Digitalisierung: SAP alleine reicht nicht

Der SAP-Experte und "oberster SAP-Anwender" Marco Lenck verlangt von SAP neue Pay-per-Use-Preismodelle. Foto: DSAG
Die digitale Transformation ist ein unternehmensübergreifendes Projekt, erklärt Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch. Software ist hier nur ein Aspekt unter vielen.
 
Marco Lenck: Diese Woche ging der Jahreskongress der deutschsprachigen SAP-User-Anwendergruppe DSAG in Nürnberg über die Bühne. Wir haben die Gelegenheit zu einem Exklusiv-Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Marco Lenck, einer der bekanntesten SAP-Experten überhaupt, genutzt.
 
Mit dem Leitthema Digitalisierung haben Sie das richtige Thema getroffen, wie die Zahl von 4500 Kongressteilnehmern zeigt. Wie sollten SAP-Anwender hierbei vorgehen?
 
Marco Lenck: Das muss jedes Unternehmen individuell für sich entscheiden. Digitalisierung funktioniert nicht so, dass man einfach eine Software aussucht und implementiert. Manager müssen vielmehr identifizieren, wie die Digitalisierung das Geschäft in ihrer Branche verändert. Prinzipiell sehen wir hier drei Dimensionen: die erste geht in Richtung Insight und Analytik, bei der zweiten geht es um die Steigerung der Effizienz der Geschäftsprozesse, und die dritte Dimension betrifft die Digitalisierung des Geschäftsmodells an sich.
 
Wo erwarten die Unternehmen die meisten Veränderungen durch Digitalisierung?
 
Marco Lenck: Am häufigsten nennen die Unternehmen die Effizienzsteigerung von Geschäftsprozessen. An zweiter Stelle kommt die durch Analytik gestiegene Transparenz des Geschäfts. Business-Netzwerke und digitale Geschäftsmodelle nennen die Unternehmen aktuell an letzter Stelle. Die konkreten Vorhaben der Unternehmen betreffen die Bereiche Produktion, die Schnittstelle zum Kunden, das Personalwesen sowie Analytics und Kollaboration.
 
Sind das nicht oftmals klassische Szenarien, welche die Unternehmen seit Jahren bearbeiten?
 
Marco Lenck: Ja, wir haben bereits in der Vergangenheit Geschäftsprozesse digitalisiert und erweitern diesen Ansatz jetzt nach unten hin zum Shopfloor, nach oben in Richtung Dashboarding und wir nehmen ausserdem die Personalwirtschaft hinzu. Die Effizienz der internen Prozesse ist nach wie vor ein starkes Thema, dem sich viele Unternehmen zuwenden. Bei der Digitalisierung der Kundenansprache und der Logistikprozesse werden erstmals die internen Grenzen übersprungen.
 
Beim Thema Kollaboration gibt es sehr viele Lösungen und die Unternehmen sind nicht unbedingt auf SAP fokussiert. Ist SAP hier trotzdem ein Player?
 
Marco Lenck: Ja, denn Business-Kollaboration stellt völlig andere Anforderungen an die Lösungen als der private Austausch, der typischerweise über Facebook & Co läuft. Beim Informationsaustauch von Businesspartnern gilt es, Kollaboration und Prozesse zu verknüpfen. Man braucht dazu nicht unbedingt SAP. Aber die Walldorfer haben eine Lösung dafür, und die sollten sich Unternehmen zumindest ansehen.
 
Sie fordern einen ganzheitlichen Ansatz bei der Digitalisierung. Wie sollten sich Unternehmen idealerweise organisatorisch aufstellen?
 
