Blechpolizisten mit Elektroschockern

So gar nicht Robocop: Der K5 im Stanford Shopping Center (Foto: Oliver Bendel)
Beobachtungen zu Überwachungsrobotern: Ein Gastbeitrag von Oliver Bendel.
 
Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Roboter. Haushalts- und Gartenroboter sind wir schon längst gewohnt, Therapieroboter ebenso. Pflegeroboter werden heftig diskutiert und eifrig erforscht. Derweil vermehren sich die Überwachungsroboter auf den Firmengeländen und in den Shopping Malls.
 
Unterwegs im Silicon Valley
Im Silicon Valley sind Überwachungsroboter von Knightscope im Einsatz. Mir begegnete einer von ihnen im Shopping Center bei der Stanford University, an der ich kurz zuvor einen Vortrag über Roboterautos gehalten hatte. Fast wäre ich mit ihm zusammengestossen, als ich von Tür zu Tür unterwegs war. Das Unternehmen schreibt auf seiner Website: "They can successfully navigate around people and objects in a dynamic indoor or outdoor environment." (Website Knightscope) Als er unter dem Schriftzug von Tiffany & Co. stand, habe ich ihn abgelichtet.
 
Man kann ihn Überwachungsroboter nennen, Sicherheitsroboter, Polizeiroboter. Das Unternehmen spricht von "Autonomous Data Machines (ADMs)". Die Möglichkeiten von K3 und K5, den beiden Modellen des Unternehmens aus Mountain View, scheinen unerschöpflich: Sie sind "force multipliers, data gatherers and smart eyes and ears on the ground helping protect your customers, your property and your employees 24/7" (Website Knightscope). Regelrechte Beschützer also, von Kunden und Mitarbeitern, und Bewacher des Eigentums, rund um die Uhr. Bewaffnet sind sie allerdings nicht - ausser mit Kameras und Sensoren.
 
Überwachungsroboter dieser Art markieren physische Präsenz. Sie mischen sich unter die Menschen und rollen neben den Tieren. Wenn es leer wird auf den Strassen und Wegen, sind ihre Silhouetten und Schatten zu sehen, und in den Räumen und Gebäuden sind sie diejenigen, die das Licht ausmachen. Und die doch mitkriegen, was dann passiert, mit allen Sinnen: ADMs "will be able to see, feel, hear and smell" (Website Knightscope). Sie könnten Rauch ebenso riechen wie Schweiss, von Angst und Stress verursacht.
 
Verbunden sind der kleine K3 und der grössere K5 (das Stanford-Exemplar) mit dem Knightscope Security Operations Center (KSOC). Dieses kann sich, für jeden Kunden passend, auffällige Ereignisse melden lassen. "Worried about a vehicle parked in a certain location for too long? Wondering why a person is wandering around your facility after hours? Concerned about certain environmental conditions changing suddenly?" (Website Knightscope) Ein Alarm, der vom Roboter ausgelöst wird, wird sofort vom KSOC überprüft.
 
Wenn der Blechpolizist keine Energie mehr hat, begibt er sich selbstständig zu seiner Aufladestation. Für diese Lücken der Aufmerksamkeit empfiehlt es sich, einen frischen Kollegen im Einsatz zu haben. Über 130 Kilogramm wiegt er, so dass ein Kidnapping zumindest nicht leicht wäre. Mit seinen 1,20 Metern würde er freilich in jedes Auto passen, und in den amerikanischen SUVs könnte man ihn und die anderen stapeln.
 
Überwachung in China
Weniger schwer, dafür noch grösser als der K5 ist der AnBot, auf den China setzt. Der 78 Kilogramm schwere und 1,49 Meter hohe Roboter sieht laut 'People's Daily Online' aus wie "a Russian nesting doll" , also die berühmte Matrjoschka. Er kann sich autonom auf seinen Rädern fortbewegen, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 18 Kilometern pro Stunde. Seine Aufnahmen werden, wie bei den Datenmaschinen von Knightscope, mithilfe Künstlicher Intelligenz analysiert. Nicht nur der Matrjoschka, sondern auch dem K5 ähnelt er in verblüffender Weise, und seine Funktionen scheinen vergleichbar zu sein, bis hin zum selbstständigen Aufladen.
 
Allerdings ist der AnBot, anders als sein amerikanischer Kollege, mittelschwer bewaffnet. Florian Rötzer schreibt
Chinas AnBot in einer Präsentation. Man beachte die genau wie bei seinen US-Pendants betont unbedrohliche Optik.
in seinem Artikel vom 13. Mai 2016: "Bei Sicherheitsbedrohungen in seiner Umgebung kann das Bedienpersonal ferngesteuert die Elektroschockwaffe des Roboters einsetzen, Menschen können um Hilfe rufen oder einen SOS-Knopf drücken, um die Polizei auf ein Problem aufmerksam zu machen."
 
