So will Twint den Schweizer Markt erobern

Auch im E-Commerce sieht Thierry Kneissler grosses Potential für Twint.

 
Vom Bürokafi bis zur Supercard, alles soll in die Payment-App Twint. Die Strategie und Use Cases im Detail.
 
"Twint will mehr sein als mobile Payment." Dies hat man schon öfters gehört. Wie konkret die neue Mobile-Payment-App aussehen wird und wie sie den Schweizer Markt erobern will hat Twint-Mitgründer und CEO Thierry Kneissler heute im Rahmen eines Medienanlasses in Bern ausgeführt. Mit einem Launch ab März 2017 wurde der Start der App nochmals nach hinten verschoben.
 
Zur Erinnerung: Das neue Twint stammt aus der Fusion von Twint und Paymit, die vergangenen Sommer ausgehandelt und im Oktober 2016 von der Wettbewerbskommission abgesegnet wurde. An der daraus entstandenen Twint AG sind je zu einem Drittel SIX, Postfinance und die fünf grössten Banken beteiligt. Dies sind Raiffeisen, UBS, Credit Suisse, ZKB sowie die Waadtländer Kantonalbank. Unter den rund 40 Twint-Mitarbeitern sind ein knappes Dutzend Informatiker, sagt Kneissler im Gespräch im inside-it.ch. Diese kümmern sich aber hauptsächlich um die Projektleitung und Planung. Ein wichtiger Software-Partner ist Adnovum. Die Software-Schmiede habe einen guten Teil der Programmierarbeit geleistet.
 
"Co-Branding ist ein Vorteil"
"Twint hat ein starkes Netzwerk und wird sich als Schweizer Lösung durchsetzen", ist Kneissler überzeugt. Mit den Zahlungsdienstleistern SIX, Aduno und Concardis decke man rund 90 Prozent des Marktes ab. Zum Twint-Netzwerk gehören neben den oben genannten grossen Banken 33 weitere Schweizer Banken. Dass sich noch mehr Banken anschliessen, ist zu erwarten.
 
Die Zahlungsabwickler agieren als Aquirierer für Twint, sie schliessen die Verträge mit den Händlern ab und seien so ein wichtiger Multiplikator, um die App zu verbreiten. Auf der anderen Seite stehen die Banken, die ihren Kunden die Lösung anbieten. Das neue Twint wird bekanntlich als Co-Branding-Lösung vermarktet. Das heisst jede Bank, bildet in der Twint-App noch das eigene Logo ab.
 
In dieser Strategie sieht Kneissler einen Vorteil, auch wenn sie als zu kompliziert und verwirrend für die Nutzer kritisiert wurde. Wie der Twint-CEO aber sagt, baue man so auf die starke Beziehung auf, die der Kunde mit seiner Bank hat. Die Kunden vertrauen ihrer eigenen Bank und diese wiederum verbreiten die Lösung unter ihren Kunden. Hinter Twint steckt direkt das Bankkonto des Kunden, das heisst Nutzer müssen keine Kreditkarte hinterlegen, sondern nutzen Twint, wie sie jetzt ihre Debit-Karte der Postfinance, UBS oder CS verwenden. Trotz der Fusion sind Twint und Paymit noch als eigenständige Lösungen auf dem Markt. So habe man auch eine gewisse Bekanntheit bei den Usern, ergänzt Twint-Mitgründer und CMO Michael Hügli. Für die bestehenden Nutzer gibt es die neue App mit einem Update.
 
Bezahlen allein reicht nicht
Das neue Twint wird das "digitale Portemonnaie", mit dem Nutzer nicht nur bezahlen können, sondern auch sämtliche Kunden- und Treue-Karten bei sich haben. Es sei nicht einfach eine Virtualisierung der Kreditkarte, sondern man schaffe einen Mehrwert für den Kunden.
 
Dieser Mehrwert ist für die Verbreitung einer Mobile-Payment-App sehr wichtig, wie auch Andreas Dietrich, Professor am Institut für Finanzdiensleistungen der Hochschule Luzern bestätigt. In seinem Vortrag erklärt er, dass sich mobile Payment nicht durchsetzen werde, wenn man es ausschliesslich für das Bezahlen verwenden kann. "Hier gibt es kein Problem, das gelöst werden muss." Die Kunden hätten sich daran gewöhnt und warten nicht auf eine neue Methode. Hinzu kommt, dass in der Schweiz noch immer die Hälfte Bezahlungen in Bar getätigt werden. Etwas anders sieht es im E- und M-Commerce-Bereich aus. Hier ist der Check-Out-Vorgang für die Kunden teilweise mühsam. Gleichzeitig ist es ein Gebiet, das nach wie vor wächst.
 
Eine weitere Funktion, die laut Dietrich zur Verbreitung von mobile Payment beitragen wird, ist das Peer-to-Peer-Bezahlen. Eine Gruppe von Freunden, die unterwegs ist und eine Rechnung splitten möchte, könne dies mit einer App viel schneller lösen, als wenn Bargeld hin- und hergegeben und gewechselt werden muss. Aus Bankensicht sei die P2P-Funktion nicht sehr spannend, aber für die Verbreitung könne sie einen viralen Effekt haben. Andere Use Cases, die laut Dietrich den Nutzern einen Mehrwert geben, seien etwa die Bezahlungen von kleinen Geldbeträgen, etwa an der Parkuhr.
 
Noch wichtiger seien für die Nutzer die Zusatzfunktionen, gibt Dietrich Kneissler recht. Es soll möglich sein, beispielsweise die Coop-Kundenkarte zu hinterlegen, die Stempelkarte vom Kafi um die Ecke, so dass diese Treueprogramme automatisch eingelöst werden.
 
