50 Entwickler in Lausanne, etwas weniger in Genf. Man findet zwar eine hohe Qualität unter den Entwicklern in der Schweiz, aber es ist sehr schwierig, zu wachsen. Deshalb bauen wir Teams über verschiedene Länder, zum Beispiel der Schweiz, Rumänien und Indien, auf.
 
Reifer Schweizer Markt
Der Schweizer Markt für Kernbankensysteme scheint mir mehr oder weniger verteilt. Es gibt nicht mehr viel zu holen, denn die letzten grossen Entscheide, Postfinance, Julius Bär und Raiffeisen sind gefallen. Wo will Temenos in der Schweiz noch wachsen?
 
Ben Robinson: Viele Banken in der Schweiz haben sich für ein System entschieden. Wenn eine Bank sich für eine IT-Plattform entschieden hat, will sie sie lange betreiben. Aber wir könnten in der Schweiz einen weiteren Zyklus der Systemwechsel sehen.
 
Glauben Sie, dass eine der grossen oder sehr grossen Banken wie ZKB, UBS oder Credit Suisse sich doch einmal für ein Standardprodukt entscheiden?
 
Ben Robinson: Wir sehen generell, das grössere Banken in unseren Markt eintreten. Unsere Software besteht aus Modulen, so dass man die Plattform Stück für Stück einführen kann. Einführungsprojekte werden so besser steuerbar. Das Software ist offen und kann mit jedem unterliegenden System, auch einem Mainframe, kombiniert werden. Und wir arbeiten mit allen grossen Systemintegratoren wie Accenture zusammen.
 
Die Industrie wird reifer und Banken realisieren, dass sie ihre IT-Systeme modernisieren müssen, wenn sie ihren Kunden das bieten wollen, was heute wirklich zählt: schöne, digitale Kundenerfahrungen. Das geht aber nur mit real-time, integrierten IT-Plattformen, die um die Kundenbedürfnisse und nicht um Produkte herum gebaut sind.
 
Es gibt 22'000 regulierte Bankinstitute weltweit und vielleicht weitere 40'000 Institute, die nur teilweise oder gar nicht reguliert sind. Zum Beispiel Mikrofinanz-Institute. Es gibt eine riesige Zahl von Finanzinstituten, die eine Standardlösung brauchen und der Markt ist weit offen.
 
In der Schweiz wird sich der Markt nur bewegen, wenn sich entweder grosse Institute für den Wechsel zu einer Standardlösung entscheiden oder wenn ein neuer Ersatzzyklus in Gange kommt.
 
Ihr Zielmarkt sind demnach die 80 Prozent der weltweit 22'000 Banken, die noch keine Standardsoftware einsetzen?
 
Ben Robinson: So ist es. Unsere Plattform ist zudem viel breiter als früher. Wir haben Software, die Transaktionen erfasst und verarbeitet, Kernbankensoftware, Risiko- und Compliance-Lösungen, Software für digitale Kanäle und Business Analytics. Wir sprechen nun mehr von Suiten. Es gibt eine komplette Suite für Retail-Banken, eine für Privatbanken und so weiter.
 
Aber sie verkaufen auch einzelne Komponenten? Wenn eine Bank eine Lösung für Compliance-Management braucht, kann sie die von Ihnen haben?
 
Ben Robinson: Wir haben end-to-end vertikale Lösungen und andererseits Produktfamilien. Man kann die Produkte, die kombiniert eine Suite ausmachen, auch einzeln kaufen.
 
Keinerlei BPO-Pläne
Es ist nicht lange her, da hat jeder in der Bankenwelt über BPO gesprochen. Und ihr Mitbewerber Avaloq baut eigene BPO-Centers auf. Ich habe nie gehört, dass Temenos selbst ins BPO-Geschäft eingestiegen wäre. Wie ist ihre Sicht auf das Thema?
 
Ben Robinson: Wenn ein Temenos-Kunde unsere Software in einer grössern Umgebung betreiben will, so ermöglichen wir das zusammen mit Partnern. Aber es ist nicht unsere Kernkompetenz, Prozesse für eine Bank zu betreiben. Wir schreiben Software, wir wissen nicht, wie man eine Bank betreibt.
 
Man behauptet, die Erträge in der Banken-Informatik würden von Software-Herstellern zu den BPO-Betreibern gehen. Sie sehen das offenbar gar nicht so?
 
Ben Robinson: Die Frage ist interessant. Wir liefern die Software und der Kunde kann sie in einer Cloud, in einem BPO-Center, wo immer er will, betreiben. Unsere Software ist mandantenfähig und kann deshalb perfekt in einer BPO-Umgebung eingesetzt werden.
 
Heute werden immer noch 80 Prozent der IT-Ausgaben von Banken für Inhouse-Systeme verwendet. Die grosse Mehrheit der Banken hat noch nicht einmal paketierte Standard-Software. Der Wechsel zu Standard-Software bringt einen enormen Effizienzvorteil und senkt die Kosten. Banken, die Temenos betreiben, weisen typischerweise einen bis zu 40 Prozent höheren Kapitalertrag aus.
 
