Amazons AWS: Up, up and away!

AWS-Chef Andy Jassy: "Cloud ist ein Billiardengeschäft" (Foto: Harald Weiss)
AWS-Chef Andy Jassy strotzte auf der diesjährigen Kundenveranstaltung nur so voller Selbstvertrauen. Er peilt bereits die 100-Milliarden-Dollar Marke an und sieht vor allem die althergebrachten IT-Unternehmen auf der Verliererstrasse.
 
„Ob Startup oder globaler Grosskonzern – alle Unternehmen streben in die Cloud. Unsere Wachstumsmöglichkeiten sind praktisch unbegrenzt“, sagte AWS-CEO Andy Jassy in seiner Eröffnungsrede zur diesjährigen Re:Invent-Veranstaltung in Las Vegas. Es war das fünfte Event dieser Art und mit 32'000 Teilnehmern auch die mit Abstand grösste AWS-Kundenveranstaltung aller Zeiten. Doch nicht nur bei den Konferenz-Teilnehmern weisen die AWS-Zahlen steil nach oben. Jassy berichtete auch von einer aktuellen Umsatzsteigerung von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das könnte dann auf einen Jahresumsatz von 13 Milliarden Dollar für das laufende Geschäftsjahr hindeuten.
 
Obwohl das alleine schon eine sehr beachtliche Leistung wäre, ist Jassy damit bei Weitem nicht zufrieden. Er sieht das nur als Anfang einer immensen IT-Revolution. „Cloud ist ein Billiarden-Markt, der bislang nur angekratzt ist. Es ist durchaus möglich, dass wir hier einen Umsatz von 50 oder gar 100 Milliarden Dollar erreichen können“, schwärmt er bereits über die weiteren Aussichten seines Unternehmens. Dazu verweist er auf eine Grafik, wonach AWS das am schnellsten wachsende IT-Unternehmen mit über einer Milliarde Dollar Umsatz ist. Auf den Plätzen zwei bis fünf befinden sich dann mit ServiceNow, Workday, Salesforce und Adobe ebenfalls überwiegend Cloud-Provider. Abgeschlagen sind dagegen Oracle, EMC und Microsoft die nur noch im unteren einstelligen Bereich zulegen können. Noch schlimmer ist es bei IBM, Cisco und HPE die allesamt gar nicht mehr wachsen, sondern massiv mit Umsatzrückgängen zu kämpfen haben.
 
Kampfansage an Oracle
Jassy bestätigte in seinen Auftritten zwar, dass neben AWS auch andere Anbieter im Cloud-Geschäft Erfolg haben werden – Oracle aber zählt er nicht dazu. Auch wenn deren Software-Chef Larry Ellison auf der jüngsten Oracle-Open-World massiv gegen Amazon ins Feld gezogen ist. „Die alten kommerziellen Datenbanken haben keine Zukunft mehr. Sie sind teuer, proprietär und mit komplizierten Lizenzmodellen versehen – alles Punkte, die der Markt heute ablehnt“, war seine Kampfansage an Oracle. Produktmässig setzt er hierbei auf die soeben angekündigte PostgresSQL-Erweiterung der AWS-Datenbank Aurora. Dabei handelt es sich um eine Oracle-kompatible Datenbank, die annähernd an deren Leistung heranreicht, doch im Gegensatz dazu wesentlich günstiger ist.
 
Neue Strategie, neue Partner
Was AWS betrifft, so bescheinigt Gartner dem Unternehmen ebenfalls eine dominierende Rolle – weit vor Microsoft und Google. „Gartner sagt, dass unser Cloud-Business grösser ist, als das der nachfolgenden 14 Cloud-Anbieter zusammen“, führte Jassy in einer Pressekonferenz nach seiner Keynote aus.
 
Und nicht nur Gartner ist von AWS beeindruckt. Viele Analysten meinen, dass vor allem der Strategiewechsel zur Hybrid-Cloud eine grosse Bedeutung bei der zukünftigen Entwicklung einnehmen wird. „Die jüngste Kooperation mit VMware zeigt den Weg“, meint Patrick Moorhead, Analyst bei Moor Insights & Strategy und bestätigt das, was Jassy mit „Cloud-Computing und wenigen Rest-Rechenzentren“ umschreibt.
 
