InsurTech: Die Digitalisierung des Versicherungswesens

Am 1.11. findet in Zürich eine InsureTech-Konferenz statt.
Neue Technologien und geändertes Kundenverhalten: Der Versicherungsmarkt ist im Umbruch. Und das mehr als man denkt.
 
Den Versicherungen geht es ähnlich wie den Banken: Die Digitalisierung durchdringt das Versicherungswesen. Betroffen ist die ganze Wertschöpfungskette. Neue Anbieter und Mittelsmänner (Makler) verändern die Marktdynamik. Vergleichsportale schaffen Transparenz bei Standardprodukten und erhöhen den Konkurrenzdruck. Ohne Kosteneffizienz leiden Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität von Versicherern.
 
Wie können sich InsurTech-Firmen in die Wertschöpfungskette und damit diesen riesigen Markt drängen? Wo lohnt es sich? Es hilft, wenn man sich die Geschäftsgrundlagen von Versicherungen vor Augen führt.
 
Versicherungsmodelle im Überblick
Die Urform heutiger Versicherer ist die Gegenseitigkeitsversicherung. Sie basiert auf dem Prinzip der Risikogemeinschaft. Der Schaden bei Eintritt des versicherten Ereignisses wird nicht vom direkt Betroffenen, sondern von einer Risikogemeinschaft getragen. Für diese Deckung leistet jedes Mitglied der Risikogemeinschaft entweder zum voraus als Prämie oder bei Eintritt eines Schadenfalls seinen Beitrag. Bei Gegenseitigkeitsversicherungen sind die Versicherungsnehmer meist in einem als Versicherer agierenden Verein oder in einer Genossenschaft organisiert. Die Versicherten sind gleichzeitig Eigentümer des Versicherers. Dem gegenüber stehen kommerziell orientierte Versicherungen, bei denen die Anteilseignerschaft nicht bei den Versicherten liegt. Verwendet wird nicht das Gegenseitigkeitsprinzip, sondern das Spekulationsprinzip.
 
Kommerzielle Versicherer übernehmen das Risiko des Versicherten gegen Zahlung einer Prämie, welche das Risiko und die Kosten deckt und auch einen Gewinn abwerfen soll. Das Risiko eines Versicherten kann auch durch mehrere Versicherer gemeinsam übernommen werden.
 
Versicherer können sich wiederum rückversichern und so ihr eigenes versicherungstechnisches Risiko mindern. Sowohl Erst- als auch Rückversicherungen können Risiken zedieren respektive retrozedieren. Das geht auch über den Kapitalmarkt: Versicherungsverbriefungen (Insurance Linked Securities) bilden eine eigene Anlageklasse und machen Versicherungsrisiken handelbar.
 
Bestmögliche Risikoberechnung ist zentral
Das von einer Versicherung getragene Risiko ist die Eventualität, dass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein in seinem Ausmass nur bedingt abschätzbares Ereignis eintritt, das zu einer Zahlungsverpflichtung führt. Damit ein Risiko versicherbar ist, muss es berechenbar sein. Das berechenbare Risiko bestimmt die Höhe der Versicherungsprämie.
 
Ein Risiko setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Dazu gehören die erwartete durchschnittliche Höhe der Kosten bei Eintritt des Ereignisses, die Möglichkeit des Eintritts des Ereignisses, die Wahrscheinlichkeit des Eintritts des Ereignisses und die erwartete Häufigkeit des Ereignisses.
 
Die Verfügbarkeit von Vergleichswerten, historischen Daten, aktuellen Daten und kontextuellen Daten ermöglicht eine höhere Präzision bei der Risikoberechnung. Je mehr relevante Daten zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich das Risiko einschätzen. Dazu gehören auch biometrische und telemetrische Daten. Liegen solche Daten personenbezogen vor, so lassen sich individualisierte Risikoprofile erstellen. Diese bilden die Grundlage für individualisierte Prämien.
 