Die Industrie muss also in einem ersten Schritt den Wechsel zu Standard-Software wagen. In einem zweiten Schritt kann man die Effizienz mit der Migration zu einer Cloud-Umgebung steigern. Damit kann man Infrastrukturkosten senken, ohne Autonomie aufzugeben. Ich bin nicht überzeugt, dass der Wechsel zu einem BPO-Modell die Sache wert ist. Denn die theoretisch höhere Kosteffizienz, wird durch den Verlust an Autonomie bei der Gestaltung der operativen Modelle aufgewogen.
 
Banken werden immer mehr wie Online-Retailer. Diese arbeiten sehr oft mit Bonuskarten und ähnlichem. Es ist schwierig, solche Kundenbelohnungssysteme in eine BPO-Umgebung zu integrieren.
 
Wenn ein Kunde allerdings BPO möchte, dann ist es unsere Aufgabe, das zu ermöglichen.
 
Gibt es BPO-Provider, deren Systeme auf Temenos laufen?
 
Ben Robinson: Ich glaube nicht. Es gibt Kunden, die Temenos in einer Cloud betreiben, aber nicht in einem BPO-Modell.
 
Temenos und die Fintechs
Alle reden über Fintech. Ich habe gesehen, dass Sie im Genfer Fintech-Accelerator Fusion engagiert sind. Was ist die Strategie von Temenos gegenüber Fintech-Startups? Beobachten Sie sie, um sie vielleicht einmal übernehmen zu können? Sind Fintech-Startups eine Gefahr für Temenos?
 
Ben Robinson: Temenos ist einer der Kernsponsoren von Fusion. Das hat verschiedene Gründe. Wir wollen der Community etwas zurückgeben, wollen aber auch genau verfolgen, was in der Fintech-Szene passiert und Trends feststellen.
 
Wir glauben als Firma, dass die Heirat zwischen Fintech und Banken symbiotische Effekte haben kann. Fintechs sind wie alle Startups meistens äusserst beweglich und innovativ. Sie senken zum Beispiel Transaktionskosten und sind so eine positive Kraft für das Banking. Sie haben aber wenig Mittel und keinen Zugang zu den Distributionskanälen, die Banken haben. Wir denken, man könnte Fintechs an Banken ankoppeln. Banken bekommen so Zugang zu guten Ideen und beweglichem Denken und Fintechs bekommen Zugang zu den Distributionskanälen und dem Kapital der Banken.
 
Wir als Temenos öffnen unsere Software-Plattform für Fintechs. Es gibt über 14'000 APIs für Temenos. Alle Daten und Services können von Fintechs benützt werden, um ihre Systeme an unsere Plattform anzudocken. Unsere Plattform wird von 2000 Finanzinstituten eingesetzt und vielleicht zehn Millionen Kunden dieser Institute benützen sie indirekt. Wir geben Fintechs über unseren Marktplatz Zugang zu diesen Instituten und Kunden.
 
Wie funktioniert der Temenos-Marktplatz?
 
Ben Robinson: So wie der Apple Store. Man kann den Marktplatz durchsuchen, Apps werden bewertet und man kann eine Applikation in einer Sandbox testen. Man kann eine Applikation im Marktplatz auch kaufen und in ein laufendes System integrieren.
 
Wir offerieren im Fintech-Inkubator Fusion die Sandbox. Fusion-Teilnehmer können Applikationen für den Marktplatz bauen. Wir sprechen aber ein viel weiteres Ökosytem an. So haben wir ein API für das Open-Bank-Projekt geschrieben, so dass die Apps der Entwicklergemeinde des Projekts auch in unserem Marktplatz zugänglich sind.
 
Grundsätzlich wollen wir möglichst viele Leute motivieren, zusätzliche Apps zu entwickeln. Wir wollen es unserer Bank-Community einfach machen, Zugang zu Innovation zu erlangen.
 
Sie umarmen also ihre Feinde? Denn die App-Entwickler können ja auch Konkurrenten sein oder werden.
 
Ben Robinson: Die Entwickler erkennen die wichtigen Themen der Finanzindustrie: Zu hohe Pofite, oder zu hohe Kosten wegen Friktionen in den Transaktionen, Demokratisierung des Bankings, indem man die Services mehr Menschen zugänglich macht. Aber App-Entwickler stehen vor hohen Barrieren. Sie brauchen Vertriebskanäle und man muss ihnen vertrauen.
 
Banken müssen verstehen, dass sie ihr Geschäft in jedem Fall kannibalisieren müssen. Sie werden gewisse Ertragsströme aufgeben müssen, wenn sie die Anlaufstelle für Kunden bleiben wollen. Diese Erkenntnis ist kritisch, denn Fintechs erobern schon heute Marktanteile im Kreditwesen, Zahlungsverkehr oder Devisenhandel. Wenn Banken nicht mehr Anlaufstelle für die Kunden sind, werden sie die Kontrolle über die Kundenbeziehung verlieren und damit die Fähigkeit zu Up- und Cross-selling. Banken wären gut beraten, Fintech-Services über ihre eigene Plattform anzubieten, weil sie so wenigstens die Kundenbeziehung behalten.
 
