Lardelli: "Ungeliebte Rahmenbedingungen sind auch ein Schutz"

Enrico Lardelli: "Selbst Apple hat sich als Erstes mit dem Regulator ins Bett gelegt."
Enrico Lardelli äussert sich in einem Interview mit swiss made software zu Fintech, Rahmenbedingungen und möglichen Bankenstrategien in der Schweiz. Der frühere CIO von Postfinance ist seit dem letzten Jahr Leiter der Geschäftseinheit IT/Operations bei der Graubündner Kantonalbank. Das Gespräch wurde Ende 2015 geführt und ist damit in einem Teil nicht mehr ganz aktuell: Die Finma erlaubt seit letzter Woche die Identifikation von Bankkunden via Internet beziehungsweise per Videogespräch.
 
Herr Lardelli, seit aus "IT für Finanzdienstleister" Fintech wurde, sorgt das Thema international für starke Wellen. Hierzulande war es bis vor Kurzem noch eher ruhig. Hat sich das nun geändert?
Ja. Zählen Sie einfach die Veranstaltungen und Medienberichte zum Thema oder die neuen Start-ups, welche auf diesen Bereich zielen. Allerdings muss ich zugeben kein Freund des Worts zu sein.
 
Warum?
Es werden zu viele Dinge in denselben Topf geworfen. "Fintech" wäre ein interessanter Begriff, wenn er konsequent nur auf Unternehmen angewandt werden würde, die ein wirklich neues Businessmodell haben - an Software gekoppelt und mit eigener Kundenbasis. So wie das Wort heute verwendet wird, ist unser Institut genauso Fintech wie Avaloq oder die Postfinance. Ich möchte radikalere Innovation.
 
Ist man dafür in der Schweiz zu gemütlich?
Nicht unbedingt, auch wenn wir sicher manchmal schneller sein könnten. Aber für Fintech-Innovation benötigen Sie die richtigen Rahmenbedingungen. Ich kann nicht für alle Bereiche sprechen, aber nehmen wir das Retailbanking. Eine reine Online-Bank wie die deutsche Fidor haben wir nicht. Warum? Weil der Neukunde online kein Konto eröffnen darf. Er muss nach wie vor in die Filiale an der Ecke. In dem Moment, wo wir die digitale ID und die digitale Unterschrift haben, dürfte die Welt anders aussehen.
 
Warum sollte der Kunden dann hierbleiben? Dank des europäischen Zahlungsraums kann er sich das beste Angebot heraussuchen. Fidor zum Beispiel - oder etwas aus Island.
Schon, damit setzt er sich aber auch dem Währungsrisiko aus. Oder nehmen sie Island. Vielleicht gibt es dort das beste E-Banking-Interface und die beste App ? aber wie sieht es mit dem Anlegerschutz aus? Diese Dinge sind genauso Teil des institutionellen Rahmens wie die Online-ID.
 
Manche behaupten, den Millenials seien solche Gedanken fremd. Ein Service muss einfach funktionieren ? sonst macht ein anderer das Rennen.
Das ist ein interessantes Spannungsfeld. Die digitale Welt ist noch sehr jung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft sind an vielen Orten unklar. Die jungen Leute machen heute vieles so, als wäre es über lange Zeit erprobtes Wissen und tragen das in jede Lebenssituation. Bis es dann schief geht. Ein unüberlegter Post auf Facebook oder Twitter kann reale Konsequenzen haben ? beruflich wie privat. Wer das erlebt, wird vorsichtiger. Vielleicht gibt es einfach noch nicht so viele medienwirksame Schadensfälle. Wenn es oft genug wehgetan hat, gibt es ein Umdenken oder eben wieder neue Regeln.
 
Ist das nicht eine Zwickmühle? Auch Ihr Institut muss sich in unerforschte digitale Gewässer wagen, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Ja, das ist schon richtig. Allerdings sind die ungeliebten Rahmenbedingungen auch ein gewisser Schutz. Thema Fintech: Das Silicon Valley hat sich auf den Weg gemacht, das Bankgeschäft umzukrempeln. Allerdings ist das auch für diese digitalen Profis Neuland. Das Valley ist durch einen Mangel an Regularien verwöhnt. Amazon hat jahrelang keine Mehrwertsteuer bezahlt, und was Uber in einigen Ländern macht, ist klar illegal. Vom Handel mit Kundendaten will ich gar nicht reden. Unsere Branche ist stark reguliert, und gerade nach dem Crash 2007 schauen die Behörden viel genauer hin. Das ist natürlich nicht das letzte Wort. Genauso wie das Valley den Umgang mit Regeln lernen muss, muss die Finanzindustrie aufpassen, nicht zu gemütlich zu werden. Die ganze Mobile-Payment-Diskussion ist ein gutes Beispiel dafür.
 
