"Jetzt werden die Weichen gestellt"

Bundespräsident Johnann Schneider-Ammann begrüsst die Gäste des "Networking Breakfast" am 15. März an der CeBIT in Hannover. Foto: ICTSwitzerland
Bundespräsident Schneider-Ammann im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch über Industrie 4.0, die Relevanz der Schweizer Software-Industrie und die Ü45-Problematik.
 
Der Auftritt der Schweiz an der wichtigsten Computermesse der Welt, der CeBIT in Hannover, war ein Erfolg. Die Schweiz zeigte sich als Heimat einer innovativen und starken ICT-Industrie, vom Startup über Grossfirmen bis zur Forschung. Der Auftritt von Bundespräsident Schneider-Ammann an der Eröffnungsgala und am Messerundgang zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel machte deutlich, dass ICT heute als lebendige Industrie ernst genommen wird.
 
Bevor sich Bundespräsident Johann Schneider-Ammann zusammen mit der Bundeskanzlerin und ICTSwitzerland-Präsident Ruedi Noser am Eröffnungstag zum Messerundgang aufmachte, nahm er sich frühmorgens Zeit für ein Gespräch mit inside-it.ch.
 
Man kann das Thema Digitalisierung von zwei Seiten betrachten: Die einen warnen vor noch mehr Automatisierung, vor dem massenhaften Einsatz von Robotern und letztlich massiven Jobverlusten. Die anderen sagen, dass Europa in Rückstand geraten sei und man nun schleunigst vorwärts machen müsse mit der Digitalisierung. Was ist ihre Wahrnehmung? Müssen wir Angst haben zu spät zu sein?
 
Johann Schneider-Ammann: Angst ist nie und nirgends eine erfolgsversprechende Strategie. Ich komme selbst aus der Elektronikindustrie und habe eine Affinität zu ihr. Die vierte industrielle Revolution, von der heute gesprochen wird, findet statt. Wer diese Entwicklung nicht mitmacht, wird mit Sicherheit früher oder später den Markt verpassen. Alles und jedes wird digitalisiert und Prozesse und Produkte werden neu gestaltet. Man muss Schritt halten.
 
Ich war lange Jahre Präsident von Swissmem und habe mich unlängst mit meinem Nachfolger Hans Hess über das Thema Digitalisierung unterhalten. Ich war beeindruckt, wie die Swissmem-Industrie die Herausforderung annimmt. Diese gestaltet sich umso schwieriger, als in einer gewissen Umstellungsphase der eine oder andere Arbeitsplatz in Frage gestellt werden wird. Aber wir werden bei der neuesten Technologiewelle dabei sein und gute Dienstleistungen und Produkte entwickeln. Und damit entstehen auch neue Arbeitsplätze.
 
Der Staat muss die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Privaten sich entwickeln können und unternehmerische Initiative nicht behindert wird. Das heisst für mich einerseits möglichst wenig Bürokratie und Regulierung. Andererseits muss der Staat mithelfen, Innovation zu fördern. Konkret meine ich etwa den Aufbau des Schweizerischen Innovationspark, die Umwandlung der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) oder ähnliches. Der Bund und die Kantone sollen zudem dafür sorgen, dass Fachleute ausgebildet werden, die die Umgestaltung mittragen können. Weiterbildung und Berufsbildungspläne sind wichtige Themen.
 
Der Staat selbst wird aber keine Neuentwicklungen umsetzen können. Er kann Voraussetzungen, zum Beispiel bei der Bildung, schaffen und soll dann den Raum den Privaten überlassen.
 
Digitalisierung wird eine ganze Reihe von menschlichen Tätigkeiten überflüssig machen. Zum Beispiel das Abtippen von Buchhaltungsbelegen wird unnötig sein. Viele Menschen werden sich damit konfrontiert sehen, dass es ihre Arbeit nicht mehr gibt. Was haben Gesellschaft und Staat diesen Menschen zu bieten?
 
