InsurTech 16-Konferenz: Der Umbruch im Versicherungswesen

Carola Wahl, Chief of Transformation and Market Management AXA (Bild: Financialmedia)
Die erste InsurTech-Konferenz der Schweiz in Zürich war bereit Tage vorher komplett ausgebucht. Ein erstes Thema von Relevanz war die Digitalisierung, deren Möglichkeiten, Grenzen und Fallgruben ganz grundsätzlich. Darauf ging Stephan Sigrist vom Zürcher Think Tank W.I.R.E. in seiner Keynote ein. Er zeigte auf, dass die Zukunft bei allem technischen Fortschritt unvorhersehbar bleibt. Denn mehr Daten führen nicht zwangsläufig zu mehr Transparenz und Annahmen sind keine Tatsachen. Viele Datensätze sind inkomplett und können deshalb ein zweideutiges oder falsches Bild vermitteln. Die Systeme werden immer komplexer und die Umgebung ändert sich immer schneller.
 
Diese Komplexität lässt sich am besten durch das Aufbrechen von komplexen Systemen in einzelne Teilbereiche lösen, so Sigrist. Dabei geht aber oft der Blick auf das Gesamtsystem verloren, was zu Teilbereichslösungen führt, die zwar in sich gut sind, aber für das Gesamtsystem suboptimal.
 
Zudem besteht in einer von Algorithmen gesteuerten Welt die Gefahr von Filter-Blasen, weil Algorithmen bestimmen, was wir sehen und so unsere Wahrnehmung direkt beeinflussen und steuern können. Algorithmen können aber auch praktische personalisierte Dienste leisten, wenn sie personenbezogenen und alle benötigten Daten vorhanden sind. Algorithmus gesteuerte digitale Dienste stehen und fallen mit der Qualität der Algorithmen und der Daten, so Sigrist.
 
B3i: The Blockchain Insurance Industry Initiative
Für die einen steht die Technologie im Vordergrund, für die anderen ist Technologie vorwiegend da, um Problemstellungen im Geschäftsbetrieb zu lösen. Ein pragmatischer Ansatz, der Technologie als Werkzeug betrachtet und nicht als Selbstzweck oder Ideologie, führt in der Regel schneller zu brauchbaren Lösungen und das auch kosteneffizienter. Dies zeigte Paul Meeusen, Head of Finance & Treasury Services bei Swiss Re, eindrücklich anhand seiner Präsentation der B3i-Initiative.
 
Ausgangspunkt der Initiative war die Ineffizienz der Abwicklung bei Schadenfällen. Die Latenz der Abwicklungskette beträgt heute bis zu vier Monate. Und die Beträge, um die es dabei geht, sind hoch: Sie können im Bereich von Milliarden liegen. Eine Verkürzung der Latenz der Abwicklungskette führt zu schnelleren Auszahlungen, besserer Planbarkeit, und zu betrieblicher Effizienz. Mittels Distributed Ledger Technology (DLT; Blockchain) lässt sich die Latenz auf Minuten, allenfalls Stunden reduzieren, sagte Meeusen. Weitere Effizienz- und Ablaufverbesserungen bringt der Einsatz von Smart Contracts: Statt 40-seitigen Verträgen genügt eine Seite Code.
 
Deren erster Einsatzbereich ist innerhalb der Swiss Re. Die nächste Stufe wird die Ausweitung auf mehrere teilnehmende Versicherer sein. Deshalb wurde kürzlich die B3i Blockchain Insurance Industry Initiative von fünf Versicherungskonzernen gestartet.
 
Distributed Ledger Technology (DLT) wird im Versicherungswesen immer öfter als Ergänzung von "normalen" Datenbanken für spezifische Problemstellungen eingesetzt. Dabei handelt es sich in der Regel um private Blockchains, bei denen auch meist die Anonymität wegfällt.
 
Hate or Date?
Die Digitalisierung hat bereits die Medien- und die Telekombranche transformiert. Das meiste ist nicht mehr so, wie es mal war. Dieser Umbruch steht dem Versicherungswesen grossteils noch bevor, wie Carola Wahl, CTMO (Chief of Transformation and Market Management) bei AXA erläuterte. Sie sieht zwar die Gefahr einer Kannibalisierung, doch seien die neuen Möglichkeiten grösser als die Risiken. Stärker personalisierte und individualisierte Versicherungen biete ein bisher unausgeschöpftes Potential.
 
Sie präsentierte die App AXA Sure. Mit dieser und den damit verbundenen Diensten wird die Sicherstellung eines optimalen Sachversicherungsschutzes leichtgemacht, so die Referentin. Bei AXA Sure handelt es sich um eine eigene Entwicklung, die allerdings stark durch das Produkt eines Startups inspiriert wurde.
 
