IBM und VMware: AWS und Azure im Visier

Robert LeBlanc (IBM) und Carl Eschenbach (VMware).
IBM und VMware wollen mit einer neuen Kooperation an alte Verbindungen anknüpfen. Mit der Integration von VMwares On-Premise-Lösungen und IBMs SoftLayer-Cloud soll der gemeinsame Geschäftserfolg in neue Höhen aufsteigen. Doch das wird vor allem davon abhängen, ob man sich gegen die Übermacht von Amazon und Microsoft behaupten kann.
 
"Grösse ist heute zweitrangig – Schnelligkeit entscheidet", sagte VMware-Chef Pat Gelsinger im vorigen November auf der Hausmesse VMworld. Doch nur wenige Monate später scheint sich die Einstellung beim Virtualisierungs-Spezialisten um 180 Grad gedreht zu haben. "Wir haben nicht die Grösse und die Infrastruktur um im kapitalintensiven Cloud-Geschäft an vorderster Front mitspielen zu können", sagte VMwares COO Carl Eschenbach jetzt auf einer IBM-Veranstaltung in Las Vegas. Der Hintergrund dafür ist die schleppende Akzeptanz der vCloud Air, für die es nicht genügend regionale Rechenzentren gibt, was Performance-Einbussen und Probleme mit regionalen Datenschutz-Auflagen mit sich bringt.
 
Die Lösung sieht VMware in einer weitreichenden Kooperation mit dem Erzkonkurrenten IBM, die beide Unternehmen jetzt in höchsten Tönen loben. "Es ist eine Win-Win-Lösung, denn wir bringen das Beste aus beiden Welten zusammen. Unsere Netzwerke und die Module des Software-definierten Rechenzentrums (SDDC) sind in nahezu allen Rechenzentren der Grossunternehmen vertreten und IBM ergänzt das jetzt mit seiner High-Performance-Infrastruktur, bei der 48 Rechenzentren weltweit mit Glasfaser vernetzt sind", schwärmte Eschenbach in einer gemeinsamen Pressekonferenz. Eschenbachs Ansprechpartner bei IBM ist Senior Vice President Robert LeBlanc, der in der Pressekonferenz ebenfalls auf die Gemeinsamkeiten einging. "Entscheidend ist, wie uns der Markt sieht, und von dieser Seite aus ist die Situation so, dass die meisten Anwender sowohl VMware als auch IBM im Einsatz haben. Damit ist eine tiefgehende Kooperation von beiden Unternehmen praktisch ein Kundenmandat", gab er als Erklärung ab.
 
Wird die vCloud zu Grabe getragen?
Konkret sieht die Kooperation so aus, dass IBMs SoftLayer-Cloud unterhalb von VMwares SDDC-Software als Teil der verfügbaren Infrastruktur angesiedelt ist und damit können alle Applikationen wahlfrei zwischen On-Premise und Cloud hin und her geschoben werden. Kernstück ist eine neue gemeinsame RZ-Architektur, über die sowohl die IBM-Cloud als auch VMwares SDDC-Module, wie vSphere, NSX und Virtual SAN, genutzt werden können. Bislang war eine solche unterbrechungsfreie Nutzung von On-Premise-VMware und einer externen Cloud nur in Verbindung mit VMwares eigener vCloud Air möglich.
 
Für die wenigen VMware-Kunden, die dieses integrierte Cloud-Angebot bereits nutzen, hat IBM eine Demoversion der eigenen Cloud innerhalb der vCloud eingerichtet. Ziel ist es also ganz offensichtlich, die vCloud-Kunden zum Wechsel zu bewegen und die VMware-Cloud dann zu Grabe zu tragen. Offiziell wird das natürlich vehement bestritten. "Viele Entwickler arbeiten mit der vCloud, da vor allem die Nutzung unserer Container-Angebote viele Vorzüge bietet. Schon aus diesem Grunde werden wir diese Infrastruktur auch weiterhin betreiben und ausbauen", sagt Eschenbach über VMwares weitere Pläne.
 
