Von Hensch zu Mensch: Überschwang ohne Fundament

Kolumnist Jean-Marc Hensch spricht der Branche ins Gewissen – und meint es für einmal wirklich ernst.
 
Pausenlos werden mit medialem Getöse Startups gegründet, epochale Symposien ausgeschrieben, disruptive Produkte lanciert. Vor allem erfreut uns jeder Tag wieder neu mit den euphorischen Statements selbst ernannter KI-, VR-, IoT-, Big Data-, Machine Learning-Gurus. Völlig zu Recht hat sich daher der Verleger dieses Mediums kürzlich über das grassierende Digitalisierungsgeschwafel in unserer Branche echauffiert.
 
Der grassierende Digitalisierungshype sorgt mittlerweile dafür, dass gschpürige Politiker allenthalben unser Land als das neue Silicon Valley anpreisen und verkaufen, manchmal auch nur die eigene Region (hat da jemand Crypto Valley gesagt?). Und so schiessen staatliche, halbstaatliche oder Non-Profit-Initiativen nur so aus dem Boden, welche den Groove von Palo Alto, Sunnyvale und Menlo Park in die Schweiz bringen wollen.
 
Die CEO von Grosskonzernen oder Firmen der "alten" Welt posieren in Jeans und Polo-Shirt als Venture Capitalists in den Inkubatoren dieses Landes und plaudern lässig mit ETH-Absolventen über die heissesten Businessmodelle. Sie alle gehen davon aus, die Schweiz sei ein optimaler Nährboden für ein Startup-Ökosystem. Und dass demnächst das neue Facebook, Uber oder Salesforce in einer Garage in Mümliswil gegründet werden wird.
 
Für sie alle habe ich eine schlechte Nachricht: Die Schweiz ist in keiner Weise bereit und hat elementare Hausaufgaben nicht gemacht. Dazu nur ein paar wenige Punkte:
 
Die Schweiz will internationale Entwicklungs- und Forschungsstandorte anziehen. Aber sie beharrt bei den Mitarbeitenden auf eine Arbeitszeiterfassung, welche in den 60er Jahren für Fliessband-Arbeit konzipiert wurde.
 
Die Schweiz möchte die Digitalisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft als Standortfaktor vorantreiben. Aber im Parlament wird ernsthaft darüber diskutiert, möglichst viele Branchen durch Netzsperren vom Internet und vom Rest der Welt abzuschotten (Geldspiele, Urheberrecht etc.).
 
Die öffentliche Hand will als Vorbild wirken und ihre eigene Digitalisierung massiv vorantreiben. Sie stellt sich aber durch absurde Regeln und Beschaffungspannen ständig selbst ein Bein.
 
Die Schweiz möchte sich als sicheren Datenstandort etablieren und in diesem Geschäftsfeld eine führende Position einnehmen. Aber Sie erweitert gerade massiv den verdeckten Zugriff auf Daten durch Geheimdienst und Strafverfolgungsbehörden, womit das Vertrauen in den Datenstandort verspielt wird.
 
Die Schweiz möchte zu einem wichtigen Hub für Startup-Firmen und Venture Capitalists werden, aber gewisse kantonale Steuerbehörden wenden in diesem Bereich Bewertungsmethoden an, welche Firmengründer bei der ersten Finanzierungsrunde ins ökonomische Verderben stürzen.
 
Die Schweiz möchte den Finanzplatz erhalten, indem digitale Geschäftsfelder aufgebaut werden, aber die FINMA ist daran, den Umgang mit Bitcoins&Co. zu Tode zu regulieren.
 
Also, liebe ICT-Unternehmen, schwurbelt ruhig weiter, denn klappern gehört zum Handwerk (auch zu meinem). Aber seid euch dessen bewusst, dass das nicht reichen wird. Wenn ihr nicht selbst oder über Verbände auf der politischen Bühne für vernünftige Rahmenbedingungen kämpft, dann wird es bald nicht mehr viel zu klappern geben. Und aus dem erträumten zweiten Silicon Valley wird über kurz oder lang ein Tal der Tränen. (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (57) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.