Soreco wagt den Schritt in die Moderne

Die beiden Soreco-Besitzer Walter Wyss (Verkauf und Marketing) und Claude Sieber (Geschäftsführung)
Soreco entwickelt eine moderne Version der Finanzlösungen in Java und mit HTML5-Clients. Zusätzliches Entwicklungsteam in Vietnam.
 
Letzten Sommer wurde der Schwerzenbacher Software-Hersteller Soreco vom Mutterkonzern Axon in die Unabhängigkeit verstossen, sprich an Claude Sieber und Walter Wyss verkauft. Ganz freiwillig war Siebers und Wyss' Schritt ins Unternehmertum nicht. "Wir standen Ende 2014 vor vollendeten Tatsachen", sagte Sieber heute an einem Medienanlass im Zürcher Hauptbahnhof. Damals war klar geworden, dass Axon die Soreco HR-Software verkaufen werde. "Für uns war es ein bisschen ein Schock", so Sieber. Denn niemand hatte erwartet, dass die Soreco HR-Software und die Finanzlösungen einmal verschiedene Besitzer und damit auch eine unterschiedliche Zukunft haben würden. Mitarbeiter und Kunden erwarteten eine Antwort auf die Frage, was die Zukunft der Soreco Finanzlösung sein sollte. Das Axon-Management schlug Sieber und Wyss einen Management Buy Out vor, der dann im Sommer realisiert wurde.
 
Damit wiederholt sich die Geschichte. Denn schon 1993 wurde die IBM-Tochter Software Research Company, die eine HR-Lösung namens Personal 400 entwickelt hatte, von IBM in die Unabhängigkeit gestossen.
 
Neue, zukunftsfähige Software-Generation
Soreco hat den Schritt in die Vergangenheit gut überstanden, so Sieber. Der Schwerzenbacher Software-Herstleller zählt aktuell rund 110 Kunden. Der MBO habe bei der Belegschaft einen Motivationsschub ausgelöst und das Geschäftsjahr 2015 sei "solide" verlaufen, sagte Sieber, der keine konkreteren Zahlen nennen will.
 
Klar ist aber auch, dass Soreco mit den technisch unterdessen doch veralteten Client-Server-Lösungen keine oder nur wenige Neukunden gewinnen wird und aktuell von Dienstleistungen und den Wartungsgebühren lebt.
 
Soreco hat deshalb sein Produktportfolio um eine Archivierungs-Lösung erweitert, die man mit der Prozess-Lösung der Ex-Schwester Axon Ivy ergänzen kann. Und der Hersteller will seine Finanzlösung von Grund auf modernisieren. Die nächste Generation wird in Java geschrieben sein und einen HTML5-Client haben. User werden künftig also von jedem Browser aus die Buchhaltungslösung bedienen können.
 
30 Mitarbeitende, 16 Entwickler und ein 8-köpfiges Team in Vietnam
Hat Soreco die Kraft, die neue Software-Generation zu entwickeln? Sieber ist davon überzeugt. Der Bereich Finanzsoftware sei bei Soreco nie grösser als heute gewesen, sagt Sieber. Zudem arbeitet ein rund 8-köpfiges Team von Axon Vietnam am Projekt mit den 16 Entwicklern von Soreco in der Schweiz zusammen.
 
Bei der Zusammenarbeit mit Vietnam profitiert Soreco von den gemachten Erfahrungen und von der gemeinsamen Vergangenheit mit Axon. Und man kennt aus den vergangen Projekten die Risiken und kann Risiken einschätzen.
 
Es gehe nicht um Billiglöhne, betont Sieber wie alle Vertreter von Firmen, die Software-Entwicklung auslagern. Man wolle nicht abhängig vom Offshore-Provider werden und beharre darauf, dass die Erfahrung mit dem Code auch zurück in die eigene Entwicklungsabteilung kommt.
 
Einen ersten Blick auf Module der neuen Software-Generation wird man bereits diesen Sommer werfen können, so Sieber. Erste Module der neuen Generation sollen dann 2017 verfügbar werden.
 
Und was ist mit Cloud und SaaS?
Wenn Soreco die Modernisierung seiner Finanzlösungen abgeschlossen hat, wird man auch daran denken können, die Software im Mietmodell aus Cloud-Umgebungen anbieten zu können.
 
"Wir werden dann analysieren, wie sich der Markt entwickelt und wie wir uns im Cloud-Markt positionieren wollen," so der frischgebackene Unternehmer heute. (hc)

Unser Kommentar:

Zu früh? Zu spät? Zu klein?
Das richtige Timing der Entwicklung kann für Softwarehersteller entscheidend sein. Setzen sie zu früh auf neuen Technologien, drohen verschiedene Gefahren. Man kann auf unreife Technologien setzen oder in technischen Sackgassen landen. Das passierte den Herstellern, die auf so genannte 4G-Software-Technologien setzten. Oder dann ist der Markt nicht ready man kann seine Produkte nicht verkaufen.
 
Ist man hingegen zu spät und vertraut zu lange auf Erträge aus Wartungsverträgen und Service, beginnt die Kundenbasis zu schrumpfen und man hat nicht mehr genug Kraft (Geld), den Sprung in die nächste Generation zu wagen. Solche Firmen werden dann oft aufgekauft. Der Käufer versucht dann, möglichst viel Geld aus der bestehenden Kundschaft herauszuholen und dieser später eine andere Software zu verkaufen.
 
Soreco ist mit dem Schritt hin zu einer modernen Architektur der Finanzsoftware ganz sicher nicht zu früh. Andererseits profitieren die Schwerzenbacher davon, dass die Technologie heute ausgereift ist und man viele Erfahrungen mit der Zusamenarbeit mit Axon Vietnam hat und die Gefahren kennt.
 
Trotzdem vermute ich, dass sich die Firma keine Verzögerungen bei der Modernisierung der Software mehr leisten kann. Der Sog des Marktes hin zu Cloud-Lösungen wird sich in den nächsten Jahren rasch verstärken. (Christoph Hugenschmidt)