In the code: Eine Kultur offener Daten

Andreas Amsler
Andreas Amsler, Business Developer bei Liip und Opendata.ch Vorstandsmitglied über die Herausforderungen offener Daten für Nutzer und Lieferanten.
 
Daten verändern unsere Welt. Ganz konkret, wenn jemand mit ihnen eine Frage beantworten oder ein Problem lösen kann. Wer Zugang zu Daten hat und berechtigt ist, sie zu nutzen, ist privilegiert. In unserer modernen Informationsgesellschaft können es sich weder die öffentlichen Verwaltungen noch wir als Bürger, Arbeitnehmer und -geber leisten, dass der Zugang zu Behördendaten unnötig beschränkt ist.
 
Öffentliche Amtsstellen und von der öffentlichen Hand finanzierte Leistungserbringer sammeln, erstellen, verwalten und publizieren Daten im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrages. Von allen Seiten unbestritten ist, dass diese Daten über ihren Primärnutzen hinaus oft ein hohes gesellschaftliches wie wirtschaftliches Potenzial haben. Unternehmen, Organisationen und einzelne Nutzer können diesen Sekundärnutzen allerdings nur erschliessen, wenn diese Daten für die Allgemeinheit offen zugänglich und frei – das heisst auch kommerziell – wiederverwendbar sind.
 
Google.ch, local.ch und search.ch nutzen mittlerweile offen verfügbare Sollfahrplandaten der SBB. Apple und andere Dienste verwenden Daten von Swisstopo via OpenStreetMap, und Medien wie Tamedia, NZZ und SRF erstellen regelmässig datenjournalistische Inhalte, die auf offenen Daten basieren. Ebenfalls weitherum bekannt sind Vergleichsdienste wie Comparis.ch, die Sekundärnutzen aus den vom Bundesamt für Gesundheit verwalteten Prämiendaten der Krankenkassen ziehen. Aber nicht nur grosse, etablierte Unternehmen profitieren, sondern viele Startups und KMU, die dank offenen Daten neue Geschäftsmodelle erproben und -felder erschliessen.
 
Innovative Anwendungen von Anwendern
Das Statistische Amt der Stadt Zürich hat es in der Schweiz auf Gemeindeebene vorgemacht und veröffentlicht seit 2012 pro-aktiv Daten der Stadt Zürich zur freien Wiederverwendung. Die Stadt Zürich stellt die Daten in maschinenlesbarer Form und unter offenen, einfach verständlichen Nutzungsbedingungen zur Verfügung. Einzelne Bürger, Organisationen und Firmen haben aus ihnen verschiedenste innovative Anwendungen und Dienstleistungen entwickelt. Die Dienstabteilungen der Stadt kümmern sich weiterhin um die Pflege der Rohdaten und beantworten bei Bedarf inhaltliche Fragen der Nutzer. So können Anwender die für ihre Bedürfnisse passenden Anwendungen selbst entwerfen, bauen und weiterentwickeln.
 
Grundsätzlich sind alle mittels Software interpretierbaren Daten maschinenlesbar. Im Zusammenhang mit offenen Daten stehen aber insbesondere Formate wie CSV, JSON, XML und ähnliche im Fokus. Offene Daten müssen möglichst strukturiert verfügbar sein, um maschinelles Suchen und Sortieren zu erleichtern. Während Formate wie HTML und PDF für den Menschen als Nutzer gedacht sind, lassen sich die dahinter liegenden Informationen nur mit relativ hohem Aufwand für Maschinen nutzbar machen. Anstatt dass die Nutzer bei jeder Aktualisierung von Websites und PDF-Dokumenten im Web selbst die daraus maschinell nutzbaren Daten generieren – und dabei potenziell Fehler machen –, ist es sinnvoll, dass die
Auf opendata.swiss können Behörden von Bund, Kantonen und Gemeinden sowie Dritte, die staatliche Aufgaben ausführen, offene Daten publizieren.
Daten-Lieferanten immer auch die Rohdaten veröffentlichen. Diese liegen meist schon vor und ihre Veröffentlichung bedeutet keinen substanziellen Mehraufwand.
 
