Avaloq: "Ja, wir haben Geld verloren, aber..."

Kann auch zuhören: Avaloq Deputy CEO Jürg Hunziker im Gespräch.
Avaloq Deputy CEO Jürg Hunziker im Gespräch mit inside-it.ch über "Baustellen" und die Zukunft des Software-Herstellers und Banken-Dienstleisters.
 
Die Manegg am Zürcher Stadtrand ist eine grosse Baustelle. Zwischen Baukränen und Gitterzäunen ragt wuchtig das Avaloq-Gebäude mitten in einem grossen Parkplatz aus dem Dezembernebel. Aber ist das nur solider Schein? Die Negativschlagzeilen über den Banken-Softwarehersteller summierten sich: Projektabbruch, Verzögerungen und Probleme, BPO-Kunde springt ab, Aktienverkäufe, Entlassungen, Gerüchte über Liquiditätsprobleme. Und all dies, während man gleichzeitig das hoch komplexe Raiffeisen-Projekt in der Schweiz stemmen muss, global BPO-Zentren aufbaut, den IPO anstrebt.
 
Muss Avaloq umgebaut werden? Oder wird das 500 Umsatzmillionen schwere Unternehmen abgebrochen?
 
Avaloq suchte das Gespräch mit inside-it.ch und versprach uns, Fakten auf den Tisch zu legen. Jürg Hunziker, nach 27 Jahren beim Konkurrenten Sungard nun Deputy CEO und CMO von Avaloq, empfängt uns im Casual Look, auf dem Tisch liegen Grafiken und ausgedruckte Artikel aus unserem Archiv. Hunziker ist bemüht, mit Selbstbewusstsein, Zahlen und anschaulichen Metaphern – Häuserbau, Flugzeugindustrie – und persönlichen Emotionen zu überzeugen.
 
Baustelle 1: Projektabbruch in Deutschland
Arbeiten wir die tatsächlichen oder angeblichen "Baustellen" eine nach den andern ab. Zuerst der Abbruch der Einführung des Kernbankensystems bei der deutschen Privatbank BHF kurz vor dem geplanten Launch. "Im März bekam die BHF-Bank mit der französischen Privatbank Oddo einen neuen Eigentümer, worauf es unterschiedliche Erwartungshaltungen gab", sagt Hunziker. "Das betraf das Projekt, die Aufrechterhaltung des Betriebs, die Betriebskosten und die Zukunftsperspektiven. 90 Prozent des Projekt waren geliefert. Das ist für alle über 100 Mitarbeiter von Avaloq und Partnern auf dem Projekt sehr, sehr enttäuschend. Avaloq hatte noch nie ein Projekt, das nicht erfüllt wurde!"
 
Ist es üblich, zu diesem Projektzeitpunkt diese Diskussionen zu führen? Sollten solche Fragen nicht früher geklärt werden? Hunziker unterstreicht seine Antwort mit dem Pochen des Fingers auf die Tischplatte: "Da ist einiges falsch gelaufen. Wir haben uns mit Oddo gütlich geeinigt und bleiben uns freundschaftlich verbunden."
 
Die kolportierten Kosten sollen 100 Millionen betragen, also rund 20 Prozent des Jahresumsatzes 2015. Hunziker bestreitet dies: "Wir haben Geld verloren. Aber 100 Millionen sind komplett falsch. Es ist wesentlich weniger." Hunziker nannte gegenüber inside-it.ch eine Summe, die wir hier nicht nennen. Der Abschreiber ist happig, aber tatsächlich wesentlich niedriger.
 
Avaloq habe die Summe per Ende Oktober abgeschrieben, sagt Hunziker und tritt den Gerüchten über Liquiditätsprobleme entgegen. Man könne ohne einen einzigen Franken zusätzliches Neugeschäft alle Löhne bis Ende 2017 bezahlen. Auch alle Rechnungen im Zusammenhang mit dem BHF Projekt seien bezahlt. "Mit vier von fünf Sublieferanten haben wir uns geeinigt, mit einem sind wir uns noch nicht einig."
 
Der Abbruck des BHF-Projekts bedeute denn auch nicht, dass man in Deutschland gescheitert sei, bekräftigt der Avaloq Deputy CEO. Und das Berliner BPO-Zentrum gebe man nicht auf. "Im Gegenteil. Wir haben Massnahmen für den Weiterausbau von Deutschland getroffen", kündigt er an.
 
