Fitania: 3,3-Milliarden-Programm der Armee unter der Lupe

Das Fitania-Programm
Die Finanzkontrolle warnt vor beträchtlichen Risiken in drei ICT-Infrastrukturprojekten und wünscht Änderungen. Die Armee sagt: Wir haben alles im Griff.
 
3,3 Milliarden Franken will das Schweizer Militär für die ICT-Infrastruktur ausgeben. Mindestens. "Fitania" heisst das Programm, welches drei ICT-Riesenprojekte umfasst. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat untersucht, wo das VBS steht.
 
Das erste der drei Projekte umfasst den Bau eines fixen Transportnetzes auf der Basis von Glasfaserkabeln und Richtfunkverbindungen (Name: "Fhr Netz CH"). Beim zweiten Projekt geht es um die mobile und teilmobile Daten- und Sprachübertragung ("TK A"). Und im dritten Fitania-Projekt baut das VBS eigene Rechenzentren ("RZ VBS / BUND 2020").
 
Mit dieser Basis-IT-Infrastruktur will die Armee sicherstellen, dass sie auch einsatzbereit ist, wenn alle anderen Stricke reissen, beziehungsweise wenn die zivile Infrastruktur versagt. Zudem sollen anschliessend zentrale Applikationen wie zum Beispiel FIS Heer oder FIS Luftwaffe auf diese Infrastruktur portiert werden.
 
In andern Worten, die Armee will im 21. Jahrhundert ankommen.
 
"Zielgerichtet und fähig, aber …"
Beginnen wir mit dem grossen Ganzen. Mit dem Positiven aus dem Bericht: "Die EFK erachtet die Einzelprojekte als zweckmässig aufgestellt und das Projektmanagement als zielgerichtet. Der Programm- und die Projektleiter verfügen nach Ansicht der EFK über die notwendigen Methoden-, Fachkenntnisse und Fähigkeiten."
 
Falls es jemandem aufgefallen ist, von Befugnissen ist nicht die Rede. Doch dazu später.
 
Vorerst sind bei allen drei Projekten unterschiedliche Sichtweisen und Einschätzungen zwischen VBS und EFK festzustellen. Die gilt für neun von zehn EFK-Handlungsempfehlungen und deren Priorisierung.
 
"Damit sind wir überhaupt nicht einverstanden"
Als Priorität 1 ("grosses zugrunde liegendes Risiko") sieht die EFK die fehlerhafte Fortschrittsmessung beim Projekt "Fhr Netz CH". Vorgeschrieben wäre eine Leistungswertanalyse als Steuerungsinstrument, also Trendanalysen anhand der aktuellen Termin- und Kostensituation. Wir haben alles im Griff, feuern die Militärs zurück, dies sei Prio 3. Die vollständige Einhaltung der Weisung sei zu aufwändig und auf die - von der EFK freundlich nahegelegte - Schulung geht das VBS gar nicht ein.
 
Damit stellt sich eine erste offene, zu verfolgende Frage: Wird die vom VBS "angestrebte", den offenbar beschränkten VBS-Ressourcen angepasste Leistungswertanalyse als Steuerung genügen?
 
Zudem wünscht die EFK mehr Transparenz und Aussagekraft bei den Gesamtkosten, statt dass immer Einzelkredite beantragt werden. Machen wir, anerkennt das VBS, aber erste Priorität? "Damit sind wir überhaupt nicht einverstanden."
 
Gut zu wissen: "Fhr Netz CH" kostet aktuell 960 Millionen plus 400 Millionen für werterhaltende bzw. wiederkehrende Investitionen in Glasfaser- und Richtfunkverbindungen. Doch das komplexeste, der drei Projekte ist dies nicht.
 
VBS: Kritische Zweitmeinungen unnötig
Schauen wir uns das zweite Projekt namens
"TK A" an, in dem für 1,8 Milliarden Franken Richtstrahlgeräte, taktischer Funk, Bordverständigungsanlagen und Sprechgarnituren beschafft werden sollen, ein wenig genauer an.
 
