Debakel in Astra-Projekt hätte früher entdeckt werden können

Ein fehlerhafter Testprozess könnte dazu führen, dass das seit sechs Jahren pendente Informationssystem Verkehrszulassung scheitert.
 
Das Informationssystem Verkehrszulassung bleibt ein Ärgernis. Der 2010 aufgegleiste Neubau eines Systems zur Verarbeitung der Daten von Teilnehmern im Strassenverkehr sorgte schon 2012 für Aufsehen, als das Projektbudget wegen Fehlplanungen von 8 Millionen auf 32,6 Millionen Franken aufgestockt werden musste. Seit 2013 steht das vom Bund zum Schlüsselprojekt ernannte Vorhaben unter besonderer Aufsicht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK).
 
So resümierte die EFK in einem Bericht von Sommer 2014, dass das Projekt trotz Handlungsbedarf weiterhin auf Kurs und der damals vorgesehene Einführungstermin für Ostern 2015 möglich sei. In der Zwischenzeit hat sich das Bundesamt für Strassen (Astra) von Partner Trivadis getrennt. Das Unternehmen hatte zur Einhaltung eines neuen Abgabetermins Ressourcen gefordert, die der Bund nicht bereitstellen wollte, schrieb die EFK damals in ihrem Bericht.
 
Nun liegt der zweite Bericht vor. Er legt offen, dass Trivadis mit falschen Werten gearbeitet haben soll. Anstatt Performance-Tests über die gesamte Verarbeitungskette durchzuführen, habe sich das Unternehmen in einer Situationsanalyse auf "bundesinterne technische Zielwerte" verlassen. Für eine Stellungnahme war Trivadis bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.
 
Als schliesslich die im ersten EFK-Bericht geforderten Ende-zu-Ende-Tests Anfang 2015 nachgeholt wurden, konnten zwar Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität festgestellt werden. Trotzdem seien die Zielwerte nicht angepasst worden. Die Testkonzepte stellten keine verlässliche Basis dar, weshalb das Risikomanagement nicht richtig funktioniert habe. Wären diese Probleme früher angegangen worden, hätte das Ausmass der Perfomance-Defizite früher festgestellt werden können, schreibt die Finanzkontrolle.
 
Ungewisse Zukunft
Bis heute hat das Projekt um die 30 Millionen Franken gekostet. Verrechnet man zudem noch ausstehende Posten, kommt das Projekt aktuell auf etwa 38 Millionen Franken, sagt ein Sprecher der EFK gegenüber inside-it.ch.
 
Offiziell gibt es keinen neuen Termin für die Einführung des Systems. Intern ist laut einem Bericht vom 'Bund' aus dem letzten Sommer "von einem Zeithorizont 2018 bis 2020 die Rede".
 
Das EFK empfiehlt dem Astra für das weitere Vorgehen alle Varianten zu prüfen. Dabei stellt sich für das Astra auch die Frage, ob das Projekt überhaupt fortgesetzt wird. Auf das weitere Vorgehen angeschrieben antwortet ein Astra-Sprecher gegenüber inside-it.ch: "Die Variantenprüfung sowie die Übernahme von IVZ sind sehr aufwändige Arbeiten". Dennoch sei es das Ziel, im Sommer einen Entscheid fällen zu können. Gegenüber inside-it.ch schätzt eine mit dem Projekt vertraute Person die Chance, dass es auf den Boden gebracht werden kann, auf nur noch 50 Prozent. Aktuell sind neben Trivadis und dem BIT auch Consultants von E3 und AWK involviert, schreibt das Astra auf Anfrage weiter.
 
Von MOFAD zu IVZ
Heute wird das Zulassungs- und Kontrollwesen des Strassenverkehrs in der Schweiz und in Liechtenstein mit drei verschiedenen Datensystemen abgewickelt: MOFIS enthält die Daten der Fahrzeugzulassungen, FABER die Daten der Führerzulassungen und ADAMS die Daten von Administrativmassnahmen. Zusammen bilden die Systeme die Datendrehscheibe MOFAD.

Das Ziel vom Astra ist nun aber, die Technologie zu modernisieren und die Abläufe flexibler zu machen. Mit IVZ soll die mehrfache Speicherung der Daten der gleichen Person in verschiedenen Strassenverkehrs-Datensystemen beseitigt werden. Es soll eine zentrale Datenbasis bereitstellen, mit der sowohl die kantonalen Zulassungsbehörden als auch die Bundesbehörden arbeiten können. (mik/lvb)
 
Update (20. April 2016): Die EFK monierte, Trivadis habe mit bundesinternen Zielwerten gearbeitet, die falsch waren. Eine Sprecherin von Trivadis sagt gegenüber inside-it.ch, dass dem Unternehmen die Verwendung ebendieser Werte im Werkvertrag vorgegeben war. "Trivadis hat sich lediglich an den Vertrag gehalten", sagt sie.