VMwares CEO Pat Gelsinger war als Gast geladen und berichtete ebenfalls von einer hohen Kundenakzeptanz bei der neuen Kooperation, die sich vor allem gegen die Zusammenarbeit mit IBMs Softlayer-Plattform richtet. „Die Kundenanfragen haben uns glatt umgehauen, niemals hätte ich eine solche überwältigende Reaktion erwartet“, sagte Gelsinger über die ersten zwei Monate der AWS-VMware-Partnerschaft. Andere bedeutende Kooperationen gibt es noch mit Netflix, Salesforce und neuerdings auch mit Workday, die entweder alles oder den grössten Teil ihrer Angebote auf der AWS-Plattform betreiben.
 
Risikofaktor Trump?
Insofern scheint AWS besten für die Zukunft gerüstet. Gefahr droht eher von einer anderen Seite. Der neugewählte US-Präsident Trump hat in seinem Wahlkampf mehrfach gesagt, dass Amazon eine marktbeherrschende Rolle einnimmt und ein Kartellverfahren eingeleitet werden muss. Hinzu kommen die Unsicherheiten bezüglich eines neuen amerikanische Protektionismus und den neuen Datenregulierungen. „Falls Amazons Server und Speichereinheiten in Zukunft in den USA gefertigt werden müssen, wird das Auswirkungen auf die Preise haben.
 
Und dann sind da noch die jüngsten Äusserungen über den Datenschutz. Trump fordert von allen US-Unternehmen eine Backdoor bei der Verschlüsselung und eine Auslieferungspflicht aller Daten, die von US-Firmen verwaltet werden – egal, wo sie auf der Welt gespeichert sind“, gibt Moorhead zu bedenken. Auf entsprechende Pressefragen ging Jassy nicht weiter ein. „Wir sehen einen weltweit Bedarf nach immer mehr Cloudleistungen, daran wird sich auch unter der neuen US-Regierung wenig ändern“, war seine ausweichende Antwort.
 
Viele Produkte angekündigt
Neben diesen imposanten Unternehmensdaten und globalen Ausblicken, gab es auch ein Feuerwerk an Produkt-Ankündigungen. An die kleineren Cloud-Anwender richtet sich „Lightsail“, mit dem sich schnell und einfach virtuelle private Server fürs Webhosting anlegen lassen. „Wir benötigen nur die IP-Adresse und ein paar Mengen-Vorgaben – den Rest machen wir“, versprach Jassy den Teilnehmern. Auch bei der Nutzung von Hochleistungs-IT, denkt Jassy an die KMUs. „Unser Ziel war und ist es, die bestmögliche Computerleistung, so wie sie von Grosskonzernen genutzt wird, praktisch für jedes Unternehmen – egal welcher Grössenordnung – bereitzustellen“, erläutert er eine seiner Firmenstrategien.
 
Als Beispiel verwies er dabei auf den Instance-Typ F1, der „Field-Programmable Gate Arrays“ (FPGA) bereitstellt. Ein Feature, das Amazon auch vor kurzem angekündigt hat. FPGAs sind umprogrammierbare Chips. Das bedeutet, man kann sie so konfigurieren, dass sie beispielsweise zunächst hochauflösende Bilder oder Grafiken bearbeiten. Anschliessend lässt sich die Konfiguration in wenigen Millisekunden so ändern, dass sie jetzt ideal für eine Bilderkennungs- und Analyse-Software geeignet sind. Weitere Neuheiten betreffen die bisherigen Hardware-Instances und die Middleware. So ersetzt R4 die bisherigen R3-Instances mit rund doppelt so viel Leitung. Ähnlich verhält es sich mit den neuen I3- und C5-Instances.
 
Überhaupt ist man bei Amazon stolz auf die ständigen Produkt- und Service-Erweiterungen. Allein in diesem Jahr sollen es über 1000 werden – also etwa drei pro Tag, inklusive Sonn- und Feiertage. Jassy sieht diese permanenten Erweiterungen als überlebenswichtig an. „Skalierbarkeit und Angebotsbreite werden in Zukunft über die Marktbedeutung und den Unternehmenserfolg entscheiden“, lautet seine Überzeugung. (Harald Weiss)