Auf der Ebene von Bund und Kantonen sind seit 2013 verschiedene Bundesämter und der Kanton Zürich unter Leitung des Schweizerischen Bundesarchivs aktiv. Anfang Februar hat diese Allianz der Willigen als nächsten Schritt opendata.swiss, das zentrale Portal für Schweizer Open Government Data, lanciert. Ihr Wille, Primärdaten in maschinenlesbarer Form, unter einheitlichen Nutzungsbedingungen und standardisierten Metadaten zu erschliessen, verdient Anerkennung und weitere Unterstützung. Mit Genf ist ein weiterer Kanton und mit der SBB auch eine erste Organisationen mit einem staatlichen Auftrag hinzugekommen.
 
Austausch steigert Qualität und Effizienz
Organisationen, die geeignete Daten offen zu Handen der Allgemeinheit publizieren, profitieren nicht nur von Sekundärnutzungen, sondern auch zugunsten ihres Primärauftrags. Denn die Nutzer geben ihnen inhaltliche Rückmeldungen zur Qualität ihrer Daten. Dass Daten unvollständig, missverständlich oder fehlerhaft sein können, ist normal. Entscheidend ist, dass Fehler bemerkt und behoben werden. Die vergangenen vier Jahre haben gezeigt, dass die Open-Data-Nutzer hier bereit sind, mit zu helfen, wenn ihr Engagement wiederum allen dient. Die konkrete Praxis offener Daten verändert so in der Tendenz die Beziehung zwischen unseren Behörden und uns als Bürgern: aktive Zusammenarbeit ersetzt passive Anspruchshaltung.
 
Aber nicht nur Private finden offen verfügbare Daten leichter und können sie nutzen, sondern auch die Amtsstellen selbst. Auch diese Erfahrung aus anderen Ländern hat sich in der Schweiz bewahrheitet. Daten werden nicht erst auf einzelne Anfrage hin zusammengestellt und übergeben, sondern stehen jederzeit in einem Katalog zur Verfügung. Daten-Nutzer wie -Lieferanten müssen sich nicht mit immer denselben Anfragen nach Daten beschäftigen, sondern können sich über ungleich spannendere Fragen ihrer Anwendung austauschen. Mich erstaunt nicht, dass dieser Austausch zwischen Daten-Spezialisten auf Lieferanten- und Nutzerseite meist gut funktioniert. Beide arbeiten leidenschaftlich mit Daten und sprechen dieselbe Sprache.
 
Schaffen wir den Wandel?
Nichtsdestotrotz sind in der Schweiz heute noch viel zu viele für eine offene Publikation geeignete Behördendaten nicht offen zugänglich. In seiner “Open Government Data Strategie 2014–2018” hat der Bundesrat festgehalten, dass Behördendaten ohne unnötige Verzögerung publiziert werden sollen. Dass sich die Entwicklung in diese Richtung beschleunigt, hängt vom guten Willen von Exekutive, Verwaltung und datenpublizierenden Stellen, von der gesetzgeberischen und budgetären Weitsicht der Parlamente, aber auch vom politischen Druck zivil-gesellschaftlicher Akteure und uns Nutzern ab. Egal ob Entwickler, Designer, Journalist, Unternehmer oder Forscher – das Bedürfnis nach offenen und maschinenlesbaren Daten nimmt weiterhin nicht ab. Im Gegenteil. (Andreas Amsler)
 
(Über den Autor: Andreas Amsler ist Business Developer bei Liip und Opendata.ch-Vorstandsmitglied. Liip hat den Open Data Katalog der Stadt Zürich, und das Portal für Schweizer Open Government Data konzipiert und entwickelt.)