Schafft Digitalisierung so viele Arbeitsplätze, wie sie vernichtet?

Eine Studie aus Deutschland zeichnet ein ziemlich optimistisches Bild.
 
Laut einer Studie des deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird die Digitalisierung der Wirtschaft in Deutschland in den kommenden rund zehn Jahren viele Arbeitsplätze vernichten. Gleichzeitig, so glauben die Autoren der Studie, werden fast gleich viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Unter dem Strich bleibe der Stellenbestand damit fast gleich im Vergleich zu einer Basisprojektion. Letztere basiert auf einer Zukunftsprojektion, die einen technischen Fortschritt im Rahmen der letzten Jahre berücksichtigt, aber keine digitale Revolution beziehungsweise keinen Wandel zur "Wirtschaft 4.0".
 
Schrittweise Berechnung
In der Studie werden fünf Teilszenarien untersucht, die auch einer ungefähren zeitlichen Abfolge und einer Kausalkette entsprechen: Die Anschaffung von neuem Equipment, Investitionen in den Bau von Netzwerken, Veränderungen von Kosten- und Gewinnstrukturen der Unternehmen, Änderungen der Berufsstruktur und Änderungen der Nachfragesituation. Die Autoren versuchen, für jedes Szenarion einzeln die Auswirkungen auf die Beschäftigung in einzelnen Berufsfeldern und Branchen abzuschätzen. Zum Schluss wird alles addiert und mit der genannten Basisprojektion verglichen.
 
Einige Teile der Studie beziehen sich auf deutsch-spezifische Gegebenheiten, zum Beispiel der Versuch, die Auswirkungen von Zusatzinvestitionen in die Netzwerkinfrastruktur abzuschätzen. Andere Überlegungen dürften auch auf die Schweiz übertragbar sein: Auch wenn sich die Stellenzahl insgesamt nicht stark vermindert, wird in der Studie beispielsweise betont, sei trotzdem ein massiver Strukturwandel hin zu einem höheren Dienstleistungsanteil zu erwarten.
 
1,5 Millionen mehr, 1,5 Millionen weniger
Gegenwärtig gibt es in Deutschland rund 43,5 Millionen Erwerbstätige. In der digitalisierten Welt werde es in Deutschland im Jahr 2025 einerseits 1,5 Millionen Arbeitsplätze, die nach der Basisprojektion noch vorhanden wären, nicht mehr geben, so die Studie. Dies entspricht nach unserer Rechnung knapp 3,5 Prozent der aktuell angebotenen Stellen. Andererseits würden im Wirtschaft 4.0-Szenario ebenfalls 1,5 Millionen Arbeitsplätze entstanden sein, die in der Basisprojektion nicht existieren würden. Diese neuen Arbeitsplätze hätten typischerweise andere, höhere Anforderungsprofile als die vernichteten Jobs.
 
In der Studie werden Informatikberufe und naturwissenschaftliche Berufe zusammengezählt. Insgesamt soll die Stellenzahl in diesem Bereich rund fünf Prozent steigen. Noch etwas mehr Wachstum wird für die Berufsfelder Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Sozial- und Lehrberufe erwartet. Ein empfindlicher Rückgang des Stellenangebots von jeweils über zehn Prozent ist laut der Studie in den Feldern Metall- und Anlagenbau, Maschinensteuerung und -Wartung sowie Hilfskräfte zu erwarten. (hjm)

Unser Kommentar:

Unser Kommentar:
Die Studie des IAB ist offensichtlich seriös und versucht nach bestem Wissen und Gewissen der Autoren eine möglichst genaue Abschätzung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigungsstruktur in Deutschland zu machen.
 
Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, wie sehr (mehr oder weniger optimistische) Annahmen solche Projektionen beeinflussen. In der vorliegenden Prognose fliessen von Teilszenario zu Teilszenario immer mehr solche Annahmen ein. Andere Studien kommen zum Schluss, dass in zehn Jahren deutlich mehr als 3,5 Prozent der heute angebotenen Jobs nicht mehr von Menschen erledigt werden.
 
Das IAB geht zum Beispiel davon aus, dass die Umschichtung der Berufsfelder vor allem zu vorläufiger Arbeitslosigkeit - und nicht langfristiger Arbeitslosigkeit - führen werde. Zudem erwarten sie, dass die Schaffung von Jobs mit höheren Anforderungen auch zu einer Erhöhung der Gesamtlohnsumme und dies wiederum zu einer Erhöhung der Nachfrage führt. Und die Gewinne von Unternehmen, sowohl im Dienstleistungsbereich als auch in etwas geringerem Masse in der Landwirtschaft und im produzierenden Gewerbe sollen durch die Digitalisierung erstens kontinuierlich steigen und zweitens zu einem guten Teil auch wieder reinvestiert werden.
 
Alle diese Annahmen erscheinen mir ziemlich zumindest diskussionswürdig. (Hans Jörg Maron)