Johann Schneider-Ammann: Ich erzähle Ihnen dazu eine kurze Geschichte. Ungefähr 1980 stellte ich meine damalige Maschinenbaufirma in Langenthal auf CNC-Technologie um. Ich bot meinen Werkmeistern an, mich bei der Evaluation und dem Kauf solcher Maschinen zu begleiten. Etwa die Hälfte der ungefähr neun Werkmeister sagte zuerst, sie mache nicht mit. Ich erklärte ihnen, dass diejenigen, die mich begleiten würden, bei der Beschaffung der neuen Maschinen mitbestimmen und in Zukunft auch bei ihrem Einsatz dabei sein würden. Am Ende kamen alle neun mit. Sie wussten, dass sie mitmachen mussten oder sonst früher oder später nicht mehr dabei sein würden.
 
Heute sind wir einfach bei einer nächsten Welle. Man muss sich der Herausforderung stellen, sich anpassen und sich das nötige Wissen aneignen. Der Staat kann bei Gestaltung und Finanzierung von Weiterbildungsprogrammen mithelfen und tut das auch. Ich glaube, niemand ist zu alt, um seinen Beitrag zu leisten. Aber man muss an sich arbeiten.
 
Eine einfache Buchhalterin wird beim besten Willen nicht zur Software-Entwicklerin. Manche werden überfordert sein.
 
Johann Schneider-Ammann: Es wird ja nicht nur Software-Entwickler brauchen. Auch in Zukunft wird es Störungen und Ausnahmen geben, die man bearbeiten muss. Papier wird nicht ganz verschwinden. Ich stelle immer wieder fest, dass es auch in der Hightech-Industrie in der einen oder anderen Form Betreuung braucht. Eine rein digital durchorganisierte Welt ist aus meiner Sicht ein unrealistisches Szenario. Es wird auch in Zukunft menschlichen Einsatz brauchen. Ich möchte die Menschen ermutigen, sich nicht gegen die Entwicklung zu wehren, sondern in sich zu investieren. Auch eine Alterslimite gibt es nicht. Wer sich interessiert, findet mit dem nötigen Engagement seine Funktion im Markt.
 
Sprechen wir über Industriepolitik. Deutschland hat sich Industrie 4.0 auf die Fahne geschrieben. Das kleine Lettland will das ganze Land durchgehend digitalisieren und trat mit einem riesigen Stand am Mobile World Congress in Barcelona auf. Die Schweiz hingegen hat keine Industriepolitik. Es gab zwar die Initiative "eZürich", aber von "eSchweiz" habe ich noch nie etwas gehört. Warum ist das so?
 
Johann Schneider-Ammann: Die Schweiz ist erfolgreich und wir wollen es bleiben. Auch mit der vierten industriellen Welle. Wir sind auch darum erfolgreich, weil sich vor allem die Privatwirtschaft engagiert, Ambitionen und den Freiraum hat, sich zu entwickeln. Wir machen der Gesellschaft den grössten Gefallen, wenn der Staat sich auf die Rahmenbedingungen, zum Beispiel Rechtssicherheit, konzentriert. Eine aktive Industriepolitik, in welcher der Staat entscheidet, wo und wie investiert werden soll, ist zum Scheitern verurteilt. Das gilt in der Digitalen Revolution noch stärker als früher, denn Dynamik und Tempo haben sich intensiviert.
 
Die Privatwirtschaft ist bei uns ja auch sehr erfolgreich. Nicht nur hiesige, sondern auch zugewanderte Firmen leisten einen grossen Beitrag. Denken sie nur an Google in Zürich oder das IBM Forschungszentrum in Rüschlikon. Das sind Flaggschiff-Unternehmungen, die offensichtlich bei uns die Voraussetzungen finden, sich zu entwickeln.
 
Der Bund macht übrigens nicht nichts. Wir haben zum Beispiel ein E-Government-Programm. Der Bund macht damit heute mit seinen Spezialisten eigene Erfahrungen und lernt. Das Wichtigste aber, das die öffentliche Hand beitragen kann: Sie muss in der Bildung die Weichen richtig stellen. Denn die Digitalisierung hat Auswirkungen auf die Anforderungsprofile der Ausbildungen und damit auch die Bildungspläne. Diese werden angepasst. Ein wesentlicher Schritt ist mit der neuen Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation für die Jahre 2017 bis 2020 gemacht. Darin wird die Bedeutung der vierten industrielle Revolution betont. Wir wollen, dass die nötigen Initiativen ergriffen werden. Damit sich die Menschen dieser Welle, die nicht aufzuhalten ist, stellen können. Ich denke, der Einstieg ist gemacht.
 
