Welche Schweizer IT-Jobs sind bedroht?

Mit einem neuen Schweizer Tool kann man die Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes messen.
 
Die Tilgung von Arbeitsplätzen durch technische Neuerungen ist eine alte Sorge. Sie lässt sich schon in Publikationen des 19. Jahrhunderts finden. Die aktuelle Version dieser Angst: Roboter und Computer ersetzen Menschen in bisher nicht gekanntem Masse.

Zwei Wissenschaftler der Uni Oxford behaupteten 2013 in einer vielzitierten Studie, dass fast die Hälfte aller Jobs in den USA höchst wahrscheinlich in den nächsten 20 Jahren automatisiert werden können. In verschiedenen Medien wurde vor der grossen Vernichtung von Arbeitsplätzen gewarnt. Auch im Bericht des diesjährigen Weltwirtschaftsforums (WEF) wird prognostiziert, dass in den 15 grössten Weltwirtschaften innerhalb der nächsten fünf Jahre 5,1 Millionen Jobs verschwinden werden.
 
Ein kürzlich von 'inside-it.ch' besprochenes Papier des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus Deutschland kommt zu anderen Schlüssen: Die Digitalisierung würde den Wohlstand steigern und ebenso viele Arbeitsplätze schaffen, wie sie überflüssig macht.
Die vielen Verlautbarungen offizieller und weniger offizieller Stellen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.
 
Seit gestern ist ein Schweizer Tool online, mit dem man prüfen kann, wie hoch die Chance ist, dass der eigene Job durch die Digitalisierungswelle verschwindet. Die Webpage wird vom Arbeitnehmerverband "Angestellte Schweiz" betrieben und stellt Daten zum Schweizer Arbeitsmarkt zur Verfügung.
 
Grosses Offshore-Risiko für IT-Jobs
Nebst Digitalisierungsgefährdung, Routineintensität und Anforderungsniveau zeigt das Tool auch das Offshore-Risiko für Arbeitsplätze. Die letzte Kategorie scheint für IT-Jobs besonders brisant: Die Macher der Website rechnen mit einem Offshore-Risiko von bis zu 100 Prozent für IT-Jobs. Am kleinsten sei die Gefahr für Systemadministratoren mit 61 Prozent, am grössten für Anwendungsprogrammierer, deren Jobs ohne jeden Zweifel ausgelagert werden könnten.
 
Die Berechnungen basieren auf einem Papier des Ökonomen Alan Blinder aus dem Jahr 2009, der das Risiko für die USA kalkuliert hat. Das von Politikwissenschaftler betriebene Schweizer Forschungsprojekt Politan hat die amerikanische Berufsnomenklatur auf die in Europa gängigen Klassifikationen übertragen.
 
Der Begriff "Offshore-Risiko" ist ein wenig irreführend. Es geht darum, ob ein Beruf zwingend lokal ausgeübt werden muss oder nicht. Auf Anfrage von 'inside-it.ch' erklärte Basil Schläpfer von Politan, dass es lediglich um die Möglichkeiten der Auslagerungen ginge. Ob aber ein Beruf tatsächlich ausgelagert wird, hängt wesentlich von anderen Faktoren ab wie etwa dem Lohnniveau oder der Ausbildungsstruktur. Die sehr hohen Zahlen müssen deshalb mit Vorsicht genossen werden.
 
Digitalisierung bedroht auch IT-Jobs
Die Berufe im IT-Bereich sind dem Schweizer Analyse-Instrument zufolge sehr unterschiedlich von der Digitalisierung betroffen: Systemanalytiker seien bloss zu einem Prozent davon bedroht, Anwendungsprogrammierer hingegen zu 48 Prozent. Die übrigen IT-Jobs sind neben Datenbankentwickler, Systemadministrator (beide drei Prozent) und Softwareentwickler (acht Prozent) bei rund 20 Prozent angesiedelt. Das sind relativ tiefe Werte, verglichen etwa mit Telefonverkäufern, die zu 99 Prozent bedroht sind.
 
Die Datengrundlage bezüglich Digitalisierung bezieht das Tool aus der bekannten Oxford-Studie. Die amerikanischen Berufskategorien wurden auch hier auf die in Europa üblichen übertragen.
 
Bereits am 11. September 2015 hat BBC ein Werkzeug online geschaltet, mit dessen Hilfe man die Digitalisierungsgefahr für englische Arbeitsplätze berechnen kann. Das Tool stützt sich ebenfalls auf die Studie aus Oxford. Ein deutsches Instrument namens ARD-Jobfuturomat berechnet im Unterschied zum englischen und Schweizer Werkzeug, wie viele Prozent der Tätigkeiten eines Berufs bereits heute automatisiert werden könnten. (ts)