Man sieht an diesen Beispielen, dass die chinesische Variante als Hybrid konzipiert ist. Sie kann sich stundenlang selbst die Zeit vertreiben und die nähere und weitere Umgebung erkunden. Man kann sie aber auch als Waffe und als Medium benutzen, zu bösen und zu guten Zwecken.
 
Die Perspektive der Ethik
Damit wäre man bei der Ethik angelangt. Aus Sicht von Technik- und Informationsethik stellen sich viele Fragen. Was ist, wenn die ferngesteuerten Versionen missbraucht werden? Was ist, wenn einen nicht nur fest installierte Kameras beäugen und nicht nur fest angebrachte Mikrofone belauschen, sondern ein autonomer Roboter einen jederzeit überallhin verfolgen kann? Selbst dorthin, wohin die Lifelogging-Ambitionen der Mitmenschen und ihre Dashcams, Fotoapparate und Smartphones samt Selfie-Stangen nicht reichen? Was ist, wenn er sich nicht nur auf Firmengeländen und in Shopping Malls herumtreibt, sondern auch auf den Strassen und Plätzen und in den Parks?
 
Einerseits wird vielleicht die Sicherheit erhöht, andererseits aber sicherlich die Freiheit eingeschränkt. Eng wird es vor allem für diejenigen, die bisher im öffentlichen Raum ihre Nische gefunden haben, das junge Pärchen auf der Bank, den Obdachlosen in der Ecke. Ihre Gesichter werden erfasst, ihr Verhalten wird analysiert, und immer wieder kann es zu informationellen oder materiellen Übergriffen kommen. Eng wird es aber eigentlich für uns alle.
 
Von Mäh- und Saugrobotern geht bisher keine grosse Gefahr für die informationelle Selbstbestimmung und die Privatsphäre aus. Bei anderen Servicerobotern wie Pflegerobotern kann man schon skeptischer sein. Diese werden sensible Daten einfangen und weiterleiten können. Noch sind sie, wie JACO, Care-O-bot, Cody und Robear, vor allem als Prototypen vorhanden. Aber ihr Einsatz wird wissenschaftlich vorangetrieben und politisch gewünscht.
 
Sind die Roboter omnipräsent, und nehmen sie hoheitliche bzw. sicherheitsrelevante und schutzbezogene Aufgaben wahr, werden wir sie, während wir ihre positiven Effekte durchaus zu schätzen wissen, zum einen fürchten, weil sie personenbezogene Daten analysieren und generieren, zum anderen sie zum Anlass nehmen, unser Verhalten anzupassen, um nicht in ihr Raster zu geraten. Während wir für andere mobile Roboter nur potenzielle Hindernisse und reale Bedürftige sind, sind wir für Überwachungsroboter auch potenzielle Verdächtige.
 
Was die Zukunft bringt
Den Menschen als Hindernissen muss man noch einen Absatz widmen. Ich war verwundert, dass man dem K5 in Stanford so nahe kommen konnte. Vielleicht gibt es auch einen Knopf bei ihm, den man drücken kann. In diesem Fall müsste er eine gewisse Nähe erlauben. Aber was ist, wenn er ein Kind oder ein Tier überfährt? Wenn sein enormes Gewicht auf einem kleinen Körper liegen bleibt? Oder wenn der AnBot (bzw. der Mensch dahinter) mit seinem Elektroschocker einen Unschuldigen zur Strecke bringt? Vielleicht können Vertreter von Maschinen-, Technik- und Informationsethik sowie Experten für Roboterrecht brauchbare Antworten liefern.
 
Setzen sich Überwachungsroboter überhaupt durch? Ihre Anschaffung wird sich erst nach Monaten oder Jahren amortisieren. Wenn sie nicht entführt werden, werden sie bestimmt beschädigt, denn wie gut sie auch sehen, hören und riechen mögen, gegen Vandalismus sind sie nicht gefeit. Dem gesichtslosen Roboter, der nur ein Interesse hat, das auf uns gerichtet ist, tritt der maskierte Mensch gegenüber, der nur ein Interesse hat, nämlich den teilöffentlichen und öffentlichen Raum zurückzuerobern, notfalls mit Gewalt.
 
Wir werden sicherlich mit Robotern aller Art bestens zusammenleben, und je nützlicher und freundlicher diese sind, desto eher werden wir sie willkommen heissen. Aber ob wir kleine, rollende Polizisten haben wollen, die jeden Schritt von uns überwachen, sollten wir uns gründlich überlegen. (Oliver Bendel)
 
Der Autor:
Oliver Bendel ist studierter Philosoph und promovierter Wirtschaftsinformatiker. Er lehrt und forscht als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft FHNW, mit den Schwerpunkten Wissensmanagement, E-Learning, Social Media, Informationsethik und Maschinenethik. Weitere Informationen über www.oliverbendel.net, www.informationsethik.net und www.maschinenethik.net.