Insurtech und Fintech: Die Grundlage für Insurance 2.0

Insurtech bietet versicherungs­spezifische Problemlösungen, während Fintech den Finanzbereich der Versicherungen abdeckt. Aktuelle Konzepte und Potential im Überblick.
 
Versicherungen sind Finanzunternehmen, dies gilt es vorab zu beachten. In ihrer Grundform decken Versicherungen gegen Zahlung einer Prämie die finanziellen Risiken eines Kunden bei Eintritt eines vertraglich definierten versicherten Ereignisses ab. Prämien sind regelmässig im voraus zu bezahlen, so dass sich bei den Versicherern Geld anhäuft, das gewinnorientiert angelegt werden kann. Auf der Ertragsseite stehen bei Versicherern entsprechend sowohl Prämien als auch Kapitalerträge.
 
Versicherungen sind jeweils auf ein versichertes Ereignis ausgerichtet und können sich deshalb je nach versichertem Ereignis (Krankheit, Alter, Diebstahl, Verdienstausfall, etc.) stark unterscheiden. Insbesondere gibt es Versicherungen, die nur das Risiko abdecken und Versicherungen, die auch eine Sparkomponente aufweisen. Zu letzteren gehören Kapitallebensversicherungen und Rentenversicherungen. Ausser bei Rentenversicherungen, die nach den Vorgaben der 3. Säule strukturiert sind, handelt der Versicherer auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. Das kann für Versicherungen insbesondere dann zum Problem werden, wenn für die Sparkomponente einer Lebensversicherung ein Mindestzinssatz garantiert wird, der deutlich über dem aktuellen Zinssatz liegt. Es ist für eine Versicherung deutlich einfacher und profitabler das Risiko auf den Kunden abzuwälzen. Erfolgt die Verwaltung der zu Sparzwecken eingezahlten Gelder auf Rechnung und Risiko des Kunden, so ist dies eine Finanzdienstleistung und keine Versicherung.
 
Fintech-Rolle wird bei Versicherungen stärker
Im Finanzbereich – vom Cash Management, über den Zahlungsverkehr, über Kapitalanlagen bis zur finanziellen Abwicklung von Schadensfällen – spielt Fintech bei Versicherungen eine immer grösser werdende Rolle. Primär geht es um die Vereinfachung, Digitalisierung und Automatisierung von Abläufen kombiniert mit besserem Überblick und besseren Kundeninteraktionsmöglichkeiten. Letztere spielen vorwiegend bei Erstversicherern und Brokern eine wichtige Rolle. Im Rückversicherungsgeschäft steht die Effizienzsteigerung im Vordergrund. Wie die SwissRe gezeigt hat, kann man mit Distributed Ledger Technology (DLT/Blockchain) intern und zwischen Versicherern massive Effizienzsteigerungen in der finanziellen Abwicklung von Schadenfällen erreichen. Die Reduktion der Abwicklungszeit von vier Monaten auf wenige Stunden ist eindrücklich und resultiert aus der durch DLT gewährten Kombination von Smart Contracts und Zahlungen.
 
Versicherungen als Konkurrenten der Finanzdienstleister
Die Notwendigkeit der Geldanlage, insbesondere bei Versicherungen mit Sparkomponente, führte dazu, dass bereits mehrere Versicherer – insbesondere Lebensversicherer – Hypotheken anbieten und damit in direkter Konkurrenz zu Banken treten. Es gibt auf der anderen Seite auch Banken, die Lebensversicherungen anbieten. Die Abläufe für Hypothek respektive Lebensversicherung sind für Finanzdienstleister und Versicherung identisch, so dass etablierte Fintech-Lösungen von beiden genutzt werden können. Mit Lösungen für die dritte Säule stehen Versicherer ebenfalls direkt mit etablierten Finanzdienstleistern in Konkurrenz. Diese Lösungen sind zurzeit noch sehr traditionell ausgerichtet und für den Kunden mit hohen Kosten und nicht selbst wählbarem Risiko verbunden. Das ist bei anderen Finanzdienstleistern nicht unbedingt besser.
 
