Fintech nach dem "Brexit"

Für die Fintech-Szene könnte der Brexit eine Chance sein, wenn es gelingt das EU-Passporting auf die Schweiz auszuweiten, meint Stephan Küster von Digital Zurich 2025.
 
Seit sich eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU entschieden hat, herrscht grosse Verunsicherung auch in der Startup- und speziell der Fintech-Branche in London. Das sagte Stephan Küster, Geschäftsführer des Vereins Digital Zurich 2025, dessen Familie in London lebt und der enge Kontakt zur britischen Tech-Szene pflegt, zu inside-it.ch. Dass die Aussichten für Fintech-Firmen sich – zumindest kurz bis mittelfristig – nach dem "Brexit" schwieriger gestalten würden, war bereits in diversen Prognosen und Untersuchungen vorhergesagt worden. Unter anderem hatte 'Reuters' davon berichtet, dass sieben von zehn Startups in Betracht ziehen, ihren Londoner Hauptsitz zu verlagern.
 
Nun legt die Nachrichtenagentur nach. Investoren könnten die Gelder für Startups kürzen und hochkarätige Unternehmen drohten aus dem Fintech-Mekka abzuwandern. Ausserdem würden sich weniger Firmen künftig für den britischen Markt interessieren, heisst es in einer Meldung. Die Fintech-Szene reflektiert damit die Stimmung der weiteren Unternehmerschaft, wie sie zum Beispiel die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des Instituts of Directors (IoD) belegen.
 
Obwohl sich nichts geändert hat, sei jetzt doch alles anders, wird bei 'Reuters' Taavet Hinrikus zitiert. Laut dem estnischen CEO und Mitbegründer von der in London angesiedelten TransferWise verlieren die Briten und mit ihnen London wichtigen Vorteile der EU. Was er anspricht, ist die bisherige Regulierungssicherheit in der EU, die genauso gefährdet ist wie die Personenfreizügigkeit und das "Passporting". Hierbei handelt es sich um die automatische Zulassung eines Business Modelles auf den gesamten EU-Raum, wenn es in einem Land regulatorisch zugelassen wird. Passporting ist also für den Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen in der EU unumgänglich.

Auch Küster zeigt sich besorgt über den Volksentscheid. Bei Digital Zürich 2025 habe man das Votum sicher nicht begrüsst, wie er unterstreicht. Das sagt er, obwohl sich der Verein soeben erst mit der Gründung des international ausgerichteten "Kickstart Accelerator" als Förderer von vielversprechender Startups aus aller Welt positioniert hat. Wenn bei einem wichtigen europäischen Startup-Standort Unsicherheit herrsche, so sei dies sicherlich nicht im Interesse der europäischen Tech-Szene und Wirtschaft, so Küster.

Gleichwohl sieht er im Brexit auch Chancen für die Schweiz und speziell für Zürich. Nicht nur für die Fintech-Branche, auch für andere Tech-Startups könne die Schweiz sich als attraktiver Standort entpuppen. So zähle als bekannter Bankenplatz Zürich zu den interessantesten Plätzen für Jungunternehmen und Investoren im Fintech-Bereich. Und mit den herausragenden technischen Universitäten wie der ETH und EFPL sowie der Expertise der Schweizer Wirtschaft im Bereich der Präzisionstechnologien oder den Life-Sciences böten sich hervorragende Ausgangsbedingungen für die breitere Tech-Entrepreneur-Szene, führt Küster aus. Hinzu komme, dass die Schweiz mit der Stabilität ihres politischen Systems, ihrem hervorragenden Ausbildungsniveau und kurzen Wegen zwischen Tech-Startups und etablierter Industrie trumpfen könne. Bei diesen Qualitäten sei man grösseren Standorten, wie etwa Berlin oder Paris, durchaus überlegen.
 
Für die Fintech-Szene böte sich zudem eine herausragende Chance, wenn es gelänge das EU-Passporting auf die Schweiz auszuweiten, so Küster. Damit könnten die in der Schweiz beheimateten Fintech-Gründer den Zugriff auf den grossen Binnenmarkt einfacher gestalten. (vri)