Von Hensch zu Mensch: Socken im öffentlichen Verkehr

Kolumnist Jean-Marc Hensch ist gegen Corporate Social Responsibility – aber auch dafür
 
Kürzlich wurde ich gefragt, ob Swico mittlerweile zu den Gutmenschen übergelaufen sei, weil wir in unserem Verhaltenskodex von unseren Mitgliedunternehmen "Corporate Citizenship" einfordern, was ja stark nach "Corporate Social Responsibility" (CSR) tönt, dem neuesten Steckenpferd der Bundesverwaltung.
 
In der Tat gebar letztes Jahr der Bundesrat ein CSR-Positionspapier, mit dem er Unternehmen dazu bringen will, das zu tun, was sie nicht müssen, aber aus seiner Sicht wollen sollen. Der CSR-Ansatz lautet, dass Unternehmen freiwillig gesellschaftliche (soziale, ökologische) Verantwortung übernehmen sollen. Damit schreibt der Staat vor, dass sich eine Firma nach den moralischen Auffassungen des Staates beziehungsweise der Gesellschaft richtig verhalten soll, jenseits dessen, was vorgeschrieben ist. Dies ist nichts anderes als Political Correctness in neuen Schläuchen.
 
Dabei ist doch klar: Entweder der Gesetzgeber (wir!) hält es für wichtig, dass der Staat Regeln aufstellt, dann befiehlt er: Zum Beispiel, dass Bauarbeiter einen Schutzhelm tragen, oder wie hoch der Mehrwertsteuersatz für Döner ist. Falls jedoch der Staat aufgrund der Verfassung zu einer Regulierung nicht legitimiert ist (von uns!), hat er sich zum Thema auch nicht zu äussern. Zum Beispiel bei der Wahl der Sockenfarbe im öffentlichen Verkehr oder wann ich am Sonntag aufstehe.
 
Aber die Versuchung ist gross, diese Grenze aufzuweichen. Es begann mit Präventionskampagnen, dann kam "Nudging", und nun steht CSR auf dem Programm. Ein aktuelles Beispiel dazu: Das Parlament hat die Gesetzesvorlage "Grüne Wirtschaft" (aus guten Gründen und mit Swico-Unterstützung) bachab geschickt. Der entsprechende "Aktionsplan" des Bundes hat damit keine rechtliche Grundlage mehr, wird aber frisch fröhlich weiter verfolgt, halt einfach als Teil der CSR-Strategie des Bundes.
 
Der Begriff CSR ist jedoch in der Wirtschaft fest etabliert und viele Unternehmen arbeiten damit. Ist nun CSR etwas Gutes oder bloss ein trojanisches Pferd des Staates? Entscheidend scheint mir als Ausgangspunkt folgende Feststellung: Unternehmen sind nicht dazu da, moralischen Vorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um ökonomischen Mehrwert zu schaffen (und sich dabei natürlich an die Gesetze zu halten). Frei nach Nobelpreisträger Milton Friedman: "The social responsibility of business is to increase its profits."
 
Heisst das nun, dass sich Unternehmen unmoralisch verhalten sollen? Überhaupt nicht. Moralisches Verhalten macht aus vielen Gründen Sinn und ist zu empfehlen: Weil ich mich dabei besser fühle (als Chef oder Aktionär) und daher motivierter bin, weil eine gute Reputation verkaufsfördernd wirkt, weil ich einfacher gute Mitarbeitende anstellen kann, weil ich Premium-Preise erziele etc. All dies dient jedoch eben nicht einem primär moralischen Zweck, sondern schlicht und einfach der bereits erwähnten Steigerung des Mehrwerts. Denn Menschen können (und sollen) sich moralisch verhalten, Unternehmen haben als solche keine Moral und sind nichts anderes als ökonomische Werkzeuge von Menschen.
Sind also CSR-Programme des Teufels? Nein, denn wenn moralisches Handeln im Unternehmensinteresse liegt, dann ist es doch angemessen, diese Aktivitäten systematisch und strukturiert vorzunehmen. Und wenn Analysten oder Investoren das Buzz-Wort CSR hören wollen, geben wir es ihnen; nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es besser tönt als "Integrierte Image-Kampagne".
 
Also lasst uns weiterhin CSR machen und unsere Firmen sollen "Good Corporate Citizen" sein. Aber um ökonomischen Mehrwert zu schaffen, und nicht weil uns dann der Bundesrat zufrieden übers Köpfchen streichelt. (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (56) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.