"Nichts neu erfinden"

Die Digitalisierung treibt die Industrie um. In Brugg-Windisch hat sie Rezepte ausgetauscht.
 
An der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch diskutierten Industrie und Informatik gestern über die Digitalisierung. "Nichts neu erfinden", wurde dabei oft gehört. Etwa von Beat Glarner, Chocolat Frey und Philippe Ramseier von Autexis. Glarner ist Herr über die Produktion von Chocolat Frey, einem Betrieb, der für sich selbst, wie auch als Teil der Migros-Landschaft funktionieren muss. Drei ERPs und dreizehn Software-Module mit sechs Schnittstellen sind dazu aktuell erforderlich. Wer das Nutzenpotential einer Modernisierung erkennen will, müsse daran denken, dass es bei der Digitalisierung nicht darum geht, die Komplexität zu reduzieren. "Es geht darum, sie zu beherrschen".
 
Damit das klappt, müsse es auch mit der Sicherheit stimmen. Sie ist das grosse Sorgenkind der Industrie. Der deutsche Verband der Elektrotechnik (VDE) bezeichnet sie als "grösstes Hindernis für die weitere Verbreitung von Industrie 4.0".
 
Gert Brettlecker ist bei der Zürcher Softwareschmiede Ergon Technologieverantwortlicher in der Abteilung Industry & Mobile Solutions. Durchschnittlich acht Monate dauert es bis zur Entdeckung eines erfolgreichen Einbruchs in die IT-Systeme eines Industriebetriebs, zitiert er Microsofts Sicherheitschef Paul Nicolas. Er erinnert an die Standard-Sicherheitsmassnahmen: E-Mails filtern, Firewalls und Netzwerksicherheit betreiben, sichere Software verwenden, Webapplikationen absichern, auf sichere Kommunikation setzen (SSL/TLS oder VPN), regelmässige Softwareupdates und der Betrieb eines Systems zur Angrifferkennung.
 
Eine Chance liegt laut Brettlecker in der Cloud. Physisch wie virtuell sei der Zugang kontrolliert, die Administration professionell, die Sicherheit zu grossen Teilen automatisiert und für installierte Software gebe es klare Regeln. Darin sieht Brettlecker eine Chance, für Schweizer- und EU-Anbieter. "Industrie 4.0 ist kein Thema, das sich als Schweizer Angelegenheit behandeln lässt. Industrie 4.0 ist ein europäisches Thema".
 
Trotz allen Anstrengungen: "Absolute Sicherheit lässt sich nicht garantieren", sagt Brettlecker und verweist auf die Spezialisierung von Angreifern, mit Stuxnet als der Angriff aller Angriffe. Um Kunden trotzdem von den Leistungen Ergons überzeugen zu können, empfiehlt ihnen das Unternehmen externe Audits.
 
Drastischer drückt es Christoph Jaggi aus: "Sicherheit ist eine Illusion", sagt der Technology Consultant und Gastautor von inside-it.ch gegenüber dieser Seite. Er erinnert daran, dass auch im Cloud-Umfeld zahlreiche Unsicherheiten bestehen. "Das Problem ist, dass diese Sicherheitsmechanismen von Menschen entwickelt werden". Und Menschen machten nun mal Fehler.
 
"Sicherheit ist eine Illusion, speziell in einer Cloud-Umgebung", drückt es Christoph Jaggi, Technology Consultant und Gastautor von inside-it.ch aus. Einige Bereiche liessen sich zwar relativ gut absichern, doch muss man überall dort, wo Remote Access ins Spiel kommt, mit Sicherheitslücken und Eindringlingen rechnen und sich entsprechend vorsehen." Wegen der vielen Fallstricke rät deshalb auch er zusätzlich zu externen Audits, um Schwachstellen identifizieren und eliminieren zu können.
 
Schweiz vorne dabei
Trotz einiger Bedenken: Aktuell ist die Schweiz gut im Rennen bei der Digitalisierung, da sind sich alle einig. Auch wenn das so genau niemand messen könne, sagt Robert Rudolph von der Initiative Industrie 2025. Denn bei Industrie 4.0 geht es nicht um eine Revolution, sondern um eine Evolution. Entsprechend gibt es keine Firma, die ein Programm "Industrie 4.0" fahre.
 
Für Thomas Zellweger, Inhaber eines Consulting-Unternehmens, sind mittlere und grössere Unternehmen relativ weit vorne in der Digitalisierung. "Sie haben sehr strukturierte Ansätze, teilweise gar dedizierte Mitarbeiter. Die kleineren sind noch in einer Findungsphase. Hier und dort gäbe es Ansätze, doch den Einstieg fänden sie oft nicht.
 
Wie die Industrie nach der Digitalisierung aussehen wird - sei sie denn je abgeschlossen - wissen alle nicht so genau. Um Mitarbeiter dennoch für diesen Weg zu begeistern, gibt es für Glarner von Chocolat Frey aber ein einfaches Rezept: "Erstellen Sie einen Proof of Concept - zeigen Sie, dass es funktioniert!" (mik)