5 minus 5 gleich 4.5

2016 wird das Jahr, in dem sich der Mobilfunkstandard 4.5G durchsetzt. Dies sagten unisono die Top-Manager des chinesischen Telekom- und IT-Ausrüsters Huawei an einer Analysten- und Medien-Konferenz diese Woche in London. Mindestens 60 Mobilfunkanbieter würden im laufenden Jahr ihre Netze auf "LTE Advanced Pro" oder eben "4.5G" aufrüsten, sagte Qiu Heng, der bei Huawei für das weltweite Marketing der Mobilfunk-Carrier-Ausrüstungen verantwortlich ist. Die Bedürfnisse der Kunden erlaubten es nicht, bis zur Einführung des nächsten Mobilfunkstandards (5G) zu warten, betonte nicht nur Qiu Heng. Hochauflösende Videos, Cloud-Computing, Videotelefonie oder auch nur der Wunsch nach einer besseren Sprachqualität verlangten alle nach höheren Übertragungsraten, als die die heutigen Mobilfunknetze der 4. (LTE) oder 3. Generation bieten können. Mobilfunknetze der Generation 4.5 erlauben eine theoretische Übertragungsrate von bis zu 1 Gigabit pro Sekunde.
 
Swisscom: "4.5G ist kein Standard"
Der mit Abstand grösste Schweizer Mobilfunkprovider Swisscom arbeitet im Festnetzbereich mit Huawei zusammen, setzt für Mobilfunk aber auf den Huawei-Konkurrenten Ericsson. Swisscom baut zur Zeit die LTE (also 4G-) Infastruktur weiter aus und investiert in "4G+", respektive "4G-Advanced", wie die Technologie auch genannt wird. Bereits seien 28 Orte mit 4G+ erschlossen, schreibt Swisscom-Sprecher Armin Schädeli in einer E-Mail auf Anfrage. Man beobachte die laufenden Entwicklungen: "Sobald die Standardisierung festgelegt ist, wird Swisscom über die Implementierung entscheiden. 4.5G ist durch 3GPP noch nicht standardisiert, auch 5G kann noch keine Standardisierung vorweisen." Im "3rd Generation Partnership Project" (3GPP) sind sieben Standardisierungsgremien der Telekommunikationsindustrie vereint. Swisscom investiert enorm viel in Netzinfrastruktur. Alleine 2016 wird der Ex-Monopolist 1,75 Milliarden Franken in Netzwerke investieren, so Schädeli.
 
Huawei-Kunde Sunrise beantwortete die Frage, ob man in 4.5G investieren wolle, nicht. "Sunrise baut seine Netzinfrastruktur kundenorientiert und mit neuester Technologie aus," so die nichtssagende Antwort auf unsere Fragen. Etwas konkreter fiel die Antwort von Salt aus: "Salt hat sein Netz in einigen Regionen der Schweiz bereits mit LTE Advanced, einer Weiterentwicklung der 4G Generation – aufgerüstet und setzt diesen Ausbau analog der 4G-Aufrüstung fort. Zurzeit fokussieren wir uns hauptsächlich auf dicht besiedelte urbane Zonen, um dort die Netzkapazität zu erhöhen und unseren Kunden ein besseres Nutzungserlebnis zu bieten," so die Salt Pressesstelle in einer E-Mail.
 
Huawei habe heute ein komplettes Set an Produkten ("GigaRadio") für den Bau von 4.5-G-Netzen und sei technologisch der Konkurrenz voraus, sagte Qiu Heng. Eine Aussage, die wir nicht überprüfen können. Sicher ist aber, dass die nächste Generation (5G) der Mobilfunktechnologie ausserhalb Südkoreas frühestens 2020 kommerziell eingesetzt werden wird.
 
Schmalband-Technologie für das Internet der Dinge inbegriffen
Vielleicht noch wichtiger als höhere Übertragungsraten ist die Schmalband-Funktechnologie, die Huawei in die 4.5-G-Netzwerkkompenten eingebaut. Benötigt wird diese zusätzliche Funktion der 4.5-G-Funkinfrastruktur für den Bau des Internet der Dinge (IoT, Internet of Things). Denn die Myriaden von Sensoren und Steuerungen, die das IoT ausmachen, stellen andere Anforderungen an Mobilfunknetze als Smartphones und Tables. Bis zu 100'000 Dinge können gleichzeitig Daten innerhalb einer 4.5-G-Funkzelle übermitteln, lernten wir gestern von Huawei. NB-Technologie (Narrow Band) erlaubt zudem grössere Reichweiten und die Funkstrahlen durchdringen Wände leichter. Dies ist für IoT-Anwendungen wichtig, denn Kühlschränke und andere Smart-Home-Geräte sitzen typischerweise hinter Mauern oder sogar in Kellern (Wasserablesegeräte, Heizungen). Auch wichtig: NB-Geräte brauchen zudem relativ wenig Strom.
 
Nächste Woche in Barcelona wird Huawei zwei kleine Gerätchen für den Bau des IoT vorstellen. Einerseits ein Smart Home Gateway (Smart ONT). Um dieses Gerätchen herum können Dienstleister und Mobilfunkanbieter Smarthome-Lösungen entwickeln. Zweitens wird der Telekom-Riese einen Access-Router ("Agile AR") vorstellen. Er hat Schnittstellen für Protokolle wie CAN, RFID, RS248 und Modbus, die in der Industrie üblich sind und hält ausserdem harte Bedinungen aus.
 
Die Idee, das Internet der Dinge mit Hilfe schmalbandiger Netzwerktechnologie aufzbauen, ist nicht neu. So arbeitet Swisscom seit knapp einem Jahr an einem Low-Power-Mobilnetzwerk für die M2M-Kommunikation. M2M steht für Machine to Machine.
 
Zusammenarbeit ist alles
Auffallend war am Huawei-Anlass in London, wie inflationär die Spitze des Technologie-Konzerns Begriffe wie "open" und "collaborative" einsetzten. Huawei signalisiert bestehenden und potentiellen Partnern und Kunden, man werde sie auf keinen Fall mit eigenen Services konkurrenzieren.
 
So hat Huawei an einer Infrastruktur für HD-Video gearbeitet, mit der Partner eigene Services aufbauen könnten. Weitere Partner will der Herstleller mit einer Plattform für die Integration verschiedener Komponenten des Internets der Dinge unterstützen. "Wir fokussieren uns auf ICT-Infrastruktur und werden auf keinen Fall Apps lancieren oder als Systemintegrator tätig sein, betonte Huawei-CTO San-qi Li. Man müsse nicht glauben, dass sich im IoT traditionelle Standards wie etwa im Mobilfunk durchsetzen würden, so San-qi Li. Die grosse Herausforderung sei es, die verschiedenen Umgebungen zu integrieren. Das "Ökosystem ist ein Schlüsselfaktor", betonte der Huawei-Manager. (Christoph Hugenschmidt)
 
(Interessenbindung: Die Reise nach London (Flug und Unterkunft) wurde von Huawei bezahlt.)