Diesen Mehrwert will Twint sowohl den Händlern als auch den Kunden bieten. Kunden können sämtliche ihrer Kundenkarten an einem zentralen Ort aufbewahren und nutzen. Den Händlern bietet man eine Plattform und Infrastruktur. So schliesse sich der auch für die Banken der Kreis zwischen dem Privat- und Geschäftskundenbereich, sagt der Leiter der Privat- und Anlagekunden-Sparte der Raiffeisenbank Schweiz. (kjo)
 
Lesen Sie auf Seite 2 wo und wie Twint in der Schweiz eingesetzt werden soll (klick oben).

"Wir glauben an eine Lösung aus der Schweiz"
Dietrich, wie auch Kneissler, glaubt, dass sich eine Schweizer Lösung gegen internationale Player durchsetzen kann. Dietrich nennt dafür zwei Gründe. Ein internationaler Player, wie Apple Pay, könne nicht in jedem Land so in die Tiefe gehen, wie dies eine einheimische Lösung kann. Damit meint er etwa die Zusammenarbeit mit den vielen verschiedenen Händlern oder die unterschiedlichen Treuekarten, die hinterlegt werden können.

 
Ausserdem, so Dietrich, haben sich schon mehrere Schweizer Lösungen hierzulande gegen internationale Player durchgesetzt. Als Beispiele nennt er die Plattform Ricardo, die einen bedeutend grösseren Marktanteil in der Schweiz hat als Ebay. Ein weiteres Beispiel seien die Onlineshops Digitec und ExLibris, die sich in gewissen Bereichen gegen den Giganten Amazon durchgesetzt haben.
 
Wo Twint überall sein will
Das gemeinsame Produkt kommt im Frühling 2017 auf den Markt. Dies ist etwas später, als zunächst geplant, gesteht Kneissler ein. Ein Grund für die Verspätung sei, dass sich schneller mehr Banken angeschlossen haben, als erwartet. Mit Twint bezahlen soll man künftig nicht nur an der Ladenkasse sondern an Automaten, im Internet oder in Apps. Auch das Scannen von Rechnungen soll möglich werden.
 
Ausgelöst wird die Bezahlung am POS entweder über den Bluetooth-Beacon, den man von der "alten" Twint-App kennt oder über das Scannen eines QR-Codes. Auf die NFC-Funktion wird verzichtet, und zwar wegen Apple. Man wollte nicht eine App auf den Markt bringen, die bei einem Teil der Nutzer mehr Funktionen hat als beim anderen Teil. Bekanntlich öffnet Apple die NFC-Schnittstelle nicht für Drittanbieter. Würde man die NFC-Funktion für die Android-Nutzer bringen, würde dies zu Unmut bei den Nutzern und zu Verwirrung bei den Händlern führen, erklärt Kneissler. Technisch umgesetzt sei die NFC-Funktion für Twint. Wenn NFC für alle offen ist, sei NFC auch für Twint denkbar.
 
Der Twint-Chef ist überzeugt, dass QR funktioniert. Alipay setze auch auf QR-Codes und zähle ja immerhin 450 Millionen Nutzer. Mit dem QR-Code öffnet sich eine Vielzahl von Möglichkeiten. Der neue Einzahlungsschein, der derzeit erarbeitet und 2017 vorgestellt wird, wird ebenfalls mit einem QR-Code ausgestattet sein. Twint-Nutzer könnten dann Rechnungen scannen und mittels der App bezahlen, ohne dass eine Referenznummer eingetippt werden muss. Diese Funktion komme für Twint voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2017.
 
Vom Kühlschrank über die Kaffeemaschine auf den Bauernhof
Kneissler zeigt eine Kaffeemaschine, mit einem statischen QR-Code ausgestattet ist. Im Büro kann dieser gescannt werden und die Nutzer zahlen so den Kaffee. Mit dem Abschluss der Zahlung, beginnt die Kaffeemaschine zu arbeiten. Die Infrastruktur, die man den Händlern bietet, geht noch weiter. So zeigt Kneissler im Twint-Labor das Beispiel eines Büro-Kühlschranks, der von einem Catering-Unternehmen bewirtschaftet wird. Statt ein Bargeldkässeli auf den Kühlschrank zu stellen, wird ein QR-Code angebracht. Wenn die Nutzer den Code scannen, landen sie in einem kleinen Webshop, der ebenfalls von SIX zur Verfügung gestellt wird. Nutzer können in der App auswählen, was sie aus dem Kühlschrank nehmen, den Kauf bestätigen und bezahlen.
 
Mit dem QR-Code verwandelt man zudem jedes Smartphone, Tablet und jeden Computer in eine Kasse, wie Kneissler weiter demonstriert. Es wird für Händler eine spezielle Twint-App geben, mit der sie Zahlungen entgegennehmen können. Die Händler-App generiert den QR-Code, den der Twint-Nutzer scannen kann, um eine Zahlung auszulösen. Als Zielpublikum nennt Kneissler etwa kleine Markthändler, Bauernhof-Lädeli oder Taxifahrer.
 
Der QR-Code kann auch von den SIX-Terminals generiert werden. Händler müssen somit nicht in neue Hardware investieren, um Twint anzubieten. Diese Funktion kann von SIX mit einem Software-Update ausgerollt werden. Damit das Lesen des Codes gut funktioniert, auch bei ungünstigem Lichteinfall, wird die Twint-App noch mit einem besseren QR-Code-Leser ausgestattet. Für die Händler soll Twint übrigens die billigste Methode sein, erklärt Jürg Weber, VR-Präsident von Twint und CEO von SIX Payment Services. (Katharina Jochum)