Vergabedebakel am Kantonsspital Luzern

Die IT-Erneuerung am Kantonsspital Luzern ist Sache der Gerichte geworden. Auslöser sind ungewöhnlich hohe Preisdifferenzen schon bei der Offertstellung.
 
Ein Streit um ziemlich krasse Preisunterschiede der Angebote und die Auftragsvergabe an den teuersten Anbieter blockiert derzeit die Erneuerung des Klinik-Informationssystems (KIS) am Kantonsspital Luzern (LUKS). Wie heute die 'Neue Luzerner Zeitung' berichtet, kann die geplante Ablösung des bestehenden KIS derzeit nicht umgesetzt werden, weil "die Zuschlagsverfügung noch offen ist, da gerichtlich anhängig", wie das LUKS mitgeteilt habe. Hintergrund des Gerichtsstreits ist, dass der Auftrag für 65,8 Millionen Franken für die Investition und Betriebskosten über acht Jahre an die im US-Bundesstaat Wisconsin ansässige Epic ging. Die in der Schweiz und dem ganzen deutschsprachigen Raum nahezu unbekannte Firma hat den Zuschlag erhalten, obwohl die vier übrigen Offerte sich nur zwischen knapp 10 Millionen und 26 Millionen Franken bewegten und damit in jedem Fall erheblich günstiger als die Epic-Variante waren.
 
Um eine Vorstellung von der Grössenordnung für bisherige KIS-Erneuerungen in der Schweiz zu bekommen, verweisen die Kritiker der aktuellen Auftragsvergabe auf frühere, natürlich nur begrenzt vergleichbare Aufträge hin: Das Spital Bülach schaffte 2013 ein neues System für rund 770'000 Franken an, die Basler Universitätskliniken für Zahnmedizin ein Jahr darauf für den etwa gleichen Preis und die Stiftung Krankenhaus Maria zum Finstern Wald in Einsiedeln legte sich 2015 ein KIS für rund eine Millionen Franken zu.
 
Die Ausschreibung war Anfang Juni 2015 sowohl in der Schweiz als auch auf europäischer Ebene erfolgt. Gesucht wurde ein zentralisiertes IT-System für alle medizinischen, patientenbezogenen und administrativen Prozesse, die in der Spitalgruppe mit Standorten in Luzern, Sursee, Wolhusen inklusive der Höhenklinik Montana auf allen Stationen eingesetzt werden kann und jährlich 40'000 stationären Behandlungen und 500'000 ambulante Konsultationen abzuwickeln kann. Die Offerten hatten Anfang September vorzuliegen. Anfang Dezember erfolgte dann Zuschlag an Epic, der wie folgt begründet wurde: "Nach Beurteilung der in der Ausschreibung und den Ausschreibungsunterlagen bekannt gegebenen Kriterien und deren Gewichtung, erreichte der Zuschlagsempfänger die höchste Punktzahl. Die Offerte dieses Anbieters verfügt folglich über das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und ist damit das wirtschaftlich günstigste Angebot."
 
Nur die Grossen durften mitspielen
Interessant ist, dass schon bei der Ausschreibung dafür gesorgt worden ist, dass beinahe alle Schweizer KIS-Anbieter ausgeschlossen wurden. Denn vorausgesetzt wurde die Zertifizierung der HIMSS (Healthcare Information and Management Systems Society), mit der - grob gesagt - alle IT-Innovationen genutzt werden, um sukzessive das papierlose Spital erreichen zu können. Die Ausschreibung gibt dazu die Erfüllung des von der HIMSS entwickelten EMRAM-Prozesses (Electronic Medical Record Adoption Model) vor. Damit reduzierte sich die Anbieterliste auf fünf grosse und international tätige Unternehmen: Cerner (die ehemalige Siemens-Sparte Health Services), T-Systems, iMDSoft, CompuGroup und eben Epic.
 
Auf Anfrage von inside-it.ch wollte das LUKS die Frage, warum in der Ausschreibung der Kreis der Anbieter auf diejenigen eingeschränkt wurde, die den HIMSS-Standard erfüllen können, nicht beantworten (siehe Anpassung am Ende des Berichts). Branchenkenner meinen allerdings, dass mit den sieben verschiedenen Stufen der HIMSS- respektive EMRAM-Zertifizierung tatsächlich ein grosser Schritt in Richtung Digitalisierung in den Spitälern gemacht werden könne, den kleinere KIS-Anbietern in diesem Umfang nicht schaffen könnten. Das LUKS habe wohl bewusst auf das KIS eines grossen Players fokussiert, um langfristig deren starke Innovationspotentiale nutzen zu können. Allerdings existierten erst wenige konkrete Beispiele für ein HIMSS-basiertes KIS in Europa. In der Schweiz hält zum Beispiel das Berner Inselspital seit rund drei Jahren die EMRAM-Stufe sechs für die Einführung der elektronischen Patientenakte.
 
