Blockchain-as-a-Service: Der Weg ist lang

Neulich in Las Vegas: IBM Blockchain-Spezialist Jerry Cuomo.
IBM will sich mit "Blockchain-as-a-Service" positionieren. Doch wie reif ist der Markt? Hürden sind mangelndes Wissen und althergebrachte IT-Anwendungen.
 
Blockchain ist zum Hype geworden – vor allem in der Finanzwelt. Banken, Börsen, grosse IT-Unternehmen und eine Heerschar von Startups investieren viele Millionen. Doch die Experten sind sich einig: Die Technologie ist nicht das Hauptproblem. Die Hürden sind mangelndes Wissen und althergebrachte IT-Anwendungen.
 
In der Finanzwelt ist der Blockchain-Hype besonders hoch. Die NASDAQ arbeitet an einem System, mit dem Aktionäre online ihre Stimme abgeben können und die Bank of Amerika hat bereits ein Dutzend Patente angemeldet. Auch Schweizer Banken, allen voran UBS, treiben die Entwicklung voran. Und IT-Schwergewichte IBM und Microsoft arbeiten fieberhaft an Blockchain-Systemen. IBM hat hierzu soeben einen neuen Cloud-Service eingeführt: Blockchain-as-a-Service, kurz BaaS.
 
Dabei handelt es sich nicht um eine spezielle Blockchain-Anwendung an sich, sondern um eine Entwicklungs- und Testplattform, auf der Firmen eigene Blockchain-Lösungen erstellen und betriebsreif ausbauen können. Die Cloud-Lösung basiert auf einer WebSphere-Schnittstelle über die vor allem IBMs Mainframe der z-Serie angebunden werden können. Das ist insofern sinnvoll, weil diese Systeme den Backbone der grössten Banken darstellen. Ergänzend dazu hat IBM in London, New York, Singapur und Tokio Entwicklungslabors im Rahmen der BlueMix-Garagen eingerichtet, die entsprechende Beratungs- und Entwicklungsdienste vor allem für Finanzdienstleister und Logistiker anbieten.
 
Noch keine praktischen Anwendungen
Kurzfristig sieht man bei IBM aber noch keine kommerziellen Anwendungen dieser neuen Plattform. "Blockchain ist in der Finanzwelt ein heisses Thema, doch praktische Anwendungen sind erst noch im Entstehen. Wir wollen aber bei dieser Entwicklung eine führende Rolle einnehmen, deshalb unser umfangreiches Engagement", sagte IBMs Cloud-Chef Robert LeBlanc jüngst auf einer IBM-Veranstaltung in Las Vegas. Chef des neuen BaaS-Angebotes ist IBM-Fellow Jerry Cuomo. Er sieht vor allem bei den Entwicklern einen erheblichen Lernbedarf. "Das Entwerfen einer Blockchain-Architektur und die Implementation von dezentralen Krypto-Systemen sind Themen, die in keiner Informatik-Ausbildung zu finden sind – entsprechend mangelhaft ist das Wissen darüber", gibt er als Grund für den Fokus auf die Entwickler-Gemeinde an. Ansonsten sieht er zwar auch der Blockchain-Hype in der Finanzwelt, doch er erwartet den Durchbruch eher bei anderen Anwendungen. "Bitcoin ist eine interessante Implementation eines Blockchains, doch ich habe keine hohe Meinung über Krypto-Währungen. Ich habe aber eine ganz hohe Wertschätzung über Blockchain-Technologien in den Bereichen Logistik, dem IoT und der allgemeinen Vertrags-Verwaltung", sagt er über seine Zielsetzung.
 
IBM und Microsoft Kopf-an-Kopf
IBM liefert sich bei BaaS ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Microsoft. Die Redmonder haben bereits drei Lösungsanbieter für ihren BaaS-Dienst auf der Azure-Plattform zertifiziert. Dabei handelt es sich um das Startup BlockApps (Ethererum) sowie um AlphaPoint (Asset Exchange) und IOTA (IoT).
 
