Leider Nein (pendelnde Folge)

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
 
"Schreib übers Pendeln!" sagte mein Leser, den ich beim gemeinsamen Begiessen der Verlochung eines Hundes vor ein paar Tagen mit der üblichen Journalisten-Klage von "Schreibstau" und "ich habe alles schon geschrieben" langweilte.
 
Pendeln ist schlimm. Pendeln mit Fahrrad ist noch schlimmer. Dass gerade junge PendlerInnen sämtliche Sitze rings um sich mit Taschen, Schachteln, Rucksäcken, Daypacks, Kitchener-Säckli, Kletterseilen, Sporttaschen, Schals, Mäntel, Hüten und Koffer verbarrikadieren, wäre schlimm genug, doch ergeht es einem Velofahrer noch viel schlimmer. Haben Sie, Besitzer eines Velo-Billets schon mal versucht, dasselbe zu nützen, indem sie ihr Velo in den Veloständer stellen? Ein sinnloses Unterfangen, denn die Veloständer sind immer von Kinderwägen aller Art, zum Beispiel mit Scheibenbremsen und sich selbst verdunkelnden Hightech-Sichtblenden für den Einsatz im Hochgebirge ausgerüsteten, geländegängigen 4WD-Baby-Buggies verstopft. Der Versuch, dem Kauf des Velo-Billets Sinn zu verschaffen, indem man das Velo in den dafür vorgesehenen Veloständer hängt, endet mit dem sicheren Tod des Velofahrers, der übersehen hat, dass die Besitzerin ihren Balg im 4WD-Buggy schläfeln gelassen hat, und der deshalb von der hochgebirgsgestählten Buggy- und Balgbesitzerin angegriffen und als potentieller Baby-Entführer unter Beifall der anderen Kinderwagen-Besitzerinnen totgeschlagen wird. Ab ungefähr 22 Uhr werden die Kinderwagen durch gigantische Koffer wehrhafter chinesischer Touristen ersetzt, die routinemässig jeden, der sich ihrer wertvollen Fracht nähert, unter Einsatz jahrhundetealter Kampfkünste aus den Shaolin-Klostern von Dengfen vertreiben.
 
Doch das alles ist noch gar nichts. Richtig schlimm wird das Pendeln, wenn man Abends müde und nicht mehr zu unabhängigem Denken fähig zur magentafarbigen Gratiszeitung, die verlagsintern übrigens völlig korrekt "Bla" genannt wird, greift und liest. Denn selbst der Angriff hochgebirgs- und Shaolin-gestählten Mammis mit Riesenkoffern ist harmlos, verglichen zum Schaden, den das Lesen der magentafarbigen Gratiszeitung im Hirn anrichten kann.
 
Das ist eine völlig unterschätzte Folge der Digitalisierung. Denn "Bla" ist die erste Zeitung, die komplett von Roboterjournalisten produziert wird. Die hochkomplexen ASA (Artificial Stupidity Algorithms) durchkämmen sämtliche Artikel der Weltpresse und kopieren und publizieren jene Artikel leicht umgeschrieben, zu denen sich irgend ein Foto mit einer weiblichen Brust als Illustration hinzufügen lässt. Zudem produzieren die ASA täglich aus 150 unterschiedlichen schweizerdeutschen Wörtern, wovon 120 Tierbezeichnungen wie "Chäferli" und "Schnäggli" sind, eine Drittelseite mit angeblichen Botschaften von Lesern und Leserinnen.
 
Die schlechte Nachricht: Dank Machine Learning wird das Zeugs immer blöder. Sag ich doch: Pendeln ist schlimm. (Christoph Hugenschmidt)