Im Bereich Vermögensaufbau und Vermögensverwaltung ist es aber absehbar, dass die digitalen Vermögensverwalter (Robo-Advisor) eine stärkere Rolle einnehmen werden. Für den Kunden bedeutet dies in der Regel tiefere Kosten und bessere Risikokontrolle, da er innerhalb des gesetzlichen Rahmens mehr Portfolio-Gestaltungsmöglichkeiten hat.
 
Trend Allfinanz am Beispiel Glarner Kantonalbank
Es gab immer wieder Trends zu Allfinanz-Anbietern, die sowohl Finanzdienstleistungen als auch Versicherungen im Angebot haben. Gut funktioniert hat das nur in seltensten Fällen. Ivan Büchi, Leiter Digital Office bei der Glarner Kantonalbank (GLKB), sieht das pragmatisch: "Banken- und Versicherungsangebote haben von Natur aus eine gewissen Schnittmenge, welche sich je nach Marktsituation ausdehnt oder zurückgeht. Aktuell weitet sich diese Schnittmenge, getrieben durch das Niedrigzinsumfeld, wieder aus, insbesondere im Hypothekarbereich. Diese Entwicklung befeuert auch wieder den in Wellen wiederkehrenden Allfinanzgedanken."
 
"Es ist es noch nicht so lange her, da hatte die Zürich Versicherung eine Banklizenz und die Winterthur Versicherung (heute AXA) war eine Tochter der Credit Suisse Group. Damals sah man Allfinanz als wegweisende Lösung. Es zeigte sich aber, dass weniger oft mehr ist. Die GLKB beschränkt sich deshalb auf ein paar ausgewählte Versicherungsprodukte, mehrheitlich als komplementäre Produkte zur Hypothek, beziehungsweise zur Vorsorge. Das sind einfache Versicherungslösungen, welche sich auch durch einen geschulten Bankberater gut erklären lassen."
 
"Gleichzeitig," so Büchi weiter, "bieten wir im Rahmen unserer neu eröffneten Kreditfabrik Finanzlösungen wie Online-Hypotheken und Robo-Advisory an, die Dritte einfach in ihr Angebot integrieren können. Das geht bis zum kompletten Business Process Outsourcing (BPO). Unter den Kunden finden sich unter anderem Banken, Versicherungen und Pensionskassen. Die Angebotstiefe bietet den Vorteil, dass die Kunden den Betrieb der Software und die gesamte Abwicklung an uns auslagern können und die Kosten planbar sind."
 
Serviceorientierte Kernsysteme rücken in den Fokus
Ähnlich wie Banken verwenden auch Versicherungen Kernsysteme und es zeigen sich die gleichen Probleme: Monolithische Systeme ohne Integrationsschicht bringen im Vergleich zur service-orientierten Architekturen (SOA) deutliche Nachteile mit sich. Diese betreffen neben der mangelnden Flexibilität sowohl die Kosten als auch Time-to-Market für neue Angebote und interne Strukturverbesserungen. Massiv höher sind auch die Projektrisiken. Neue Dienstleistungen und Kommunikationskanäle müssen in die bestehende Infrastruktur nahtlos integriert werden, damit sie sowohl Kunden wie auch Mitarbeitern zugänglich sind.
 
Bei Banken erlauben spezielle Plattformen die gleichzeitige Entwicklung von Services für Kunden, Front-Office und Middle-Office. Kernsystem und Service-Plattform tauschen zur vollen Integration Daten aus.
 
Im Finanzdienstleistungssektor werden solche Service-Plattformen aufgrund ihrer positiven Eigenschaften immer beliebter. Es ist zu erwarten, dass sie – ausgestattet mit den notwendigen Funktionalitäten – auch im Versicherungswesen die Produkteinnovation beschleunigen und die Produktionskosten senken können. Inwieweit dies dann der Fall sein wird, hängt von der jeweiligen Implementierung sowohl in technischer wie auch in organisatorischer Hinsicht ab.
 