Wie meinen Sie das?
Am sichtbarsten ist zurzeit das Duell zwischen Paymit und Twint. Beide wollen Platzhirsch sein. Das ist verständlich, denn es ist fraglich, ob der Schweizer Markt gross genug ist für mehr als eine einheimische Lösung. Paymit ist das Kind von Six und UBS. Deshalb musste nie eine neue Lizenz gelöst werden. Es ist ein Teil der bestehenden und bekannten Strukturen. Twint hingegen musste sich lange mit der Finma herumschlagen. Die Tatsache, dass es sich um eine hundertprozentige Postfinance-Tochter handelt, hat nur bedingt geholfen. Und das, obwohl das Unternehmen von Brancheninsidern mit viel Erfahrung aufgebaut wird. Es gab auch einige kleine Start-ups in diesem Bereich. Die haben mittlerweile aufgegeben. Sie konnten die regulatorischen Anforderungen nicht stemmen.
 
Aber ist das nicht wieder typisch Schweiz? Hier streiten sich die Platzhirsche, und am Ende schluckt alles der Tyrannosaurus aus dem Valley ? Stichwort Apple Pay.
Die Gefahr besteht. Aber selbst Apple hat sich als Erstes mit dem Regulator ins Bett gelegt. Für Apple Pay müssen Sie eine Kreditkarte hinterlegen. Das ist quasi alter Wein in neuen Schläuchen.
 
Wie lange Apple diesen Weg geht, ist aber fraglich. Es wird bereits gemunkelt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Unternehmen eine eigene Infrastruktur aufbaut.
Noch einfacher wäre es, Visa zu kaufen.
 
Kommen wir zurück zur Schweiz. Was machen die Schweizer Institute in Bezug auf Digitalisierung?
Auf Ebene des Retailbanking werden alle Institute in den nächsten Jahren zweistellige Millionenbeträge investieren. Wir verstecken uns also nicht hinter der regulatorischen Schutzmauer. Wir müssen nah am Kunden Dienstleistungen im Bereich Zahlen und Sparen erbringen, welche zeitgemäss sind. Sprich: Bessere Usability im E-Banking, bessere Apps und Ähnliches. Ausserdem müssen wir mehr Angebote ins Netz stellen. Einen Schritt voraus ist aktuell die Glarner Kantonalbank (GLKB). Ihr Hypomat vergibt vollautomatisch Hypotheken via Internet. Eine halbe Milliarde Franken soll so schon vergeben worden sein. Das ist eine Summe, die nicht durch die Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Glarus zusammenkam. Vielmehr ist es der GLKB gelungen, die traditionellen geographischen Grenzen einer Kantonalbank zu sprengen. Die Glarner bauen das Konzept jetzt konsequent mit weiteren Angeboten aus.
 
Sind Sie neidisch?
Nein, aber ich habe Respekt vor der erbrachten Leistung. Alle Kantonalbanken werden in diese Richtung gehen. Das bedeutet aber auch, dass das Potenzial begrenzt ist. Der Erfolg der GLKB beruht unter anderem darauf, dass sie die Ersten waren. So können sie über ihr traditionelles Einzugsgebiet hinaus Kunden anziehen. In dem Moment, wo das alle machen, sieht die Situation wieder anders aus. Richtig spannend wird es, wenn jemand wie Raiffeisen einsteigt. Aufgrund seiner Grösse kann dieses Institut ganz andere Konditionen anbieten.
 
Und erst einmal UBS.
Das sehe ich entspannt. Die Grossbanken sind gar nicht so sehr an dieser absoluten Online-Vergleichbarkeit interessiert.
 
Wieso nicht?
Das Online-Angebot macht die Referenzzinssätze der Einzelprodukte vergleichbar - Festlaufzeit-Hypotheken, variable Hypotheken oder auch die verschiedenen Libor-Hypotheken. Mittelfristig läuft das auf eine Niedrigstpreisstrategie hinaus. Das wiederum bedingt schlanke, effiziente und hochautomatisierte Prozesse. Ausserdem müsste das Kreditrisiko auf ein Minimum reduziert werden via eine Fokussierung auf die Bestbonitäts-Kundschaften. Nur so kann die Gesamtmarge stimmig bleiben. Das wiederum stellt alle Banken vor Probleme - die Grossen aber mehr als uns.
 
Wo liegt ihr Vorteil?
Die Grossbanken haben weit komplexere Prozesse und Systemlandschaften. Das macht solche Projekte langsamer und teurer. Die GLKB zeigt das gut. Sie haben das Produkt sehr schnell entwickelt und auf den Markt geworfen und sind dann umgehend in die Weiterentwicklung gegangen. Eine Grossbank müsste im Vergleich viel mehr Geld für ein potenzielles Wegwerfprodukt in die Hand nehmen.
 
Ist das nicht nur ein Aufschub? Die Grossen brauchen vielleicht länger, kommen dann aber umso sicherer, sobald sich das Modell in der Praxis bewährt hat.
Mittel- bis langfristig kann das geschehen. Es gibt aber noch andere Faktoren, die wichtig sind. Der Preis der Transparenz ist allerdings ein Mangel an Flexibilität. Im persönlichen Gespräch kann der Kunde die Referenzzinssätze "challengen". Genauso können sogenannt weiche Faktoren bei der Beurteilung der Schuldnerbonität berücksichtigt werden. Beim Online-Angebot geht das nicht mehr. Das heisst aber auch, dass Konkurrenzofferten im Rahmen der persönlichen Beratung nur schwer vergleichbar sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine gute Bank in Zukunft beides abdeckt ? Standardprodukte und Individuallösungen. Letztere durchaus im Sinne einer Hybrid-Strategie, wo die Beratung teilweise digital, teilweise persönlich erfolgt.
 
