5G: Eine Branche sucht einen Grund

Demonstration der Samsung-VR-Brille am Mobile World Congress 2016 in Barcelona. Foto: hc
5G braucht IoT braucht 5G braucht VR braucht 5G.
 
Wer die Ballung von vielen Menschen nicht mag, sollte nicht an den Mobile World Congress in Barcelona gehen. Auch ohne Streik wäre die U-Bahn der katalanischen Tourismus-Metropole mit der abendlichen Geek-Flut, die in Richtung Stadt wälzt, überfordert. Eine gute Planung ist alles: Wer zum falschen Zeitpunkt an der Garderobe, dem Fastfood-Restaurant oder den vier Kaffeeautomaten im Media Village ansteht, vergeudet Stunden und verpasst im schlimmsten Fall eine Rede von so wichtigen Menschen wie Mark Zuckerberg, Chuck Robbins oder EU-Digitalisierungs-Kommissar Günther Oettinger.
 
Doch wichtige Ereignisse am MWC zu verpassen, ist unvermeidbar. Es gibt viel zu viele davon. So verpasste ich den Launch von HPs "PC-Killer" Elite x3, genauso wie die Vorstellung neuer Samsung-Smartphones und ganzer Heerscharen anderer Geräte, Apps und Services. Aber Smartphones stehen dieses Jahr mehr denn je nicht im Zentrum der Messe. Alle Welt spricht von IoT, dem Internet der Dinge. Im IoT werden Myriaden von Geräten, von Sensoren, Steuerungen, Kameras mit dem Internet verbunden sein und einen pausenlosen, riesigen Strom von Daten liefern und Anweisungen entgegennehmen. Das IoT benötigt eine bisher unbekannte Service-Qualität von Mobilfunknetzen, denn die Sensoren werden buchstäblich überlebenswichtige Daten liefern. Man denke Anwendungen wie autonome Autos oder medizinische Geräte. Es werden zudem viel mehr Geräte auf dichtem Raum Verbindungen aufnehmen und sie erlauben wesentlich geringere Signalverzögerungen, als man sie heute von Mobilfunknetzen kennt.
 
Kurz: IoT braucht bessere (Funk-)Netzwerke. Und ist deshalb für die in Barcelona versammelte Industrie so wichtig: Niemand weiss heute so genau, wofür man die ungeheure Leistungsfähigkeit der Mobilfunknetzwerke der nächsten, 5. Generation wirklich brauchen wird. Denn die Netze der 4. oder bald viereinhalbten Generation reichen zum (Video-)Telefonieren in hoher Qualität und für den massenhaften Verkehr von und zu Clouds aus. Und warum sollten Telekommunikationsfirmen, respektive ihre Kunden, in 5G investieren, wenn sie die angebotenen Dienste nicht brauchen?
 
"VR will be the Killer App for 5G"
Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg sagte es gestern in Barcelona so einfach wie deutlich: "Mit 4G verbindet man Menschen, mit 5G verbindet man Dinge." Er glaubt, dass die Menschen noch viel mehr Videos als bisher auf Facebook hochladen oder anschauen werden und, dass sie insbesondere höher auflösende, 360-Grad-Videos machen und sehen wollten. Solche Filme anzuschauen, werde sein, wie selbst dabei zu sein. Eben: "Virtual Reality" (VR). Zuckerberg: "VR will be the killer app for 5G". Natürlich muss er das sagen, denn seine Firma hat einige Milliarden Dollar in VR gesteckt.
 
Doch nicht nur Zuckerberg glaubt an VR: Samsung und LG ziehen an der MWC mit kleinen VR-Kinos Tausende an und auch andere Hersteller, so etwa ZTE, zeigen VR-Brillen.
 
"Wir brauchen Use Cases für IoT"
Dass Telekomausrüster wie Huawei, Nokia, ZTE und Ericsson
5G als die Mutter aller Business-Chancen für Telcos darstellen, liegt auf der Hand. Sie investieren Milliarden in 5G-Technologien und wollen ein Mehrfaches davon wieder hereinholen.
 
Auch die EU macht sich seit Jahren für 5G stark und will zwischen 2015 und 2020 700 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung im Rahmen der 5G-PPP (Private Public Partnership) investieren. Europa will bei der Einführung der neuen Mobilfunktechnologie nicht hinter Amerika und Asien herhinken. Entscheidend wird sein, dass man die Industrie überzeugen kann, Services mit 5G-Technologien aufzubauen. Denn wenn ihre Kunden Druck ausüben, werden auch die Telcos bereit sein, in neue Technologien zu investieren. So gab sich EU-"Digitalisierungskommisar" Günther Oetttinger gestern in Barcelona betont optimistisch. Doch auch er sagte, die Industrie brauche "Use Cases". Er glaubt, dass vor allem die Kooperation zwischen der europäischen Autoindustrie und den Telcos vorbildlich sein könnten. Europa brauche noch die "kritische Masse", damit der 5G-Zug in Fahrt kommt.
 
Europa schon jetzt im Rückstand?
Gemäss Oettinger stünden einige wichtige Entscheide bezüglich Standards an. Er gab aber auch zu, dass in Europa für den Bau von 5G-Infrastrukturen einige Vorschriften und Gesetze abgeschafft oder geändert werden müssten. Er sei da ein "optimistischer Realist".
 
Mehr als das ist Korea Telecom. Der Konzern wird bereits 2018 einige Gebiete für die olympischen Winterspiele mit 5G-Infrastrukturen ausrüsten und redet ein gewichtiges Wort bei der Entwicklung von Standards mit. Korea Telecom wird zudem international zum ICT-Dienstleister und baut Infrastrukturen in Bangladesh und der Türkei.
 
Oettinger gab sich gelassen: "Lets wait and see what happens in Korea." Gleichzeitig schlug er vor, die Fussball-Europameisterschaft 2020 für eine 5G-Offensive zu nutzen.
 
Telcos, Ausrüster oder doch Software-Hersteller?
IoT ist praktisch an jedem Stand von grösseren Firmen hier in Barcelona ein Thema. So zeigte die "neue" Nokia (inklusive Alcatel-Lucent) einige schöne Awendungen, zum Beispiele Busstationen, an denen die betreibenden Gemeinden oder ihre Partner Zusatzdienstleistungen anbieten können.
 
Oder werden es Software-Hersteller wie SAP sein, die als erste IoT-Anwendungen bringen, die sich im Markt durchsetzen? Für Josh Waddel, der das SAP Mobile Innovation Center leitet, sind Anwendungen wie "Predictive Maintenance" erst der Anfang. Bei "Predictive Maintenance" werden Güter nicht mehr nach einem Plan, sondern nach Bedarf gewartet. Dieser wird von Sensoren gemeldet. "Predictive Maintenance" kann die Geschäftsmodelle von Herstellern von Industriegütern stark verändern. Noch interessanter werde es aber, wenn man IoT mit Datenanalyse verbindet, so Waddel. Dann könnten Unternehmen nicht nur ihre Infrastruktur erst warten, wenn es tatsächlich nötig ist. Sondern Hersteller könnten herausfinden, warum Geräte zu einem bestimmten Zeitpunkt Wartung brauchen und ihre Produkte damit besser verstehen.
 
Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungen werden sich mit IoT einmal mehr verändern verändern. Denn man wird genaue Ansichten über das Verhalten von Maschinen, Pflanzen und über wechselnde Verhältnisse haben. Und das in Echtzeit. (Christoph Hugenschmidt, Barcelona)
 
(Interessenbindung: Der Autor wurde von SAP nach Barcelona eingeladen (Flug und Unterkunft.)