Software Craftsmanship - keine Code Monkeys

Daniel Koller berichtet von der CRAFT-Konferenz in Budapest.
 
"Wenn man mit Stolz Software entwickelt, seinen Job liebt und stetig besser werden will, eine Karriere mit Autonomie, einem Zweck und hervorragenden Leistungen verfolgt, dann beginnt man am besten mit der Erkenntnis, dass man ein Software Craftsman ist". Dieser Satz stammt aus dem Ende 2014 erschienenen Buch "The Software Craftsman" von Sandro Mancuso (ISBN-13: 978-0134052502).
 
Die Software Craftsmanship-Bewegung hat ihren Ursprung in den Neunzigerjahren und brachte ihre Werte auch in das Agile Manifesto ein. Die Agile Software Entwicklung fokussierte sich jedoch aus der Sicht vieler schon bald zu sehr auf Prozesse und Vorgehensweisen (Scrum) und vernachlässigte handwerkliches Können (eXtreme Programming). Dies führte letztlich im 2009 zu einem eigenen Manifest für "Software Craftmanship", obwohl die "Handwerkskunst" den agilen Werten und Prinzipen eigentlich nicht widerspricht.
 
Dennoch entstand über die Zeit bei vielen Softwareingenieuren ein neues Verständnis ihres Berufes: sie sahen ihre Werte und Ziele nicht mehr im reinen Optimieren von Prozessen und Abläufen, sondern wollten einfach nur mit Pragmatismus möglichst gute Software entwickeln. Die Software soll den Benutzern so früh wie möglich weiterhelfen, und alle Beteiligten sollen sich durch das stetige Dazulernen weiterentwickeln können. Dass die Agile Alliance dieses Jahr neben der "Agile Conference" erstmals eine "Agile Technical Conference" durchführt, mag ein Hinweis darauf sein, dass man auch dort den Mangel bemerkte und den technischen Fokus wieder verstärken will.
 
In der Schweiz gibt es einige Anlässe, die dem neuen Trend der Software Craftmanship eine Plattform bieten. Die populärsten sind aus meiner Sicht die SoCraTes Unconference (SOftware CRAftsmanship and TESting) und die Meetups Software Craftsmanship Zürich und Coders Only. All diese Events sind technologieunabhängig. So treffen sich Entwickler von Banken mit Hackern von Start-ups, UX-Leute diskutieren mit Personen, die direkt auf der Hardware mit wenigen Kilo-Bytes Speicher auskommen müssen.
 
Die CRAFT-Konferenz
Letztes Jahr habe ich mit einigen der Gründer dieser Schweizer Events über Weiterbildung gesprochen und da erfuhr ich, dass es in Budapest eine Konferenz gibt, welche sich CRAFT nennt und bei der das Handwerk im Fokus ist und nicht spezielle (vergängliche) Technologien und Prozesse. Ich hatte schon grosse Konferenzen wie die DEVOXX besucht, war aber trotzdem vom Line-up der Legenden und Grössen aus unserer Zunft an der CRAFT beeindruckt.
 
Die CRAFT gibt es zwar erst seit zwei Jahren, aber dieses Jahr verzeichnete sie schon 1800 Teilnehmer aus über 50 Ländern. 75 Speakers deckten in 66 Sessions und 20 Workshops das ganze Spektrum ab: Sprachen-unabhängige Methoden, good practises (tdd, bdd, ddd, ci, cd, security, performance, soa etc.), Themen auf Team- und Organisationsstufe (agile, devops, lean, scaling, culture, innovation, etc.), neue Themen und akademische Bereiche (Container, FP, Distributed
Das Hypethema Microservices ist für manche Entwickler bereits ein Reizwort.
Systems etc.).
 
Speziell zu erwähnen ist auch das Diversity-Programm der Konferenz. Schon beim Buchen der Tickets hat man die Möglichkeit, wenn man zum "anderen" Geschlecht gehört (das auch an dieser Konferenz das weibliche ist) oder aus finanziell weniger beglückten Ländern stammt, Tickets und Reiseunterstützung zu erhalten. Die Veranstalter haben erreicht, dass 24 Prozent der Speaker Frauen sind, was für eine Konferenz in unserer Industrie doch ein beachtlicher Wert ist.
 
An den ersten zwei Tagen der Konferenz fanden die ganztägigen Workshops statt. Zusammen mit ca. 30 Leuten aus 3 Kontinenten besuchte ich den Friction Lab Workshop von Mary und Tom Poppendieck. Für mich war es unglaublich, diesen Legenden zuzuhören und in kritischen Diskussionen herauszufinden, welche Art von Unternehmenskultur, welche Prinzipien und welche Practices den Flow von IT-unterstützen Changes fördern oder behindern können. Die Ideen basierten grundsätzlich auf Lean und können in Firmen wie Netflix, Spotify, aber auch GE Healthcare beobachtet werden. Wichtige Aussage: Ein Unternehmen soll eine Unternehmenskultur schaffen, die Craftmanship ermöglicht. Wer glaubt, dies nicht nötig zu haben, werde früher oder später von anderen Firmen und deren Produkten und Plattformen überholt und aus dem Markt gedrängt.
 
Am zweiten Tag war das Thema High performance organizations mit Jez Humble. Die Essenz war auch hier, dass ein Unternehmen mit der richtigen (Vertrauens-)Kultur viel schneller auf Veränderungen reagieren kann und aus Fehlern lernt, statt den Überbringer der schlechten Botschaft umzubringen. Wir haben Empathy Maps und Value Proposition Canvas-Spiele durchgeführt, um zu lernen, wie man sich auf die wesentliche Probleme des Kunden und der Benutzer fokussieren kann. Witzig war, dass einige Leute von GitHub diesen Workshop besucht haben. Wahrscheinlich hatten sie sich mehr aus dem Bereich Continuous Delivery erhofft.
 
Am dritten und vierten Tag fand dann die eigentliche Konferenz in einem Eisenbahn-Museum statt. Die Zürcher Craftsmanship Community war durch eine Craftwoman und sieben Craftsmen vertreten, die in ihrer Heimat mehrheitlich in Start-ups und KMUs arbeiten. Sie konnten in lustigen, selbstkritischen Vorträgen von Leuten wie Martin Fowler, Michael Feathers, Dan North, Corey Haines, Sam Newman, Steve Freeman, David Evans oder Sandro Mancuso ihren Horizont erweitern.

Neben den ganzen Berühmtheiten, Consultants und professionellen Speakers waren auch diverse technische Leader von Firmen wie Google, Twitter, Microsoft, Uber, Amazon, Pivotal, Docker, Kickstarter, Puppet Labs oder Soundcloud präsent und haben versucht, in den stündigen Vorträgen von möglichst vielen Learned Lessons zu erzählen.
 
Geschick und Leidenschaft
Natürlich wurden auch an dieser Konferenz die üblichen Hype-Themen nicht vernächlässigt. Wenn man es wirklich gewollt hätte, hätte man sich ein Programm nur aus Micsoservices, Devops, Container und Cloud-Geschichten zusammenstellen. Man konnte diesen Themen aber auch gut entkommen, denn zum Glück gab es mit Code-Qualität, TDD, Design & Architektur, XP oder Reactive genügend Ausweichmöglichkeiten.

Die acht Zürcher werden nach ihrer Heimkehr in den nächsten Wochen nun versuchen, in einigen der Themen mehr Know-How aufzubauen und möglichst bald in ihren Firmen kleine Experimente zu starten, um ihre Craft & Passion weiterzubringen. (Daniel Koller)
 
Über den Author:
Daniel Koller ist Software Craftsman bei Ergon Informatik.