Gibt es sonst interessante Fintech-Entwicklungen?
Die Basellandschaftliche Kantonalbank hat als erste Bank eine Crowdfunding-Plattform lanciert, und zwar in Zusammenarbeit mit Swisscom, die das als As-a-Service-Produkt anbietet. Die Crowd-Schiene wird immer mehr gefahren werden ? sei es die ?lending-, -funding- oder -donations-Variante. Auch hier ist die zentrale Frage, wie viele lokale Lösungen die Schweiz braucht. Weniger sexy, aber ungleich wichtiger sind die Änderungen im Tagesgeschäft.
 
Was meinen Sie damit?
Beim Zahlen und Sparen müssen Institute wie unseres vor allem auf die digital gestützte Verbindung zum Kunden setzen. Unsere Dienstleistungen müssen vermehrt digital zur Verfügung stehen ? Stichwort Hybridstrategie. Die Kunden persönlich zu beraten oder in der E-Filiale, dem Kunden gleichzeitig Werkzeuge in die Hand zu geben, sich selbst zu informieren und ihn gegebenenfalls zu unterstützen, wenn er das will: Diese Bedürfnisse zu spüren und mit Hilfe von modernen Monitoring-Lösungen erkennen zu können - das ist die Zukunft. Wenn wichtige Lebensentscheidungen anstehen, müssen wir dem Kunden die Hand reichen können und gleichzeitig bei jedem Schritt Vertrauen inspirieren.
 
Die Margen sind stetig unter Druck. Aktuell leiden sie zudem unter tiefen, teilweise sogar negativen Zinssätzen. Wie gehen Sie damit um?
Wir versuchen durch die Digitalisierung unserer Angebote Komplexität zu reduzieren und Prozesse zu automatisieren, von der Initiierung bis zum Abschluss. Das soll manuelle Schritte eliminieren, den Prozess beschleunigen und verschlanken. So erreichen wir eine Kostenreduktion in der Verarbeitung. Wenn wir also beispielsweise die Onlinehypothek weiter ausbauen, dann setzen wir den Schwerpunkt auf Durchgängigkeit und medienbruchfreie Umsetzung. So versuchen wir, den Preisdruck durch Kostenvorteile zu kompensieren und die Produktmarge zu halten oder ? im Idealfall ? punktuell vielleicht sogar auszubauen.
 
Immer mehr Prozesse werden outgesourced, immer mehr Dienstleistungen von Dritten eingekauft, Drittsysteme docken an ihre Schnittstellen, die Filialen schwinden und der Berater wird auf ein Chat-Fenster reduziert. Was bleibt eigentlich von der Bank?
Das klingt etwas drastisch, ist aber im Kern eine sehr gute Frage. Ich denke, zwei Dinge sind zentral. Die Nase für Markt und Kundenbedürfnisse sowie die Vertrauensbasis mit dem Kunden. Überall, wo sich Menschen, Familien und Kleinunternehmen auf finanzielle Bindungen einlassen, die mitunter Jahrzehnte währen, wollen sie keinen gesichtslosen Partner. Das ist das eigentliche Kapital der Kantonalbanken.
 
Ist es nicht etwas verwegen, die Banken im selben Satz wie das Wort Vertrauen zu nennen? Die Welt krankt immer noch an den Folgen des Crashes von 2007.
Es stimmt, dass unsere Branche heute kritischer sein muss denn je. Aus Untersuchungen wissen wir, dass die Menschen gerade den Kantonalbanken viel Vertrauen entgegenbringen. Dafür sind wir dankbar, spüren aber auch die Verantwortung, die damit einhergeht. Wir prüfen ständig selbstkritisch, ob wir dieses Vertrauen wirklich verdient haben. Deshalb gibt es bei uns auch keinen reinen Produktpush. Das wäre kontraproduktiv. Bei uns muss eine Beraterin oder ein Berater nicht abschliessen, um sein Gehalt zu verdienen. Dafür ist die Beratung auch nicht umsonst. Das ist die Zukunft. (Interview: Christian Walter, swiss made software)
 
Das buch vol.5 'Fintech'
Dieses Interview erscheint in der Publikation "das buch vol. 5 'Fintech'" von swiss made software. Die fünfte Ausgabe des jährlichen Software-Buchs stellt Stakeholder im Fintech-Umfeld vor und dreht sich um Themen wie die Positionierung der Regionen, Crowdfunding, die Rolle des Regulators, Bitcoin und Blockchain. Es kann ab sofort für 39 Franken (oder 24.90 Franken als E-Book) hier bezogen werden. inside-it.ch und inside-channels.ch sind Publishing Partner.