Teradatas schwierige Transformation

Dan Harrington, Executive Vice President von Teradata.
Teradatas jüngste Kundenveranstaltung in Hamburg bestätigte, dass sich das Unternehmen in einem umfangreichen Wandel befindet, bei dem es darum geht, eine Balance zwischen dem traditionellen Datenbank- und Datawarehousegeschäft sowie den neuen Businessausrichtungen zu finden.
 
"Wir sind mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess", sagte Teradatas CEO Mike Koehler im vergangenen Herbst und kündigte damit an, dass man sich von der Marketing-Anwendungssoftware verabschieden wird. Aufgrund fallender Umsätze plant das Unternehmen, den grössten Teil des Marketing-Applications-Business auszugliedern oder zu verkaufen. Noch wurde dieser Schritt nicht vollzogen, aber trotzdem gab es bereits gravierende Personalveränderungen und massive Umsatzeinbussen. So schloss das Geschäftsjahr 2015 mit einem deutlichen Minus ab. Der Umsatz fiel gegenüber 2014 um sieben Prozent von 2,7 Milliarden auf 2,5 Milliarden Dollar. Und aus dem Gewinn von 367 Millionen wurde ein kräftiger Verlust von 124 Millionen Dollar.
 
Statt sich weiterhin mit den Anpassungs- und Branchenproblemen der IT-Anwender herumzuschlagen, will man sich in Zukunft wieder mehr auf die ursprünglichen Tugenden konzentrieren: Dem Bereitstellen von Highend-Technologien an der vordersten Speerspitze der IT-Technologie, wenn es um grosse Datenmengen geht, also in den Bereichen Big-Data, Analytics und neuerdings IoT. Die Grenze zur Anwendungssoftware ist aber fliessend. "Nein, wir sind kein Anbieter von Anwendungssoftware", erklärte Dan Harrington, Executive Vice President bei Teradata und zuständig für den Service-Bereich. Doch die Einstufung als Middleware-Anbieter behagte ihm auch nicht. "Unsere Schlüsselprodukte sind wichtige Business-Enabler, damit lassen sich Analysen erstellen, die nicht nur neue Erkenntnisse liefern, sondern darüber hinaus komplett neue Geschäftsmodelle ermöglichen", lautet seine Produkt-Kategorisierung mit der vor allem die Analytics-Tools Aster und Listener anspricht.
 
Viel Lob für die Teradata-Produkte
Dabei könnte man mit dem angestammten Produktportfolio hoch zufrieden sein. Die Marketing-Software wurde von Gartner noch im vergangenen Februar zum vierzehnten Mal in Folge als führend im entsprechenden Magischen Quadrat gelobt und auch die Datawarehouse-Lösung wurde von "The Information Difference" als Spitzentechnologie eingestuft. "Unser Jahresbericht beweist erneut, dass das Teradata-Datawarehouse führend bei der Technologie, der Innovation und der Expertise ist", schrieb deren CEO Andy Hayler in seinem Bericht. Hierzu gab es jetzt eine Erweiterung. Mit Intelliflex sollen Massiv-Parallele-Abarbeitungen noch schneller gehen und sich flexibler einrichten lassen. Hier gehört vor allem eine Entkoppelung von den Speichermedien und den Rechenknoten. "Man muss sich das wie ein Textilgewebe vorstellen, bei dem alles mit allem wahlfrei verknüpft ist", sagte Teradatas Entwicklungs-Chef Oliver Ratzesberger bei der Neuvorstellung. Mit dieser Entkoppelung wurde einem vielfachen Wunsch der Teradata-Kunden entsprochen. "Früher war die Rechen-Leistung fest mit der Speicher-Kapazität verbunden, doch in der Regel ist es so, dass man nur das eine ohne das andere aufrüsten möchte – das ist jetzt endlich problemlos möglich", erläuterte Ratzesberger die neue Skalierbarkeit von Intelliflex. Weitere Features sind eine einfache Aufrüstbarkeit, mit der sich das System in 60 Minuten verdoppeln lässt. Auch bei der Performance gibt es Verbesserungen, trotz 75 Prozent weniger "Hot-Standby-Hardware".
 
