Estland zieht Startups an und digitalisiert konsequent

Der Baltenstaat Estland positioniert sich immer stärker als Heimat junger Startups – auch dank des Erfolgs des Internet-Telefondiensts Skype vor mehr als zehn Jahren.
 
"Wir hatten Glück, dass Skype in Estland erfunden wurde", sagte der Fintech-Unternehmer Taavet Hinrikus, einer der ersten Skype-Mitarbeiter, der Deutschen Presse-Agentur dpa in Tallinn. Der Erfolg von Skype, das 2011 für 8,5 Milliarden US-Dollar von Microsoft übernommen wurde, habe ein positives Umfeld für Firmengründungen geschaffen und Startups in Estland gesellschaftlich legitimiert.
 
400 Start-ups
Nach Angaben der staatlichen Agentur "Startup Estonia" gibt es in der Ostseerepublik mit 1,3 Millionen Einwohnern derzeit gut 400 Start-ups. Sie beschäftigen insgesamt rund 2300 Mitarbeiter und haben 2015 mehr als 20 Millionen Euro an Beschäftigungsabgaben in den estnischen Staatshaushalt fliessen lassen.
 
Viele estnischen Start-ups haben eine Verbindung zu Skype oder Mitarbeiter, die früher dort tätig waren. Darunter ist etwa auch Starship Technologies der beiden Skype-Mitgründer Ahti Heinla und Janus Friis, deren Lieferroboter kürzlich in Pilotversuchen in Deutschland getestet wurden.
 
"Estland hat vor allem das, was man wirklich für Innovation braucht", meint der renommierte Wagniskapitalgeber Ben Horowitz, der einst Millionen in Skype und auch in das auf günstigere Auslandsüberweisungen spezialisierte Start-up Transferwise investiert hat. Dazu gehörten neben Mentalität und Erfolgswillen auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und das regulatorische Umfeld. Estland biete hierbei gute Voraussetzungen.
 
Vorreiter des digitalen Wandels
Wie kaum ein anderes Land in der EU hat sich der nördlichste der drei Baltenstaaten dem digitalen Wandel verschrieben. Eine Auswahl:
 
E-Voting: Bei der vergangenen Parlamentswahl im März 2015 setzten mehr als 30 Prozent aller Wähler ihr Kreuz elektronisch.
 
E-Schule: Über eine Online- Plattform organisieren fast alle Lehrer, Schüler und Eltern den Schulalltag. Bereits im Kindergarten gibt es Robotik-Projekte, Schüler lernen ab der ersten Klasse programmieren.
 
E-Health: Die Gesundheitsdaten der Bevölkerung sind in einem Patientenportal vereint.

E-Ausweise: Nahezu alle Esten besitzen eine computerlesbare ID-Karte, die als Personalausweis dient und im Internet die Feststellung der Identität ermöglicht.
 
Elektronische Steuererklärung: 2015 gaben 96 Prozent ihre Steuererklärung online ab.

E-Government: Die estnische Regierung erledigt ihre Amtsgeschäfte komplett papierlos.

Firmengründung Online: Jeder Unternehmer kann am eigenen Computer eine Firma gründen.

E-Justiz: Ein Justizportal informiert über das estnische Gerichtswesen und bietet Einsicht in bereits erlassene Urteile.
 
E-Polizei: Die Polizei kann im Streifenwagen über das Internet auf Vorstrafen, Versicherungen und alle nötigen Informationen zu Fahrzeughalter und Fahrer zugreifen.
 
Bargeldlos bezahlen: Auch ihre Bankgeschäfte erledigen die Esten am liebsten online - 98 Prozent aller Transaktionen werden über das Internet getätigt.
 
Virtuelle Bürger: Mit einer sogenannten "E-Residency" können auch Ausländer die Angebote des digitalen Estlands nutzen. (sda/ts)