Cuomo sieht Microsofts Projekt eher als einen Versuch eine allgemein-gültige Blockchain-Struktur zu definieren und zu propagieren, wogegen IBMs Ansatz mehr darauf abzielt, dass die Unternehmen eigene, proprietäre Blockchains entwickeln können. "Es wird in Zukunft nicht nur eine Ausprägung von Blockchain geben – im Gegenteil. Es werden unendlich viele Blockchain-Systeme entwickelt werden, die jeweils für bestimmte Anwendungsfelder optimiert sind", lautet seine Einschätzung.

Durchbruch ausserhalb der Finanzwelt
Cuomos Ansicht über die Blockchain-Bedeutung in der Finanzwelt deckt sich mit der Einschätzung vieler Analysten. "Langfristig sehe ich den grössten Nutzen der Blockchain-Technologie ausserhalb der Finanzwelt: Logistik, das IoT, Wahlen und Abstimmungen sowie alle Arten von Vertrags- und Eigentums-Dokumentationen lassen sich per Blockchain wesentlich einfacher, billiger, schneller und sicherer abwickeln", sagt Frost & Sullivan Analyst Vijay Michalik. Hierzu führt er verschiedene Anwendungsmöglichkeiten auf. Beispielsweise erfolgt das Verschiffen von verderblichen Waren in klimatisierten Containern, deren Temperatur fortlaufend gemessen wird. Diese Werte lassen sich mit Datum-, Zeit und Orts-Stempel versehen und kontinuierlich in einen Blockchain eintragen. Damit wissen alle am Versand Beteiligten jederzeit wo die Ware ist und ob die Klimavorgaben eingehalten werden. Kommt die Ware trotzdem verdorben beim Empfänger an, so lässt sich exakt rekonstruieren, was, wann und wo schief gelaufen ist. Andere Beispiele für Vertrags- und Eigentums-Dokumente sind Kraftfahrzeugbriefe, Eheschliessungen, Scheidungen, Grundbücher sowie Geburts- und Sterberegister. Sie alle lassen sich – zumindest theoretisch – per Blockchain verwalten. Damit würden nicht nur die zugehörigen Behörden weitgehend entfallen, sondern auch die entsprechenden Berufe, wie Notare und andere Rechtsberater.
 
Althergebrachtes und Rationalisierung als Bremser
Das enorme Rationalisierungspotential, das in der Blockchain-Technologie steckt, könnte möglicherweise zu einem weiteren Hemmschuh werden. Microsofts Blockchain-Projektleiter Marley Gray betrachtet beispielsweise das Interesse der Finanzindustrie recht misstrauisch. "Bitcoin hat bewiesen, dass Blockchain eine sichere, skalierbare und preiswerte Kontroll- und Transaktionstechnologie ist. Jetzt interessiert sich sogar Wall Street dafür. Ich weiss aber nicht, inwieweit die Banken diese Technologie wirklich fördern wollen – schliesslich wäre das Kannibalismus", lauten seine Bedenken.
 
Michalik sieht noch andere Hindernisse für eine schnelle Blockchain-Adaption. "Die grössten Probleme sind nicht technologischer Natur, sondern es ist die Vertrautheit althergebrachter Abläufe und Strukturen; hinzu kommt das allgemeine Misstrauen in die IT-Sicherheit. Beides zusammen bedeutet, dass es noch eine Weile dauern wird, bis man allgemein bereit ist, auf Papier, Stempel, Siegel und Unterschrift zu verzichten. Die Marktforscher von TABB sehen das ähnlich. In ihrem jüngsten Untersuchungsbericht führen sie eine Vielzahl an "unüberwindbaren Schwierigkeiten" ins Feld. Als grösstes Hindernis sehen sie ebenfalls die geringen Kenntnisse. "Ohne genaues Verstehen, wie ein Distributed Ledger funktioniert, ist es nahezu unmöglich, eine solche Technologie fehlerfrei mit den bestehenden Geschäfts- und IT-Abläufen zu verbinden", heisst es in deren Studie. "Auf dem Papier sieht alles sehr gut aus – doch in der realen Welt sind diese neuen Prozeduren derzeit nicht implementierbar", lautet das niederschmetternde Gesamturteil. (Harald Weiss)