Das grösste Potential die Bankenwelt zu verändern, hat Blockchain-Technologie. Was halten Sie von dieser These? Gibt es Blockchain-Firmen in Fusion?
 
Ben Robinson: Es gibt zwei Firmen bei Fusion, die sich mit Blockchain befassen.
 
Ich glaube, der entscheidende Punkt für Banken wird die Distribution sein. Amazon ist ein gutes Beispiel: Man bestellt ein Buch bei Amazon und glaubt, man kaufe es dort und es würde einem von Amazon geliefert. Das stimmt aber gar nicht, denn Amazon arbeitet mit einer Myriade von Partnern. Amazon beherrscht nicht die Wertschöpfungskette, sondern nur die Distribution. Aber Amazon schöpft den Grossteil des Profits ab.
 
Banken müssen also sehr genau darauf schauen, die Distribution zu kontrollieren. Blockchain ist aus meiner Sicht weiter unten in der Wertschöpfungskette angesiedelt. Die Technologie kann bei Settlement, digitaler Identität oder Zahlungen über Grenzen hinweg helfen. Ich denke, zum Schluss werden Banken von der Blockchain-Technologie profitieren. Zahlungen über die Grenzen hinweg abzuwickeln ist wirklich kompliziert. Blockchain-Technologie kann solche Prozesse massiv vereinfachen. Und bedroht deshalb vielleicht das Business-Modell von Playern wie Swift. Auch wenn es um Handelsfinanzierung geht, könnte Blockchain wichtig werden. Auch Handelsfinanzierung ist sehr kompliziert mit all den Frachtbriefen und ähnlichem. Man kann in Systemen, die auf Blockchain aufbauen, kleine Verträge integrieren, die sich selbst bei bestimmten Bedingungen erfüllen. Diese Funktionen können in der Handelsfinanzierung sehr wichtig werden.
 
Plädoyer für eine Industriepolitik
Wieso wurde Temenos in Genf gegründet. Genf ist ja nicht gerade als Software-Metropole bekannt.
 
Ben Robinson: Der erste Grund war, dass der Gründer von Temenos in Genf zu Hause war. Zweitens ist Genf ein Hub für Banking. Nicht für IT, aber für die Finanzindustrie. Wir haben zuerst Software für Privatbanken etnwickelt und sie erst später zu einer Lösung für Retailbanken ausgebaut.
 
Ich glaube, Genf hat eine gute Chance, die Fintech-Haupststadt der Schweiz zu werden. Das Ökosystem ist wichtig und rund um Fusion entwickelt sich ein solches. Fintech wird in Genf oder Zürich oder in beiden Plätzen stattfinden.
 
Die Schweiz kam ziemlich spät als Standort für Fintechs auf. Aber jetzt holt sie rasch auf. Es gibt viele aktive Leute und Initiativen in Fintech. Nun wäre es schön, wenn auch die Regierung eine Industriepolitik entwickeln würde. Die Finanzindustrie in der Schweiz ist verhältnismässig grösser als in Grossbritannien und je stärker man in Fintech ist, desto besser ist man vor Disruption geschützt.
 
Was könnte eine solche Industriepolitik sein? Innovationsparks, wie sie geplant sind?
 
Ben Robinson: Es geht nicht um Dinge wie Industrieparks. Sondern es geht darum, dass es leicht sein sollte, Talente anzuziehen. Die Regierung müsste Ausnahmen bezüglich Arbeitsbewilligungen und Visen machen. Und man müsste die Regelung für Pensionskassen ändern, so dass sie einen ganz kleinen Teil des Kapitals in Fintechs investieren müssten.
 
Findet man in Genf genug Geld und Fachleute? Das Hauptproblem dürfte sein, Fachkräfte zu finden?
 
Ben Robinson: Das Problem besteht nicht nur in der Schweiz. Nur vier der zehn Startups in Fusion wurden in der Schweiz gegründet. Sechs sind nach Genf gezogen. Wir hatten bis heute keine Probleme, Visen zu oder Arbeitsbewiligungen zu bekommen.
 
Für Risikokapital arbeiten wir mit Polytech in Lausanne zusammen. Kapital ist ein Thema, weil es in der Schweiz, keine etablierte Risikokapital-Industrie gibt. Aber die Situation verbessert sich.
 
Die Kleinheit des Heimmarktes ist die grösste Herausforderung für hiesige Startups. Was ist ihre Erfahrung?
 
Ben Robinson: Ich denke, man kann keine erfolgreiche Firma nur mit Blick auf den Schweizer Markt aufbauen. In Fusion haben wir ein Startup, Acebanker, das auf Asien ausgerichtet ist. Das Startup spricht von Beginn einen sehr grossen Markt an. Das ist der Vorteil der Digitalisierung. Man kann von Beginn weg sehr grosse Märkte anzusprechen. (Das Gespräch führte Christoph Hugenschmidt. Der Artikel wurde am 23.2. auf Wunsch von Temenos leicht angepasst. Das Büro von Temenos in Zürich ist - anders als in der ersten Version gesagt - erst in Planung.)