Finance 2.0: Menschen, Technologie, Produkte und Märkte

Andreas Staub von Fehradvice. Foto: Financialmedia AG
Dieses Mal war auch die Finma mit von der Partie: Gastautor Christoph Jaggi berichtet von der Konferenz Finance 2.0.
 
Trotz neuem Veranstaltungsort mit deutlich mehr Kapazität war die Hütte schon wieder voll. Bereits Tage vor dem Anlass waren keine Tickets für die Konferenz Finance 2.0 mehr erhältlich. Glücklich, wer zeitig gebucht hatte, denn die über 400 Besucher bekamen ein qualitativ gutes, teils hochkarätiges Programm geboten. Erstmals zeigte sich auch die Finma, was zeigt, dass für die Finma das Thema Fintech die nötige Bedeutung gewonnen hat.
 
Der Konferenzorganisator, Fintech-Experte und Dozent Rino Borini zeigte sich begeistert. "Die Finance 2.0-Konferenz hat sich innert kurzer Zeit zur marktführenden Veranstaltung in ihrem Bereich etabliert und gehört europaweit zu den wichtigsten Fintech-Plattformen. Meine Mitorganisatoren und Mitarbeiter haben hervorragende Arbeit geleistet. Der Themenbereich ist breit und an der Hauptkonferenz können wir nur einen Teil abdecken. Deshalb veranstalten wir seit letztem Jahr auch einige themenbasierten Anlässe, bei denen auf Spezialgebiete wie Cryptocurrencies und Blockchain, Versicherungslösungen (InsureTech) und weitere eingegangen wird."
 
Der Mensch, das irrationale, selbstüberschätzende Wesen
Andreas Staub von Fehradvice & Partners stellte den Menschen und sein Verhalten in den Mittelpunkt. Der Mensch denkt in zwei verschiedenen Systemen: Einerseits schnell, automatisch, intuitiv und impulsiv und andererseits langsamer, bewusst, analytisch und rational. Das erste System ist ein Autopilot-Modus, in dem der Mensch gesteuert wird, während er im zweiten das Steuer fest in der Hand hält. Der Pilot-Modus ist anstrengend und zeitraubend, weshalb der Mensch die meiste Zeit im schnellen und bequemen Autopilot-Modus funktioniert. Das ist nur wenigen bewusst und führt dazu, dass Entscheidungen getroffen werden, die bei rationaler Betrachtung keinen Sinn machen.
 
Die Resultate einer Serie von Live-Umfragen zeigte dem Publikum auf, wie verbreitet der unbewusste Autopilot-Modus ist. Die Mehrheit der Anwesenden schätzte zwar das Handeln von Bankkunden als irrational, das eigene berufliche Handeln aber als rational ein. Wie wenig rationales Handeln verbreitet ist, zeigte sich dann, als es nur rund zehn Prozent der Anwesenden gelang, drei relativ einfache Fragen korrekt zu beantworten. Die Mehrheit der Anwesenden beantwortete die Fragen intuitiv und irrational statt analytisch und rational.
 
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Deshalb können soziale Präferenzen bei Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Entscheidend dafür ist, dass sie zum Tragen kommen. Märkte, bei denen soziale Präferenzen keine Rolle spielen, sind reine Commodity-Märkte, bei denen es rein um Preis für Quantität und Qualität geht. Der Anbieter ist auswechselbar. Anders verhält es sich, wenn soziale Präferenzen in die Entscheidungsfindung miteinfliessen. Es geht dabei um Werte, Normen, Gewohnheiten und Präferenzen, die Bereiche wie Risiko, Vertrauen, positive Reziprozität, negative Reziprozität, Altruismus und Geduld abdecken. Der Mensch als soziales Wesen hat sowohl eine egoistische wie auch eine altruistische Ader. Für einen Anbieter ist es essentiell, sein Produkt so zu gestalten, dass die sozialen Präferenzen des Kunden zum spielen kommen können. Dafür braucht es Verständnis von Märkten und Kundenverhalten. Letzteres kann man messen und mittels der gewonnenen Erkenntnisse Märkte umgestalten und das Kundenverhalten beeinflussen. Dabei bleibt immer der Grundsatz der Fairness im Vordergrund.
 