Marco Lenck: Hier beobachten wir unterschiedliche Herangehensweisen. Absolut notwendig ist es, die Projekte unternehmensübergreifend anzugehen. Eine einzelne Abteilung kann niemals alle notwendigen Facetten beleuchten. Ob die Organisation ein Chief Digital Officer übernimmt oder ein Projektkomitee, wo sich Mitglieder aus allen Abteilungen treffen, das ist relativ egal. Solange die Digitalisierung unternehmensübergreifend organisiert wird, ist es auch nebensächlich, ob die Fachabteilung das Projekt treibt oder die IT. Wichtig ist es aber, das Thema bei der Geschäftsführung aufzuhängen, denn nur die kann eine übergreifende digitale Geschäftsstrategie verantworten.
 
SAP positioniert S/4HANA und die HANA Cloud Plattform als Vehikel der Digitalisierung Wie sehr kann ERP-Software beim Umbau eines Unternehmens helfen, wenn sie Strukturen abbildet, die früher einmal erfolgreich waren?
 
Marco Lenck: Auch in der digitalen Transformation sind nach wie vor stabile Core-Prozesse nötig. Wer seine Geschäftsabläufe erst einmal definieren muss, wird Schwierigkeiten haben, die für die Digitalisierung notwendige Geschwindigkeit aufzubringen. Die ersten Veränderungen betreffen die erweiterten Funktionalitäten. Möglicherweise müssen Unternehmen auch ihre Core-Prozesse feingliedriger gestalten. Dann kann ihnen eine Plattform wie S/4HANA helfen, weil das Datenmodell besser skaliert und die Prozesse dank der einfacheren User-Interfaces schneller transparent werden. Je nachdem, wie ein Unternehmen seine Abläufe schneidet, kann bei der Transformation auch die Business Suite die notwendige Hilfe leisten. Unternehmen müssen also zunächst ihre digitale Reise definieren. Kennen sie ihr Ziel, können Sie die Frage beantworten, ob sie dazu S/4HANA brauchen oder ob ihnen die Business Suite reicht.
 
Wie hoch ist aktuell das Interesse der DSAG-Mitglieder an S/4HANA?
 
Marco Lenck: Sehr viele Unternehmen entwickeln gerade Business Cases für S/4HANA. Noch im vergangenen Jahr hat die DSAG kritisiert, dass es für das November-Release keine Roadmaps gab. Weiterhin haben wir bemängelt, dass die neue Funktionalität nicht wesentlich über die Vereinfachung der Datenmodelle und Verbesserung der User-Interfaces hinausging. Beides ändert sich künftig, denn die SAP hat nachgearbeitet. Im Oktober-Update 2016 finden sich bei Produktion und Logistik massive funktionale Verbesserungen wie etwa die integrierte Verfügbarkeitsprüfung oder die Reintegration von Planungsfunktionen, die vorher aus Performancegründen in ein externes Modul ausgelagert waren. Mit diesem Funktionszuwachs wäre es unserer Einschätzung nach möglich, dass deutlich mehr Unternehmen auf S/4HANA migrieren.
 
BW/4HANA ist das jüngste SAP-Produkt. Wie sehen hierfür die Business Cases aus?
 
Marco Lenck: Über die Funktionalität von BW/4/HANA wissen wir nicht mehr als das, was die SAP bei der Produktpräsentation vor zwei Wochen verkündet hat. So ist das System technisch einfacher geworden als der Vorgänger. Das könnte allerdings auch zur Folge haben, dass manches altbekannte Werkzeug für SAP BW mit der neuen Version nicht mehr funktioniert. Generell stellt sich die Frage, warum ein Unternehmen ein funktionierendes BW on HANA austauschen sollte gegen ein Nachfolgeprodukt, dessen Zusatznutzen und Roadmap noch gar nicht bekannt sind.
 
Welche Version von SAP BW empfehlen Sie einem Unternehmen, das ganz neu in diese Technologie einsteigt?
 