Berlin ist nur eines von mehreren BPO-Zentren, welche Avaloq rund um den Globus aufbaut. Zentren gibt es auch in Singapur und in der Schweiz. Der Benelux-Markt soll aus Luxemburg bedient werden. Dort musste Avaloq einen doppelten Rückschlag einstecken, als die Banque Internationale à Luxembourg nicht nur auf das Avaloq-System verzichtete, sondern auch auf den gemeinsamen Aufbau des BPO-Zentrums. Trotzdem hält Avaloq am Standort fest. Hunziker: "Die Avaloq Organisation in Luxemburg haben wir ausgebaut. Wir sind überzeugt, dass wir in Benelux gute Projekte gewinnen können."
 
"Das ist unser Pitch!"
Nähern wir uns dem Thema Standort Schweiz und damit der millionenschweren Baustelle "BSI-B-Source". Zur Erinnerung: Avaloq, respektive die Avaloq-BPO-Tochter B-Source, hat mit der Tessiner Bank BSI den wichtigsten Kunden verloren, als die Bank von EFG International übernommen wurde. Stellt der Wegfall des Grosskunden BSI nicht das Geschäftsmodell BPO in Frage? Schliesslich funktionieren die Economies of Scales auch umgekehrt. Fällt ein Kunde im Outsourcing weg, reduziert sich der Umsatz, jedoch nicht die Kosten. Hunzikers Antwort: "Nein. Es gibt eine gewisse, leichte Delle im Umsatz. Unser BPO Centre in der Schweiz umfasst 25 Kunden, und der Wegfall von BSI können wir durch Einnahmen aus neuen Verträgen wie beispielsweise Edmond de Rothschild und die laufende Einführung der Avaloq Software bei der Raiffeisengruppe ausgleichen. Noch im Dezember hat sich zusätzlich eine mittelgrosse Bank für unser BPO Centre in der Schweiz entschieden: Die Arab Bank (Switzerland)". Die Privatbank hat den Sitz in Genf und ist auf Vermögensverwaltung, Anlageberatung und Handelsfinanzierung spezialisiert.
 
Die Avaloq-Spitze ist offenbar überzeugt, den Weggang von BSI kompensieren zu können. Man werde den Standort ab 2018 in Bióggio ausbauen. "Der Standort ist sehr gut. Wir sind konkurrenzfähig, die Kostenstruktur stimmt und man kann Fachleute als Grenzgänger finden." Der Ausbau werde allenfalls später als geplant umgesetzt. "Wir haben bis 31.12.2017 den Betrieb bei BSI zu erfüllen," so Hunziker
 
Was bedeuten die Entwicklungen bei Avaloq für den Software-Standort Schweiz? Gutes offenbar. Man halte an Nyon fest, ebenso an Zürich als Produktionsstandort. In Zürich plant man, den Parkplatz durch einen Neubau zu ersetzen, was 300 zusätzliche Arbeitsplätze bedeuten würde. Der Ausbau der Schweiz beruhe auf guten Erfahrungen mit dem Rekrutieren von Talenten. Er selber habe in der Vergangenheit bei seinem früheren Arbeitgeber negative Erfahrung mit Offshoring nach Indien gemacht. Hunziker: "Es hiess jeweils: Für jeden, der in Europa geht, wird einer in Pune angestellt, der kostet nur 30 Prozent des Lohnes. Aber die Kosten sinken nicht linear, wenn man die Opportunitätskosten und die Qualität einrechnet. Es gibt kein Beispiel, bei welchem in dieser Industrie jemand erfolgreich komplett etwas Offshore entwickelt hat." Mit Edinburgh, Singapur und Manila habe man Ausweichmöglichkeiten in der Softwareentwicklung um an Talente zu kommen, sagt die neue Nummer zwei bei Avaloq.
 
Avaloq wolle den Banken mit Technologie Effizienzsteigerungen ermöglichen. "Billige Arbeitskräfte anstellen, das kann die Bank selbst. Wir brauchen die besten Leute und den Rest machen wir mit Automatisierung. Das BPO-Modell und das Leveraging kriegen wir mit Technologie mit einem hohen Automatisierungsgrad hin, und indem wir skalieren können. Das ist unser Pitch." (Marcel Gamma / Christoph Hugenschmidt)
 
Lesen Sie morgen den zweiten Teil unseres Features über den wichtigsten Zürcher Software-Hersteller. Warum Avaloq im niedermargigen BPO-Geschäft expandiert, warum man neues Kapital sucht und wo das Grossprojekt mit Raiffeisen steht.