Stellensuchende Informatiker 50plus haben es schwer

Eine neue Studie bestätigt, was Stellensuchende, RAVs und Personalvermittler sagen: Als Informatiker über 50 sollte man nicht arbeitslos werden.
 
Stellensuchende über 50 haben es schwer, dieses Urteil hat sich in der Öffentlichkeit verfestigt. Aber wie ist es tatsächlich? Eine neue, vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA) herausgegebene Studie versucht unseres Wissens erstmals, ein differenziertes Bild zu ermitteln.
 
Eine Erkenntnis: Ein Teil der Altersgruppe 50plus ist auf dem Platz Zürich tatsächlich mit wesentlichen Problemen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Die Probleme "widerspiegeln sich aber weniger in der Arbeitslosenquote, sondern vielmehr in einem teilweise definitiven Ausschluss oder Rückzug vom Arbeitsmarkt", so die Autoren.
 
Wie sieht es speziell in der nach wie vor boomenden Informatik aus? Regelmässig melden sich frustrierte Informatiker in Kommentarspalten zu Wort, während die Arbeitgeber von Altersdiskriminierung oder anderen Problemen nichts wissen wollen.
 
Da die AWA-Studie sowohl Branchen wie Berufsbilder unterscheidet und diverse offizielle Datenquellen statistisch auswertet, wird es nun auch möglich, die Situation für die ICT wie Informatiker besser zu analysieren.
 
Eine klare Analyse ist leider nicht möglich, da sich viele Zahlen nur auf den Kanton Zürich beziehen und die offiziellen, NOGA-definierten Wirtschaftszweige keine "Informatikbranche" kennen, sondern diese samt Film-Branche und Zeitungsverlagen entweder unter "Information und Kommunikation" auflistet oder Informatiker von Banken mit Investmentbankern in einen grossen Topf Finanzbereich wirft.
 
Erhöhtes Arbeitslosigkeits-Risiko für Informatiker
Einige Aussagen scheinen für Informatiker "50plus" dennoch möglich.
 
Grundsätzlich: Die Informatiker im Kanton Zürich kennen als Berufsgruppe nach wie vor nur eine tiefe Arbeitslosigkeit. Diese aber ist seit Mitte 2012 relativ stark gestiegen und scheint auch nicht mehr zu sinken.
 
In den für die ICT zentralen Branchen "Information und Kommunikation" und "Finanz- und Versicherungsdienstleistungen" ist für Ältere zudem das Risiko arbeitslos zu werden, höher als dasjenige der unter 50-Jährigen.
 
Wenn man als älterer Informatiker die Stelle verliert, dann sieht die Zukunft düsterer aus als in vielen anderen Berufszweigen, das zeigen viele Indikatoren nachfolgend.
 
Dieses Zwischenfazit bestätigt sich erstes Mal, wenn man die Einstellungsrate betrachtet: Diese zeigt gesamtschweizerisch, wie viele Arbeitnehmer zwischen 2012 und 2014 in einem Wirtschaftszweig und aus einer bestimmten Altersgruppe neu angestellt worden sind.
 
Vom Wachstum profitieren vor allem Junge
Während die Branche "Information und Kommunikation" relativ gut dasteht, belegen Banken und Versicherungen den letzten Rang unter allen Wirtschaftszweigen. Und dies in absoluten Zahlen ebenso wie im Vergleich zwischen jüngeren und 50plus.
 
Ebenfalls interessant ist gerade beim Fachkräftemangel in der Wachstumsbranche Informatik, wer von neu geschaffenen Stellen profitieren kann. Sind es jüngere oder 50plus-Informatiker? Oder alle?
 
Bei Banken und Versicherungen ist die Beschäftigungsentwicklung grundsätzlich negativ, so dass sich die Konkurrenz für alle, also auch für 50 verschärft. Theoretisch aber könnte eine positive Beschäftigungsentwicklung wie diejenige der Kommunikations- und Informationsbranche die Integration älterer Arbeitnehmer eigentlich begünstigen. Bank- und andere Informatiker könnten also bei Softwareschmieden unterkommen.
 
Das ist aber nicht der Fall: Die AWA-Analyse "spricht dafür, dass der Beschäftigungszuwachs vor allem mit jüngeren Personen bewältigt wird und kaum mit Personen im höheren Erwerbsalter. Ältere Arbeitnehmende profitieren relativ wenig von der vorteilhaften Beschäftigungsentwicklung."
 
Zudem deutet der Vergleich der gesamtschweizerischen Zahlen mit denjenigen des Kanton Zürich darauf hin, dass laut der Studie "die Integration älterer Arbeitnehmender in den Arbeitsmarkt im Kanton Zürich schwächer ist als in der gesamten Schweiz."
 
Alterdiskriminierung in der Finanzbranche?
Nicht gut weg kommt in der Studie die Finanzbranche. Sie schneidet bei fast allen Indikatoren relativ schlecht ab. Die Branche hat ein relativ junges Durchschnittsalter und im Verhältnis deutlich weniger über 50-Jährige. Finanzunternehmen stellen auch deutlich weniger ältere Arbeitnehmer neu ein. Und es wechseln deutlich mehr Ältere die Branche als neu eingestellt werden. Die Autoren kommen zum ziemlich vorsichtig formulierten Schluss: "Eine altersspezifische Diskriminierung kann in diesem Wirtschaftszweig nicht ausgeschlossen werden."
 
Auch hier also gilt: Ja nicht arbeitslos werden und schon gar nicht im Kanton Zürich. Gleichzeitig muss gesagt werden, dass das Risiko des Stellenverlusts im Berufsfeld Informatik offenbar nicht so hoch ist, dass Informatiker en masse die Branche verlassen.
 
Offen bleibt laut der Studie, ob der Job-Wettbewerb in Zürich härter ist als anderswo. Klar macht die in sich schlüssige Studie, was die Perspektiven für alle Älteren auf dem Arbeitsmarkt erhöht: Die Aus- und Weiterbildung. (Marcel Gamma)