Grundsätzlich: Die EFK attestiert, das VBS habe ein zweckmässiges Beschaffungsvorgehen gewählt. Das Beschaffungsrisiko sei durch die Verwendung bewährter Technologie "wesentlich reduziert" worden. Das VBS soll aber angesichts der Komplexität bei Geräten neuer Generation eine unabhängige Zweitmeinung einholen.
 
Eine weitere Instanz? Nein! sagt das VBS. Die Militärs sind überzeugt, man verfüge zur Genüge über das nötige militärische und technologische Wissen. Dass der initiale Projektverlauf laut EFK geprägt war "von einer ausserordentlichen Komplexität, einer unscharfen Zielbestimmung und dem mehrmaligen Wechsel der Projektleitung" ist für das VBS vorbei und vergessen.
 
Dass die EFK explizit Wettbewerb bei der Beschaffung und realistische Tests anmahnt, führt auch beim geneigten Leser zu Stirnrunzeln. Fürchtet die EFK, das VBS könnte inkompatible Geräte beschaffen?
 
RZs: "Derselbe Fehler"
Etwas weniger Aufmerksamkeit widmet die EFK dem dritten Projekt "RZ VBS", da dieses kürzlich bereits auditiert worden war.
 
Die Gesamtkosten für Rechenzentren von 900 Millionen Franken werden in drei redundant angelegte RZs investiert und werden mit dem Projekt Fhr Netz CH miteinander verbunden. Dieses Projekt ist speziell komplex, da mehrere Departemente involviert sind und vieles von der Bereitschaft zur Zusammenarbeit dieser Königreiche abhängt. "Die Projekt-Aufbauorganisation ist für die aktuelle Phase zweckmässig", meint die EFK, müsse aber für eine nächste Phase überprüft werden.
 
Festgehalten wird, dass im Projekt zwar eine Leistungswertanalyse aufgebaut werde, die aber noch denselben Fehler wie jene im Projekt Fhr Netz CH enthalte. Auch hier sieht das VBS nur Prio 3, ist aber grundsätzlich einverstanden.
 
Ein offener Task ist im Projekt aktuell: Ein durch alle Departemente getragenes Konzept "Vorgaben, Steuerungs- und Betriebsmodell RZ-Verbund" muss unter der Federführung des ISB bis Ende 2016 erstellt werden.
 
Aus eins mach drei
Bleibt noch das Schicksal des Programms "Fitania" an sich. Macht dieses überhaupt Sinn? Auch hierzu äussert sich die EFK. Sie glaubt, das Programm an sich mache nur Sinn, wenn die Verantwortlichen auch Weisungsbefugnis haben. Da diese aber nur koordinieren dürfen und das VBS dies auch nicht ändern will, könne man "Fitania" auch gleich auflösen, folgert die EFK.
 
Damit könnten aus "Fitania" drei einzelne IKT-Schlüsselprojekte entstehen.
Das VBS findet auch externe Einmischung wenig zielführend. Zwar gibt es einen «Fachausschuss FITANIA», bestehend aus Experten aus Universität, Wirtschaft und Behörde, der aber habe nicht die nötigen technischen Kenntnisse, und weder Kontroll- noch Weisungsbefugnis.
 
Das VBS will "im Grundsatz" ein HERMES-konformes Organ etablieren. Aber nicht im von der EFK gewünschten Sinne. Man könne die militärischen Bedarfsanforderungen, die Beschaffungsreife und die Wirtschaftlichkeit ohne unabhängige Expertise beurteilen, ist das VBS überzeugt. (Marcel Gamma)

Unser Kommentar:

Prio-1-Empfehlungen der EFK auf dritter Stufe priorisieren, sich unabhängigen Fachausschüssen verschliessen, vorgeschriebene Instrumente der Projektsteuerung in einem für die Schweiz zentralen und 3,3 Milliarden teuren "Fitania" wegen wegen "beträchtlichem Aufwand" nicht eins zu eins zu integrieren: Das VBS handelt sehr selbstbewusst und eigenverantwortlich.
 
Ob nun die EFK oder das VBS recht hat, ist nicht abschliessend zu beurteilen. Aber es verdichtet sich das Bild, das ein hoher Bundesbeamter während eines Aperos wählte: Das VBS ist eine eigene Eidgenossenschaft. (Marcel Gamma)