Uni Zürich lanciert wegweisende Digitalisierungs-Initiative

Weltpremiere: Die digitale Gesellschaft wird in einer Digital Society Initiative fachübergreifend wissenschaftlich erforscht.
 
Langsam setzt sich ausserhalb der Technologie-Branche die Erkenntnis durch, dass Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sich gegenseitig durchdringen und verändern. Die Universität Zürich reagiert mit einer aufsehenerregenden Initiative: sie lanciert die weltweit neuartige Digital Society Initiative (DSI), um die Digitalisierung interdisziplinär zu erforschen und kritisch zu reflektieren.
 
"Die Initiative soll möglichst alle Fakultäten umfassen", erläuterte Michael Hengartner, Rektor den Universität Zürich (UZH) und "alle Aspekte der Digitalisierung." Das heisst, Informatiker sollen - je nach Projekt - mit Gerontologen, Ethikern, Juristen, Psychologen oder Geographen zusammen forschen, mit allen Disziplinen und Fakultäten, die wissenschaftlich sinnvoll sind.
 
Gesundheit, Demokratie und Produktivität im Fokus
Die DSI werde sich vier Arbeitsgebieten widmen, erklärte Initiant Professor Dr. Abraham Bernstein, Direktor des Instituts für Informatik der Universität Zürich und der DSI: Der individuellen Gesundheitsverbesserung, der Demokratie, der Zukunft der digitalen Gesellschaft und der nachhaltigen Produktivität in Zeiten, in denen die Digitalisierung auch Büro-Jobs überflüssig machen dürfte.
 
Zu erwarten sind Forschungen zu Smart Cities oder zur Zukunft der Arbeit, aber es sollen sich auch neue Forschungsfelder eröffnen. 13 Projekte listet die DSI zum Start auf, darunter eines zu "Cybersecurity und Ethik", ein weiteres zu "Health Activity Analytics" ("gesundes Altern" auf der Basis von Sensoren, persönlichen wie anonymen Messdaten) oder ein Projekt an den Schnittstellen von Geografie, Informatik und Psychologie, das die Interaktion von Menschen und digitalen Assistenten im Raum untersucht.
 
Neben der "klassischen Wissenschaft" will die DSI auch Projekte mit Citizen Science fördern. Damit gemeint ist die aktive Beteiligung von Bürgern an Forschungsprojekten beispielsweise durch das Tragen von Sensoren. Aber auch die Lehrformen an der Uni selbst wolle man verändern.
 
Ist Königreiche aufbrechen die Königsdisziplin?
Die DSI könnte aber heute schon ein Problem haben: Fakultäten und Disziplinen sind als eigene Königreiche bekannt. Was soll sie nun zur interdisziplinären Forschung motivieren? "Heute gibt es diese Königreiche an der UZH nicht mehr", widerspricht Rektor Hengartner auf die Frage von inside-it.ch. Viele Forscher würden den Nutzen der Zusammenarbeit wie stärkere Wirkung, bessere Forschung und Zahl von Publikationen durchaus erkennen. Ausserdem sei die Initiative ein finanzielles Nullsummenspiel, kein angestammtes Gebiet verliere de facto Geld.
 
Initiant Bernstein glaubt, dass insbesondere die Synergien überzeugen werden. Er habe bereits diverse Anfragen zur DSI erhalten, darunter auch aus den Kunstwissenschaften.
 
Vorerst wurden Projekte gebündelt, nun geht es darum, weitere interessante Projekte und Synergien an der UZH zu identifizieren, bevor man neue Projekte vorantreiben will.
 
Für ein Jahr finanziert
Vier Jahre haben die Initiative und die Forscher nun Zeit, die DSI aufzubauen, das erste Jahr ist finanziell gesichert. Für die Zukunft hofft der Rektor auf eine 50/50-Finanzierung zwischen Universität und externen Partnern. Es sei "eine schlechte Zeit, um vom Kanton Zürich mehr Geld zu verlangen."
 
Die Erfolgskriterien für die DSI werden Input/Output sein, so Rektor Hengartner gegenüber inside-it.ch: Geld und Anzahl partizipierende Forscher, Anzahl Publikationen und Bedeutung der DSI-Projekte in der Gesellschaft. "Wir sind als Volluniversität eine der wenigen, die eine umfassende Perspektive auf die Digitale Gesellschaft entwickeln können", sagte Bernstein. Und viel Zuversicht zeigte der Rektor: "Ich kann mir einen Misserfolg nicht vorstellen." (Marcel Gamma)

Unser Kommentar:

"Die Digitalisierung ist allgegenwärtig" heisst es überall. Manche, gerade in der technologiegläubigen ICT, mögen dies als Banalität abtun. Doch jeden Tag zeigt sich, dass Wissenschaft, Politik, Verbände wie Medien und Bürger von der Digitalisierung und deren Tempo überfordert sind.
 
Es fehlt an allem: an geeigneten rechtlichen Grundlagen, an qualifizierten gesellschaftlichen Debatten, Verbandsinitiativen und nicht zuletzt an übergreifendem Wissen.
 
Die Digital Society Initiative der Universität Zürich ist unter diesen Umständen nicht nur löblich, sondern zukunftsweisend. Damit kann sich die Universität Zürich gegenüber ETH und EPFL abgrenzen, da sie auf hilfreiche Disziplinen wie Juristen, Politologen und Psychologen zurückgreifen kann. Oder anders gesagt: Man sollte den Diskurs über die Digitalisierung nicht den Digitalisierern überlassen.
 
Die Initianten haben angekündigt, dass sie aktiv den Diskurs mit der Öffentlichkeit suchen werden. Es ist zu hoffen, dass dies auch geschieht. Und es ist zu hoffen, dass sich gerade die klügsten Köpfe der Schweizer ICT am Diskurs beteiligen. Köpfe, die erkennen, dass "disruptiv" mehr als ein kommerzielles oder pubertär-rebellisches Schlagwort ist: Die digitale Revolution verpflichtet gerade die ICT-Branche dazu, über Forschung, Ethik und Demokratie nachzudenken und sich zu erklären und einzumischen. (Marcel Gamma)