AXA verfügt weltweit über eigene Innovationszentren und eine grosse IT-Abteilung. Es zeigte sich auch, dass die Situation zwischen InsurTech-Startups und etablierten Versicherungen kompliziert sein kann. Für einen Hass gebe es aber wenig Gründe und eine Zusammenarbeit kann für beide Seiten Vorteile bringen. Die AXA fördert eine solche Zusammenarbeit und verfügt auch über einen wohldotierten Venture Fund, das machte das Referat klar.
 
Vertrieb: Wer beherrscht die Kundenschnittstelle?
Im Versicherungswesen gibt es drei Grundtypen des Vertriebs: Direkt, über Agenten oder über Broker. Viele Startups agieren als Broker.
 
Ein Grund dafür liegt in den relativ hohen Margen von 15 bis 20 Prozent. Ein Broker vertritt seine Kunden gegenüber den Versicherungen und beherrscht somit die Kundenschnittstelle. Ein Broker ist im Gegensatz zu einem Agenten nicht an eine Versicherung gebunden, sondern kann für seinen Kunden die besten Versicherungen abschliessen. Versicherungswechsel sind für den Kunden so aufwandlos realisierbar.
 
Die Lukrativität des Brokergeschäfts hängt allerdings von der Höhe der Marge und vom Volumen ab. Eine deutliche Senkung dieser Margen würde viele Broker-Geschäftsmodelle unattraktiv machen, da die Kunden-Akquisitionskosten relativ hoch sind, insbesondere für Startups. Auch dies verdeutlichte die InsurTech 16-Konferenz.
 
Einsparungspotential bei der Schadensabwicklung
Die Abwicklung von Schadensfällen ist oft mit hohem Aufwand verbunden. Die Kosten dafür betragen im Schnitt um die 15 Prozent der Schadenssumme. Eine Optimierung unter Zuhilfenahme von Apps, welche die Schadensaufnahme und -einschätzung mittels Bildmaterial, Artificial Intelligence und Machine Learning erleichtern, bringt grosses Einsparungspotential. Marktreif werden solche Systeme aber wohl erst in zwei Jahren sein.
 
Ein Problemkreis, nämlich Daten-Silos, wurde am Rande thematisiert, inbesondere vom Swiss Re-Referenten. Das Thema ist von Bedeutung, denn viele Versicherungen verwenden in ihrer IT-Infrastruktur noch monolithische Mainframes. Die Daten der unterschiedlichen Systeme sind jeweils in einem eigenen Silo. Die Kommunikation zwischen den Systemen ist beschränkt. Erst die Einbindung in eine service-orientierte Architektur bringt die nötige Flexibilität, um neue Services und Produkte schnell, kostengünstig und mit geringem technischen Risiko auf dem Markt anbieten zu können.
 
Die Präsentationen der Referenten sind auf der Website des Veranstalters verfügbar.
 
Durchmischtes Publikum
Mitorganisator Rino Borini zeigte sich sehr erfreut über den Zuspruch für die erste InsurTech-Konferenz: "Das obere Ende unserer Zielsetzung lag bei 175 Teilnehmern und dieses wurde mit 250 Teilnehmern um 43 Prozent übertroffen. Die Konferenz war komplett ausgebucht. Das Publikum war gut durchmischt und deckte vom Startup-Unternehmen bis zu etablierten Versicherungsunternehmen praktisch alles ab. Es waren auch viele für InsurTech- und die Versicherungswelt wichtige Leute vor Ort. So auch Carola Wahl, GL-Mitglied AXA Schweiz. Ihr Arbeitgeber nutzte die Konferenz gar für den globalen Rollout von AXA Sure, einer neuen Versicherungs-App."
 
Wo sind die Chancen der Schweiz im Bereich Finance 2.0?
Diese Frage stellten wir den Veranstaltern der Konferenz: Rino Borini, Patrick Widmer und Marc Bernegger. Ihre Antwort: "Innerhalb der Finance 2.0 Welt haben wir bestimmte Themen, in denen wir denken, dass die Schweiz eine führende Rolle übernehmen kann: Das sind: Insurance, Cryptofinance und Digital Wealth Management. Und für diese Verticals haben wir passgenaue Konferenzen, welche das Ökosystem voranbringen sollen. Darüber angeordnet ist die Flagship Konferenz, welche nächstes Jahr am 14. März 2017 stattfindet. (Christoph Jaggi)
 
Interessenbindung: Inside-IT ist Medienpartner der Finance 2.0-Konferenzen, denn auch wir sind an einem gutfunktionierenden Ökosystem für den Finanz- und Versicherungsbereich in der Schweiz interessiert.