Versicherung als Teil eines Produktkaufs
Nicht nur Versicherungsmakler drängen sich in die Schnittstelle zwischen Kunden und Versicherungen. Immer mehr Produktverkäufer bieten eine im Kauf oder der Miete integrierte Versicherung als Option. Für den Verkauf von Sachversicherungen für Objekte und von Risikoversicherungen für Dienstleistungen ist das ein äusserst kosten- und aufwandeffizienter Vertriebsweg und für den Kunden bequem. Insbesondere im Vergleich dazu, einzeln Versicherungsschutz für einzelne Objekte bei seiner Versicherung abzuschliessen.
 
Versicherungen können diesen Vertriebsweg mittels geeigneter Produkte optimal ausnützen, sofern sie über geeignete Angebote für Produktverkäufer verfügen, der beim Produktverkauf auch gleichzeitig noch zum Versicherungsverkäufer wird.
 
Bei der Kauffinanzierung von Produkten hat sich dieser Vertriebsweg schon bewährt. Dies bestätigt auch Ivan Büchi von GLKB: "Ich glaube nicht, dass die Frage der zukünftigen Entwicklung ausschliesslich eine Frage von Bank oder Versicherung ist, sondern von Banken, Versicherungen und Händlern. So kann man bereits heute ein Autoleasing inklusive Versicherung abschliessen. Man "kauft" ein Auto und die monatliche Zahlung schliesst sowohl die Finanzierungskosten als auch die Versicherungen mit ein, ohne dass der Kunden vorgängig Kontakt mit einer Bank oder einer Versicherung gehabt hat. Es gibt immer mehr Bank- und Versicherungsangebote, welche über Dritte den Weg zum Kunden finden. Dies ist ein Trend, der sich laufend verstärkt."
 
"Das Potential sprengt das Vorstellungsvermögen"
Die Kombination von Fintech und Insurtech ist geignet, grössere Marktveränderungen im Versicherungssektor auszulösen. So sieht das auch Spiros Margaris von Magaris Advisory, ein international renommierter Fintech- und Insurtech-Experte: "Das Potential von Insurtech und Fintech ist so gross, dass es das Vorstellungsvermögen sprengt. Insbesondere die Kombination der beiden ist geeignet, Marktdynamiken und operationelle Effizienz zu ändern. Tiefere Kosten und besseres Kundenerlebnis sind nur Teilaspekte."
 
"Gleiches gilt für die erhöhte Personalisierung. Für Versicherungsgesellschaften gilt es, sich dem sich ändernden Umfeld anzupassen und die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auswirkungen hat das sowohl auf Geschäftsmodelle wie auch auf Betriebsstrukturen. Der Markt ändert sich und eröffnet neue Möglichkeiten für etablierte und neue Marktteilnehmer. Das betrifft das ganze Ökosystem, vom Versicherungsanbieter über den Technologielieferanten bis zum Versicherungsverkäufer," so Margaris.
 
Für Rino Borini, Schweizer Finance 2.0-Guru und Studiengangsleiter CAS an der HWZ (Hochschule für Wirtschaft Zürich) ist klar, dass Versicherer und Banken mehr Mut zeigen müssen: "Banken und Versicherer haben beide grosse Herausforderungen zu bewältigen: Legacy, Regulierung und das Tiefzinsumfeld tun ihnen weh, dazu kommen neue Marktteilnehmer, die sich in der Wertschöpfungskette einnisten oder Teilbereiche der Wertschöpfung übernehmen wollen."
 
"Bestehende Geschäftsmodelle sind in der aktuellen Form ein Auslaufmodell. Neue Angebote führen nicht zwangsläufig zu einer Mengenausweitung, sondern sie sind Teil eines brutalen Verdrängungswettbewerbs. Der Anbieter mit der besten Kosteneffizienz und der höchsten Agilität hat definitiv Vorteile. Vor allem wenn seine Produkte und seine Kundeninteraktion die Kundenbedürfnisse treffen." (Christoph Jaggi)