In-Memory - aber nicht komplett
Die Formulierung "Hot-Standby-Hardware" bezieht sich auf die spezielle Teradata-Version von In-Memory-Computing, bei der im Gegensatz zu SAPs HANA
Gerhard Kress, Chef Mobility-Service bei Siemens.
oder Terracotta nicht alle Daten permanent im Hauptspeicher gehalten werden. Stattdessen arbeitet man mit Storage-Ebenen, bei denen nur rund 20 bis 30 Prozent aller Daten In-Memory sind. "Alle unsere Messungen zeigen, dass nur rund ein Viertel aller Daten 'heiss' sind – und nur diese müssen im direkten Speicherzugriff sein“, sagte Teradatas Chef-Technologe Stephen Brobst. Doch das Problem dabei ist, dass sich die "Datentemperatur" schnell ändern kann: "Was derzeit heiss ist, kann in wenigen Sekunden eiskalt sein", bestätigt Brobst. Entsprechend wichtig sind deshalb die Algorithmen, nach denen die Daten ausgetauscht werden, und diese Algorithmen werden kontinuierlich verbessert, so dass die Forderung nach mehr Daten im Hauptspeicher für ihn irrelevant ist. "Das Argument gegen unsere Algorithmen-Technologie ist immer das gleiche: 'Speicherchips werden kontinuierlich billiger, warum also nicht gleich alles in den Hauptspeicher packen.‘ Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn das Datenvolumen wächst schneller, als die Preise für Speicherchips fallen – und diese Schere wird sich durch IoT und Big Data noch weiter öffnen", erläuterte er in einem Gespräch mit Inside-it.ch. Verfügbar soll Intelliflex im dritten Quartal 2016 sein.
 
Unklare Cloud-Strategie
Zwar gehört Intelliflex eindeutig in den Bereich "Pflege des Bestandsgeschäftes", doch heute muss ja alles einen Bezug zu einem aktuellen Buzzwort haben – in diesem Fall ist es Cloud-Computing. Laut Teradata gehört Intelliflex in die Kategorie einer internen Cloud-Komponente und unterstützt damit den Betrieb einer Hybrid-Cloud. Doch gerade beim Cloud-Computing zeigt sich, wie unsicher Teradatas Strategie bei dieser modernen Rechen-Nutzung ist. So schwärmte man in Hamburg über die Zusammenarbeit mit Amazons AWS, wo jetzt das gesamte Datawarehouse mit vielen Add-ons aus der Cloud verfügbar ist. Laut Amazon war diese Bereitstellung "der bislang grösste Product-Launch einer Business-Software auf der AWS-Plattform".
 
Doch parallel gab Teradata auch den Ausbau der eigenen Cloud-Plattform bekannt. Hierzu wird ein Rechenzentrum in Deutschland eingerichtet, das in der zweiten Jahreshälfte ans Netz gehen soll. "Unsere europäischen Kunden favorisieren Deutschland als Standort, weil es die schärfsten Datenschutzgesetze hat", gab Harrington als Grund für diese Standortwahl an.
 
Die Zweigleisigkeit bei den Cloud-Angeboten ist aber nur ein Faktor, der verwirrend ist. Ein anderer ist der, dass sich Big Data – besser gesagt Huge Data – und die Cloud widersprechen. Wer beispielsweise die Sensor-Daten von IoT-Anlagen in Realtime analysieren will, stösst schnell an die Grenzen dieser Rechenform. Das bestätigen auch grosse Teradata-Kunden. "Wir sind an deren neuen Cloud-Angeboten interessiert, aber nur um darauf neue Algorithmen zu testen oder zeitunkritische Follow-up-Analysen durchzuführen – für den Produktionbetrieb kommt nur eine In-House-Lösung in Frage", sagt Gerhard Kress, Chef des Mobility-Service bei Siemens, der unter anderem ein grosses IoT-Projekt im Bereich Predictive-Maintenance bei der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe betreut.
 
Smart City: Warten auf die nächste Generation
Mobilitäts-Management gehört eindeutig zu den grossen Big-Data-Herausforderungen im Bereich Smart-City. Nicht nur die Industrie, sondern auch viele Universitäten arbeiten an Ideen zur Bekämpfung des Verkehrs-Infarkts. Der MIT-Professor Carlo Ratti hat beispielsweise herausgefunden, dass bei einer Algorithmen-gesteuerten Verkehrsführung keine Ampeln mehr erforderlich sind. Voraussetzung wäre allerdings, dass alle Fahrzeuge hundertprozentig vernetzt sind und interaktiv von einer Leitzentrale aus geregelt werden könnten. Ratti meint, dass man damit den Verkehrsfluss praktisch verdoppeln könnte.. An der Entwicklung von solchen Programmen und Algorithmen ist Teradata zwar nicht direkt beteiligt, doch viele Metropolen, die mit Smart-City-Lösungen experimentieren, nutzen Teradatas Datenbanken und Datawarehouse-Technologien. Hierzu gehört auch die Stadt Wien, die auf vielfältigen Ebenen neue Konzepte erprobt. "Ja, man könnte sehr viel verbessern, aber der finanzielle und organisatorische Spielraum ist eng; bei vielen neuen Anwendungen müssen wir einen Generationswechsel abwarten", lautet die etwas resignierte Einschätzung von Dominic Weiss, dem Smart-City-Beauftragten der Stadt Wien. (Harald Weiss)