Marco Lenck: Wer heute ein SAP BW-System neu aufsetzt, sollte mit der HANA-Datenbank starten, sofern er aus der In-Memory-Technologie einen Nutzen zieht. Dann rechnen sich die Kosten für zusätzliche Datenbanklizenzen. Ein Start mit BW/4HANA entscheidet sich an den Fragen Funktionalität, Stabilität und Lizenzmodell. Zur Lizenz hat SAP noch keine Aussage getroffen. Der sichere Weg für Neueinsteiger ist daher der Start mit BW on HANA.
 
Konkurriert BW/4HANA mit S/4HANA, das ja mit der integrierten In-Memory-Datenbank bereits ein Reporting ermöglicht?
 
Marco Lenck: Nein. Mit S/4HANA müssen sich die Unternehmen fragen, ob sie zusätzlich ein BW-System brauchen. Sofern Sie ausschliesslich Reporting auf Basis von Daten aus SAP-Systemen betreiben, reicht ihnen S/4HANA aus. Für eine Datenkonsolidierung, oder wenn sie externe Systeme in die Analyse einbinden wollen, brauchen sie ein separates Data Warehouse. Wie oben beschrieben, dürfte für die meisten Unternehmen BW on HANA passen.
 
SAP ist für 80 Prozent der DSAG-Mitglieder laut Ihrer Umfrage ein wichtiger Partner für die Digitalisierung. Reichen die Anstrengungen der Walldorfer aus Ihrer Sicht aus? Wo sehen Sie Defizite?
 
Marco Lenck: Als Software-Partner reicht die SAP sicher aus. Sucht ein Unternehmen aber einen Berater, der Hilfestellung dabei leistet, wie sich die Digitalisierung in einer bestimmten Branche erfolgreich abbilden lässt, dann kann die SAP diese Unterstützung aktuell wohl kaum leisten. Aus Walldorf kommen Funktionsbausteine, die Unternehmen für ihre Digitalisierung nutzen können. Alleine darauf lässt sich aber keine Digitalisierungsstrategie aufbauen. Nötig ist hier zusätzliche Expertise, zum Beispiel in Form einer Prozessberatung.
 
Die DSAG fordert von der SAP neue Bezahlmodelle für Prozesse, die einen hohen Durchsatz bei einer geringen Wertschöpfungstiefe haben. Welche Prozesse sind das, und wie könnten die Bezahlmodelle für die dazugehörigen Module aussehen?
 
Marco Lenck: Im Strommarkt zahlen Unternehmen für die verbrauchte Kilowattstunde. Dieses Modell nennt sich Pay per Use. Beim Lizenzmodell für On-Premise-Software zahle ich in der Analogie mit dem Strommarkt schon dafür, dass ich künftig Strom in einer bestimmten Mange konsumieren kann. Die Cloud-Lizenzen entsprechen dem Flexi-Strom: Man muss sich festlegen, wie viel Strom man in den kommenden drei Jahren abnimmt. Nutzt man weniger, zahlt man das gleiche, nutzt man mehr, zahlt man Aufpreis. Was wir wollen, ist ein Pay-Per-Use-Modell, in dem Unternehmen ausschliesslich für die Anwender bezahlen, die sich auf einer Plattform bewegen. Das Modell muss mit einem möglichen rasanten Wachstum mithalten, ohne den Business Case zu sprengen. Sonst müsste nämlich ein Unternehmen möglicherweise trotz grossem Erfolg ein IT-System abschalten, um nicht in wirtschaftliche Probleme zu geraten.
 
SAPs Technologiechef Bernd Leukert will ein derartiges Preismodell erst dann einführen, wenn er die Nutzung der Plattform zuverlässig messen kann. Was sagen Sie dazu?
 
Marco Lenck: Wir können bereits heute messen, wie viele Nutzer sich auf einer Plattform bewegen. Was wir nicht messen können, ist der Nutzen, den ein Anwender mit der Plattform erzielt. Daran sollten wir aber das Pay-Per-Use-Pricing nicht scheitern lassen. (Das Gespräch führte Jürgen Frisch)