Sicherheitsrisiken
Roger Halbheer, Managing Director Resilience, Security and Regulatory Technologies bei Accenture zeigte einen zeitgemässen Ansatz zum Schutz digitaler Infrastrukturen, Applikationen und Daten auf. Digitale Geschäfte bergen inhärente Risiken in sich. Dazu gehören Cyberattacken auf Infrastruktur, Applikationen und Daten. Mittels geeigneter Strategie, Planung und Ausführung kann man sich auf Angriffe vorbereiten und geeignete Schutzvorkehrungen treffen. So lassen sich Angriffe entdecken und geeignete Schutzmechanismen aktivieren. In einem weiteren Schritt können spezifische Gegenmassnahmen eingeleitet und allfällig eingetretene Schäden behoben werden.
 
Finanzdienstleister können in erster Linie die eigene Infrastruktur und die eigenen Applikationen und Daten schützen. Sie haben aber keinen Einfluss auf die Sicherheit der Endgeräte der Kunden. Digitale Identitäten und Zugriffsrechte bilden daher einen Komplex, dem besondere Beachtung geschenkt werden muss. Laufende Überwachung kann Abnormitäten entdecken und Schutzmechanismen aktivieren. Unterschiedliche Bereiche unterliegen unterschiedlichen Sicherheitsanforderungen und Sicherheitsrisiken und brauchen deshalb auch unterschiedliche Sicherheitslösungen. Problematisch sind Sicherheitslösungen, die das Nutzungserlebnis stark verschlechtern. Ein Produkt, bei dem Sicherheitsmassnahmen die Nutzung verkomplizieren und erschweren, fehlt es schnell an Nutzerakzeptanz. Die geeignete Kombination von Sicherheitsmassnahmen erlaubt die Koexistenz von gutem Nutzungserlebnis und angemessener Sicherheit.
 
Fintech und Banken: Partner oder Gegner?
In der Diskussion um Fintech geht schnell verloren, dass die grössten Nutzer von Fintech Banken und etablierte Finanzdienstleister sind. Diese investieren auch massiv mehr in Technologien und Produkte als die immer als Referenz genommenen VCs. Startups, die in angestammte Felder der Banken eindringen und in direkte Konkurrenz mit etablierten Firmen mit vorhandenem Kundenstamm treten wollen, unterschätzen oft den Aufwand und die Kosten für den Betrieb und die Kundengewinnung. Bei einer negativen Ausgangslage – die Kosten sind höher als der Ertrag – entwickeln sich oft Umsatz und Kosten parallel. Höherer Umsatz wird mit höheren Kosten erkauft, die Verluste häufen sich. Rentabilität und ROI (Return on Investment) bleiben ein nur schwierig erreichbares Ziel. B2C-Modelle im Finanzbereich sind kostenintensiv. In angelsächsischen Ländern ist zu beobachten, dass die Wachstumskurve von Startups nach Markteintritt am Anfang of steil ist, was zu wahnwitzigen Bewertungen führt. Sie flacht sich dann aber schnell ab. Das wiederum hat eine Auswirkung auf die Bewertung der Firma, welche an die neuen Realitäten angepasst wird. Das gilt sowohl für privat gehaltene Firmen als auch börsenkotierte Firmen wie Lending Club. Für B2C-Modelle ist der Markt in der Schweiz aufgrund der geringen Grösse deutlich härter als in vielen anderen Ländern. Es gibt aber durchaus Nischenbereiche wie Beratung/Vermittlung, Crowdfunding, und bis zu einem gewissen Grad auch Crowdlending, in denen es valable Geschäftsmöglichkeiten gibt. Der Start in einem grossen Markt zusätzlich zum Schweizer Markt bedarf deutlich grösserer Ressourcen und es darf dabei nicht vergessen werden, dass es in anderen Ländern auch Firmen und Startups mit Fintech-Lösungen gibt.
 
Die grössten Möglichkeiten bestehen in einer B2B-Ausrichtung: Fintech-Lösungen für etablierte Marktanbieter, welche eine etablierte Kundenbasis haben und daran interessiert sind, ihren Kunden zeitgemässe und fortschrittliche Produkte anzubieten. In den meisten Fällen sind Banken gute Partner für Fintech-Firmen. Gegner sind sie nur dort, wo eine Fintech-Firma die Stelle der Bank als Mittelsmann übernehmen will und in direkte Konkurrenz tritt.
 
Das Umfeld für Fintech-Firmen und -Startups hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Auch die Finma als Regulationsbehörde zeigt sich deutlich aufgeschlossener als noch vor einem Jahr. (Christoph Jaggi)