Unverständliches Resultat
Doch gerade weil mit dieser Selektion der Anbieter nur entsprechend hochqualifizierte Unternehmen überhaupt in den Auswahlprozess kamen, stellt sich die Frage umso dringlicher, wieso sich in den Angeboten eine derartige Preisspanne wiederfinden konnte. Thomas Kummer, Healthcare-Verantwortlicher bei T-Systems Schweiz, kann sich die Unterschiede nur dadurch erklären, dass vier der fünf Anbieter die Ausschreibung offensichtlich anders interpretiert haben als das LUKS. Man sei von einem herkömmlichen, aber natürlich modernen KIS ausgegangen, nun werde aber ein viel komplexeres System eingeführt. Dass hätte der eine oder andere Anbieter wohl auch offerieren können, wenn die Ausschreibung das klar verlangt hätte. Für T-Systems hat sie jedenfalls zu unverständlichen Resultaten geführt. Und das sei auch der Grund, warum man gerichtlich gegen die Auftragsvergabe vorgehe und eine Beschwerde beim Luzerner Kantonsgericht eingereicht habe. Laut dem Gericht handelt es sich um einen sehr umfangreichen und komplexen Fall, der voraussichtlich mehrere Monate bis zur Entscheidung dauern werde, wie die 'NLZ' schreibt. Übrigens war auch die CompuGroup vor Gericht gezogen, aber wegen eines Formfehlers abgeblitzt.
 
Die von inside-it.ch angefragten Healthcare-Experten, die wegen des heiklen Falles nicht genannt sein wollen, verweisen auf ein weiteres Risiko bei der Auftragsvergabe an Epic. Zwar sei Epic in den USA einer der ganz grossen Anbieter, doch in Europa und besonders im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt. Zudem sei das System derzeit nur in englischer Sprache verfügbar, was nicht zuletzt für die zahlreichen Angestellten am LUKS eine ziemliche Herausforderung bedeuten würde. Weiter dürfte man die Umstellung auf ein neues System nicht unterschätzen. Insbesondere angesichts der am LUKS angestrebten Komplexität setze das Projekt auch intern erhebliches IT-Knowhow voraus. Ob sich deshalb ein IT-Debakel abzeichne, werde sich aber erst noch weisen müssen, unvorstellbar wäre es jedenfalls nicht.
 
Die Qualität des Vorhandenen
Die bisherige Anbieterin, Nexus, hat keine Offerte abgegeben. Wie Peter Dubacher, Geschäftsleitungsmitglied von Nexus Schweiz, zu inside-it.ch sagte, seien man am LUKS mit ersten Teilen von Nexus bereits seit 1998 vertreten und liefere seit über zehn Jahren auch das KIS. Da man auf dem neusten Stand der Technik arbeite, gewinne man immer wieder neue Projekte. Dubacher meint denn auch, dass die vom LUKS anvisierte Modernisierung auch mit Nexus möglich gewesen wäre. Immerhin stehe das KIS von Nexus bei über 50 Gesundheitsorganisationen in der Schweiz im Einsatz und leiste beispielsweise neben dem Kantonsspital Fribourg auch in alle Kantonsspitäler im Kanton St. Gallen beste Dienste. (Volker Richert)
 
((Anpassung vom 07.04.2016)) Auf bitten des LUKS wurde ein Satz in dem Bericht angepasst. Weiter teilt die Medienstelle des LUKS mit: "Das aktuelle Klinikinformationssystem (KIS) des Luzerner Kantonsspitals (LUKS) steht vor der Ablösung. Deshalb wurde ein öffentliches Ausschreibungsverfahren gestartet. Die Zuschlussverfügung ist noch offen, da gerichtlich anhängig. Aus diesem Grund kann sich sich das LUKS bezüglich Ihrer Fragen noch nicht spezifisch äussern. Angaben zum HIMSS-Standard sind auf deren Webseite öffentlich einsehbar."