Sieben Kostenblöcke von Versicherern
Die Kosten von Versicherern lassen sich in sieben Kategorien einteilen: (1) Berechtigte Versicherungsansprüche, (2) unberechtigte und übertriebene Versicherungsansprüche, (3) Kosten für die Abwicklung aller Versicherungsansprüche, (4) Kundenakquisition (Verkauf) und Marketing, (5) Rückversicherung, (6) Compliance (Einhaltung staatlicher Vorgaben) und (7) allgemeine Verwaltung (inklusive IT). Je tiefer die Kosten, desto wettbewerbsfähiger ist ein Versicherer, zumindest wenn die Einnahmenseite stimmt.
 
Neue Konkurrenz fordert etablierte Firmen heraus
Im Bereich InsurTech läuft es ähnlich wie bei den FinTechs: Es gibt Firmen, welche etablierten Versicherungsunternehmen helfen, mit den richtigen Tools und Prozessen die neuen Technologien zu deren besten Nutzen einzusetzen. Dabei sollte man nicht ausser Acht lassen, dass auch Versicherungsunternehmer über eigenes Technologie-Know-How verfügen. Sie haben bereits gross in die Digitalisierung investiert und gehören auch in dem Bereich zur Weltspitze.
 
Auf der anderen Seite gibt es InsurTech-Firmen, welche es auf die Kunden der Versicherer abgesehen haben. Im Gegensatz zu den FinTechs, bei denen die hohen Kundenakquisitionskosten einen grossen Kapitaleinsatz verlangen und die Rentabilität unsicher ist, liegt das Risiko und der Kapitaleinsatz für viele der InsurTechs deutlich tiefer. Insbesondere für diejenige, welche sich als Makler in bestehende Kundenbeziehungen zwischen Versicherern und deren Kunden drängen und die Kundenschnittstelle übernehmen.
 
In der Schweiz sind mit Knip, FinanceFox und Esurance gleich mehrere neue Makler mit digitalem Fokus auf dem Markt. Mit den Schlagworten "P2P Insurance" und "Crowd Insurance" kommen auch Firmen auf den Markt, die eigene Versicherungen auf den Markt bringen. So verwendet Friendsurance einen Ansatz, der Gegenseitigkeitsversicherung und Spekulationsversicherung kombiniert: Freunde können bei Wahl der gleichen Versicherung eine Risikogemeinschaft bilden. Diese ist wiederum bei einem Erstversicherer rückversichert. Tritt ein Schadenereignis ein, so wird der Schaden aus den Prämien der Gruppenmitglieder beglichen. Reichen die Prämien für die Schadenbegleichung nicht aus, so wird die Erstversicherung beansprucht. Überschüsse fliessen an die Mitglieder zurück.
 
Die Schweizer Konferenz zu InsurTech
Am 1. November findet im Kunsthaus Zürich die erste schweizerische InsureTech-Konferenz statt. Organisiert wird sie von den Machern der Finance 2-0-Konferenzen. Das Programm ist wie gewohnt sehr praxisbezogen ausgelegt.
 
Mitorganisator Rino Borini zu den Beweggründen für die neue Konferenz: "In der Reihe unserer erfolgreichen Fintech Veranstaltungen ist es jetzt Zeit auch auf InsurTech einzugehen. Denn auch Versicherungen können sich nicht gegen den digitalen Wandel und die neuen Kundenansprüche stemmen. Fakt ist: InsurTechs fordern die Versicherer heraus. Die traditionellen Versicherungsfirmen müssen aufpassen, dass sie die Kundenschnittstelle nicht verlieren. Die Branche wird sich stark ändern. Wer sich frühzeitig mit den 'neuen' Themen beschäftigt und entsprechende Massnahmen korrekt umsetzt, wird Wettbewerbsvorteile gewinnen."
 
Mehr Informationen zur Konferenz gibt es hier.
(Christoph Jaggi)
 
Interessenbindung: Inside-IT ist Medienpartner der Finance 2.0-Konferenzen.