Ich verfolge die deutsche Wirtschaftspolitik möglichst nahe und bin mit Herrn Gabriel zum Thema Industrie 4.0 in engem Kontakt, nicht nur hier an der CeBIT. Es ist noch nicht so lange her, dass die politisch Verantwortlichen Deutschlands feststellten, dass die Digitalisierung unausweichlich ist und die Industrie 4.0 tatsächlich entsteht. Man hat sowohl im deutschen Wirtschaftsministerium wie auch bei uns den Trend in den letzten zwei Jahren vermehrt auf dem Radar. Wir steigen jetzt ein und helfen mit, damit wir ganz vorne auf der Welle mitreiten können. Ich glaube nicht, dass wir etwas verpasst haben. Aber die Weichen werden jetzt gestellt. Das sieht man auch hier an der CeBIT ganz deutlich. Wer hier ist, hat es offenbar begriffen.
 
Es gibt eine Schweizer Softwareindustrie. Aber man sieht sie nicht. Einerseits "versteckt" sich viel Software in Industrieprodukten wie Hörgeräten oder Liften. Andererseits werden Schweizer Software-Hersteller weder lokal noch international wahrgenommen. Wenn sie international bestehen wollen, müssen sie das mehr oder weniger alleine versuchen. Israel hingegen – um nur ein Beispiel zu nennen – fördert die eigene Softwareindustrie intensiv. Nehmen Sie als Wirtschaftsminister die Softwarebranche als Industrie wahr? Oder ist sie so klein, dass man sie in Bern gar nicht sieht?
 
Johann Schneider-Ammann: Die Schweizer Softwareindustrie wird massiv unterschätzt und zwar weil sie oft hinter den Kulissen stattfindet. Kein Lift fährt mehr ohne Software, übrigens auch keine Baumaschine mehr. Vor etwa zehn Jahren, als ich noch Swissmem-Präsident war, erkannten wir, dass wir als Maschinenbauer und Dienstleister ohne modernste Elektronik nicht weiterkommen werden. Ich bin froh, dass es unterdessen einen sehr aktiven ICT-Verband gibt, der der Branche eine Stimme verleiht und hier in Hannover Flagge zeigt. Ich finde, Ruedi Noser und die teilnehmenden Firmen machen das ausgezeichnet.
 
Natürlich könnte man mehr Statistiken erheben und die Entwicklung der ICT genauer feststellen. Aber wir wollen nicht mehr Bürokratie als nötig. Klar ist: ICT geht quer durch alle Produkte und Dienstleistungen, die die Schweiz herstellt. Zum Beispiel die Haushaltgeräte von V-Zug: Das sind Roboter, nicht erst seit gestern. "Industrie 4.0" ist keine Welle, die nun plötzlich über uns rollt. Sondern ein Trend, der sich peu à peu durchsetzte und immer mehr sichtbar wird.
 
Wenn die ICT-Industrie gemeinsam auftritt, hat sie ein Gesicht und Gewicht. Ich denke, das ist das Rezept. Der Staat muss da nicht zusätzlich aktiv werden.
 
Wann immer wir eine Story über Nachwuchsförderung in der ICT schreiben, gibt es interessante und kompetente Leserkommentare. Die Leute schreiben Sätze wie "Ich bin 50 Jahre alt, kompetent und finde keine Stelle. Und ihr schreibt, man solle den Nachwuchs fördern oder Arbeitsbewilligungen für ausländische Fachkräfte erteilen." Ich glaube, es gibt eine reelle Diskrepanz auf dem Arbeitsmarkt. Wie sehen Sie die "Ü45-Problematik", die es ja nicht nur in der ICT gibt?
 
Johann Schneider-Ammann: Die Problematik existiert tatsächlich. Normalerweise spricht man von einer "Ü50-Problematik", aber in der ICT dürfte der Begriff "Ü45" wohl eher zutreffen. Die Entwicklung in der ICT verläuft sehr rasch und man kann leicht den Anschluss verpassen. Selbst in jungen Jahren und umso mehr im Alter von 45 Jahren oder mehr. Man kann zwar bereits relativ jung viel Geld verdienen, hat aber das Risiko, plötzlich zu teuer zu werden.
 
