Bitte nein: Ist GEVER das nächste Insieme?

Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.
 
Am nächsten Donnerstag wird der Nationalrat über einen Informatik-Kredit entscheiden. Verglichen mit dem monströsen 550-Millionen-Franken-Kredit für die Revitalisierung von ein paar Militärlastwägeli ist es eigentlich nur ein Kreditlein: 67 Millionen Franken braucht der Bund für die Einführung eines neuen, bundesweiten Systems für die elektronische Geschäftsverwaltung (GEVER). Aber halt: Der Bund hat doch schon einmal erklärt das Programm GEVER sei abgeschlossen?
 
In der Tat bastelt der Bund seit Jahren an der Digitalisierung seiner Verwaltungsprozesse. Angefangen hat der GEVER-Schlamassel mit einem Schlamassel: Im November 2011 stoppte das Bundesamt für Informatik abrupt den Versuch, ein eigenes GEVER auf Basis von Microsoft Sharepoint zu entwickeln. Danach sagte man, man wolle neben dem am meisten eingesetzten aber teuren Produkt von Fabasoft ein zweites Produkt als Standard festlegen und dazu eine WTO-Ausschreibung durchführen.
 
Diese liess aber lange auf sich warten. Im September 2014 schrieb der Bund dann den Auftrag für zwei GEVER-Lösungen sowie die dazugehörenden Dienstleistungen aus. Dazu vergab der Bund Aufträge für die Zwischenzeit für 77 Millionen Franken. Bereits die Ausschreibung stiess auf massive Kritik und Enttäuschung in der Branche. Denn der Bund verlangte, dass das System eines Anbieters bei mindestens zwei Unternehmen oder Organisationen mit mindestens je 2'000 registrierten Benutzern seit mehr als 12 Monaten produktiv in Betrieb sein müssen. Die beiden Schweizer Anbieter 4Teamwork und CMI, deren (günstigen) Lösungen bei einigen Kantonen und Gemeinden in Betrieb sind, fielen damit ausser Rang und Traktanden.
 
Der entscheidende Teil der Ausschreibung waren aber die zusätzlichen Dienstleistungen von 900'000 Arbeitsstunden, wie uns ein Insider erzählte.
 
Plötzlich ganz billig
Die Ausschreibung gewonnen haben dann zwei Anbieter. Einerseits der paneuropäische IT-Dienstleister Atos mit dem Produkt Acta Nova von Rubicon und andererseits Elca mit iGeko von ABF. Der unterlegene Anbieter und bisherige Platzhirsch, Fabasoft, reichte eine Beschwerde ein. Nur drei Monate später entschieden sich dann sämtliche Departemente für das gleiche Produkt, nämlich Acta Nova. Und plötzlich war alles ganz billig und vorteilhaft.
 
Im Jahresbericht 2014 der Finanzdelelegation war noch von Kosten von bis zu 250 Millionen Franken für das GEVER-Projekt die Rede. Der vom Bundesrat nun beantragte Kredit beträgt gerade mal 67 Millionen Franken.
 
Zustande gekommen ist dieser wunderbare Preiszerfall gemäss dem Antrag dadurch, dass sich alle Bundesämter für den gleichen Anbietzer entschieden haben und dass in Zukunft nur ein interner Dienstleister, nämlich das ISCeco des Wirtschaftsdepartements das System betreiben wird.
 
Potemkinscher Kredit?
Insider sehen das aber anders. Der Löwenanteil der Kosten werden von den 900'000 Beraterstunden ausgemacht. Atos habe diese für etwa 80 Franken pro Stunde angeboten. Dies ist als Stundenansatz für einen Schweizer oder deutschen Berater aber völlig undenkbar.
 
Die plötzliche Einigkeit der Bundesämter sei nur auf massiven Druck zustande gekommen, sich für das günstigste Angebot zu entscheiden. In Wirklichkeit aber, hätten die Bundesämter nicht die Absicht, ihre bestehenden Lösungen wirklich abzulösen und rechneten wenn, dann mit wesentlich höheren Kosten.
 
Stimmt das, so hat der Nationalrat nächsten Donnerstag über eine Art potemkinschen Kredit zu urteilen. Ein Kredit für Projekte, die die meisten Bundesämter gar nicht durchführen wollen. Dann wäre es ja auch egal, wenn die Berater aus Griechenland, wie ein Gesprächspartner behauptet, eingeflogen würden. Der Nationalrat tut gut daran, die Sache gut anzuschauen. (Christoph Hugenschmidt)