Ein Abschalten der vCloud würde auch ganz schnell die erst jüngst angekündigte Kooperation mit Google wieder beenden. Diese basiert vor allem darauf, dass Google der Hosting-Partner von VMware ist. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Beide Unternehmen haben eine sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichte hinter sich. VMware hat zwar in seinen ersten Jahren als Desktop-Virtualisierer mit dem Enduser-Markt geflirtet, doch der Durchbruch kam erst als man mit der Server-Virtualisierung die Rechenzentren revolutionierte. Google dagegen ist ein Consumer-orientierter Service-Anbieter, der zwar gerne im Business-Umfeld erfolgreicher sein möchte. Doch die mangelnde Kontinuität bei den Service-Angeboten hat das Image eines zuverlässigen Business-Cloud-Providers stark angekratzt.
 
IBM-Cloud-Angebote für VMware-Partner
Vertriebsmässig ändert sich durch die neue IBM-VMware-Kooperation einiges. VMware hat praktisch keinen Direktvertrieb, sondern kooperiert mit über 3000 Partnern weltweit, denen jetzt auch das komplette IBM-Cloud-Angebot als Basis für eigene Lösungen zur Verfügung steht; beispielsweise Watson oder eine der über 100 SaaS-Anwendungen.
 
Bei den IBM-Partnern sieht die Sache etwas anders aus. Zwar können sie ab sofort auch
VMware COO Carl Eschenbach.
die VMware-Software als Teil von SoftLayer mitvertreiben, doch die Cloud als Vertriebsbasis ist bei vielen IBM-Partnern noch nicht angekommen. "Die alten, auf RZ-Lösungen aufbauenden Geschäftsmodelle, sind tot und viele IBM-Partner haben den Wechsel auf lukrative Value-Added Cloud-Lösungen noch nicht vollzogen", sagt Forrester-Analyst Robert Stroud. Doch die Kommentare der IBM-Partner am Rande der Veranstaltung deuten in eine positive Richtung. "Wir sehen bei unseren Kunden eine grosse Nachfrage nach Hybrid-Cloud-Anwendungen – und die enge Kooperation mit VMware wird uns viele Türen öffnen", sagte Mark Wyllie, IBM-Partner in Boca Raton, Florida. Ähnlich äusserte sich auch Eric Koch vom IBM Partner Perficient in St. Louis. "Das ist ein sehr positiver Impuls für das gesamte IBM-Partner-Geschäft", war sein knapper Kommentar.
 
Gegen Amazon und Microsoft
Die Kooperation von IBM und VMware hat auch eine wichtige strategische Dimension, denn beide Unternehmen versuchen sich intensiv gegen Amazons AWS und Microsofts Azure Plattformen zu stemmen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Für VMware geht es darum, das lukrative On-Premise-Geschäft noch so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Das hat IBM aber schon längst abgeschrieben. Die Motivation von Big Blue ist es, das Gesetz der grossen Zahlen für sich nutzbar zu machen. Das heisst, dass man mit Amazons Cloud-Preisen nur dann konkurrieren kann, wenn man auch ein ähnliches Volumen erreicht. "Die wirklichen Spareffekte einer Cloud stellen sich erst dann ein, wenn ein exponentielles Volumen-Kosten-Verhältnis ausgenutzt werden kann", gibt LeBlanc als Grund für IBMs aggressive Cloud-Strategie zu.
 
Mit Microsoft haben beide Unternehmen ebenfalls einen gemeinsamen Erzrivalen. Microsoft stoppte einst VMwares Virtualisierungs-Höhenflüge, in dem es einen eigenen Hypervisor auf den Markt brachte. Später übernahm dann Azure die virtualisierten Rechenlasten und VMware musste zusehen, wie der Markt für seine Produkte immer kleiner wurde. IBMs Rivalität mit Microsoft reicht noch bis in die ersten PC-Jahre zurück. Schon seit vielen Jahren kooperiert IBM deshalb bei allen Desktop- und Mobil-Anwendungen mit Apple und ist praktisch Türöffner für Apple bei CIOs. (Harald Weiss)