Im Reisswolf - früher war alles besser

Peter Wolf über Verschlimmbesserungen via Update.
 
Mag sein, dass Gewohnheiten das Leben grau machen. Und dass das Gehirn fitter bleibt, wenn man Routinen durchbricht und Alltagsdinge immer wieder mal anders erledigt. Aber das schaffe ich aus lauter Vergesslichkeit sowieso automatisch.
 
Manchmal jedoch möchte man einfach schön vor sich hin arbeiten (und das kann ja durchaus etwa kreatives sein) und ist froh, dass der zugrundeliegende Prozess immer der gleiche ist. Und nicht etwa durch ein Update verschlimmbessert wird.
 
Autofahrer würden sich ja vielleicht auch freuen, wenn ihr Vehikel über Nacht automatisch auf eine Version mit weniger Benzinverbrauch upgedatet wird ? aber sicher nicht um den Preis der Komforteinbusse, dass dann neuerdings zum Bremsen immer beide Füsse gleichzeitig auf ein Pedal drücken müssen.
 
Aktuelles Beispiel von Update-Verschlimmbesserungen ist die iOS-App "Notizen" von Apple selber, die neuerdings auch mit händischem Gekritzel umgehen kann. Dafür sonst mit einigem nicht mehr.
 
Weil man ja praktizieren soll, was man predigt, verfasse ich meine Mobile-App-Reviews direkt auf meinem Smartohone in der "Notizen"-App. Das ging immer ganz gäbig: Text, Icon, Text, Icon, am Schluss alles in den Zwischenspeicher nehmen, in der App "PDF Converter" öffnen und daraus ein PDF erstellen, bei dem das richtige Bild am richtigen Ort ist.
 
Ein Workflow, der sich bewährt hat und ohne gross denken zu müssen funktionierte. Bis Apple die App mit Zusatzfunktionen anreicherte und im Gegenzug dafür gesorgt hat, dass beim Kopieren der erstellten Arbeit nur noch der Text, nicht aber die Bilder mitkommen. Heimtückischerweise aber gilt das nicht für alle Dokumente, sondern sie verlieren ihre erhofften Fähigkeiten beim Umkopieren vom einen an den anderen Speicherort. Was man natürlich erst mitten in der Arbeit und kurz vor dem Abgabetermin herausfindet.
 
Wenn es sich also ein Konzern mit der Fortschrittsgläubigkeit seiner Kunden verderben will, dann besteht die wirksamste Methode darin, ihnen mit jedem Update viele neue Funktionen aufs Auge zu drücken und die gewohnten Features jedes Mal an einem anderen Ort zu verstecken. (Peter Wolf)
 
Peter Wolf (51) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Technik. Zuerst eher mechanisch durch Aufschrauben und Nachschauen, später vermehrt auch mit elektronischen Produkten und mit Services. Seit 1985 war er immer wieder mal bei Ringier beschäftigt, zuletzt als Trend Scout und Social Media Evangelist. Heute arbeitet er als Research Analyst bei e-foresight im Swisscom-Geschäftsbereich Banking und als Kolumnist und App-Tester für diverse Publikationen - unter anderem für inside-it.ch.