Das ist für mich eine ganz wichtige Thematik – ich engagierte mich schon als Unternehmer für ältere Arbeitnehmende, die keinen neuen Job mehr fanden. Für die Betroffenen ist das eine ganz schwierige Situation. Was kann man tun? Wir bereiten derzeit eine Tagung im April 2016 vor, die sich mit der Thematik der älteren Arbeitnehmer beschäftigen wird. Die ICT-Branche wird in dieser Thematik einbezogen. Ich denke, der Weg wird über praktische Weiterbildungen gehen. Es wird nicht reichen, Zuhause Bücher zu studieren oder E-Learning-Kurse zu absolvieren. Das kann auch bedeuten, dass eine Person für die neue berufliche Ausrichtung im Alter von 45 Jahren oder älter einige Monate mit einem Praktikums-Gehalt auskommen muss. Weiterbildung ist entscheidend. Zweitens muss man flexibel sein. Die Welt und die Industrie sind schnell geworden. Die Halbwertszeit in der ICT ist kürzer als in jeder anderer Branche und die Betroffenen müssen sich dessen bewusst sein. Sie müssen eine innere Bereitschaft entwickeln, sich anzupassen und zum Beispiel für einen Job oder eine Weiterbildung von Zürich nach Bern zu pendeln. Das muss zumutbar sein.
Ich weiss, dass es ältere Arbeitnehmende gibt, die genau dieses Engagement an den Tag legen und trotzdem lange keinen neue Stelle finden. Ich will Ihnen aber Mut zusprechen: Die Betroffenen im ICT-Bereich sind auf enorm hohem Niveau bezüglich Wissen, Können und Erfahrung. Sie haben in unserem Hochlohnland mit Sicherheit eine Zukunft. Wir sind technologisch und wissenschaftlich ganz vorne dabei und ich bin sicher, dass ICT-Fachleute gebraucht werden.
 
Normalerweise erschrickt man sehr, wenn etwas passiert. Viele sind geschockt. Genau dann droht man den Anschluss zu verpassen. Die Regionalen Arbeitsvermittlungs-Zentren leisten dann Unterstützung. Es ist wichtig. sich dort zu melden, wenn die Gefahr besteht, dass man den Job verliert. Wichtig ist, dass man sich einklinkt, dann ist es auch möglich, dass man im Arbeitsmarkt bleibt. Aber es braucht Flexibilität und den Willen zu systematischer Weiterbildung.
 
Es bräuchte aber auch von Arbeitgebern her die Bereitschaft, Weiterbildung zu fördern und zu fordern. Ältere Fachleute beklagen sich darüber, nach Jahren im Projektstress verabschiedet worden zu sein. Und es braucht die Bereitschaft, Menschen über 45 überhaupt anzustellen.
 
Johann Schneider-Ammann: Einverstanden. Die Bereitschaft, Fachleute über 45 anzustellen, ist letztlich entscheidend. Ich diskutiere als früherer Arbeitgeber intensiv mit meinen Kollegen und fordere sie auch öffentlich dazu auf, sich zu engagieren und älteren Fachleuten eine Chance zu geben. Ich denke, die Bereitschaft dazu wächst. Lange haben Arbeitgeber sehr einfach Spezialisten aus dem nahen Ausland finden und anstellen können. Doch das ändert sich nun mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Die Unternehmer sind sich aber auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung mehr bewusst und bieten mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)
 
Bundespräsident Johann Schneider-Ammann studierte Elektrotechnik an der ETH Zürich. Er war Präsident des Baumaschinenherstellers Ammann Group, Präsident des Verwaltungsrats der Mikron Group und Verwaltungsrat der Swatch Holding. 1999 bis 2010 präsidierte er den Verband der Maschinenindustrie Swissmem. Im September 2010 wurde er in den Bundesrat gewählt. Das Interview wurde während der CeBIT in Hannover geführt, wo Schneider-Ammann die Schweiz als Bundespräsident vertrat.