Avaloq: "Wir müssen Geld in die Hand nehmen."

Jürg Hunziker, Deputy CEO Avaloq
Warum Avaloq im niedermargigen BPO-Geschäft expandiert, warum man neues Kapital sucht und wo das Grossprojekt mit Raiffeisen steht.

Das Jahr 2015 hat das Unternehmen laut eigenen Aussagen mit einem "Rekordergebnis" abgeschlossen. Diese Botschaft war wichtig, will Avaloq doch mit einer weltumspannenden Expansionsstrategie fit für einen Börsengang werden. In "etwa drei Jahren" wolle man eine Umsatzmilliarde erreichen, hatte CEO Franciso Fernandez vorgegeben. Dies wolle man hauptsächlich aus eigener Kraft schaffen.
 
Alles stabil bei Avaloq, so Deputy-CEO Jürg Hunziker im Gespräch mit inside-it.ch. Das einzige richtige Problem, das gescheiterte Projekt in Deutschland, habe man gelöst, versichert er. Wie steht es um die globale Wachstums-Strategie? Was ist mit der Umsatz-Milliarde? Und wie läuft es im komplexen Raiffeisen-Projekt?
 
Halten wir fest: Ein BPO-Zentrum aufzubauen und auszulasten ist teuer. Die Zahl, die im Raum steht, liegt zwischen 50 und 100 Millionen Franken. "Um dahin zu kommen, müssen wir Geld in die Hand nehmen", sagt Hunziker. "Die Option besteht, in England ein weiteres BPO-Zentrum zu bauen. Wir wollen kontrolliertes Wachstum und verfolgen den Markt wegen des Brexits genaustens."
 
Avaloq habe die Expansion jederzeit im Griff gehabt, betont Hunziker: "Wir sind immer mit den Kunden gewachsen. Zum Beispiel haben wir das BPO-Zentrum in Singapur mit der Deutschen Bank aufgebaut. Wir haben mit zwei grossen Kunden Verträge abgeschlossen, die gerne mit uns in die USA gehen würden." Die Option den Standort USA zu eröffnen, besteht.
 
"Wir sind von der Credit Suisse minireguliert"
Alle Zeichen stehen bei Avaloq auf Wachstum und anhaltende Expansion im BPO-Geschäft. Man ist dabei ein modernes Global Processing Network aufzubauen. "Damit versuchen wir, bei Kunden einen Standard hinzukriegen."
 
Doch BPO ist kapitalintensiv und die Margen sind tief. Soweit, so bekannt. Wie hoch ist der Preis, den Avaloq für das Wachstum zu bezahlen bereit ist? Hunziker: "Der Anteil wiederkehrender Einnahmen ist der Schlüssel zum Erfolg. Diesen Anteil zu steigern ist zentral. Und wir haben 70 Prozent wiederkehrende Einnahmen, das ist ein sehr grosser Teil. Und davon wiederum stammt ein wichtiger Teil von bestehenden Kunden."
 
Bei Avaloq hat man offenbar genug von Gerüchten. Hunziker zeigt uns Grafiken, die den Geschäftsverlauf der letzten Jahre zeigen. Die Umsätze steigen auch 2015. Im laufenden Jahr wird Avaloq 525 Millionen Franken Umsatz machen. Der Hersteller werde – immer nach eigenen Angaben – im laufenden Jahr die Ziele übertreffen, denn geplant war ein Umsatz von "über 500 Millionen Franken". Der Anteil wiederkehrender Einnahmen aus Software-Lizenzen, Service und Dienstleistungen für Outsourcing-Zentren steigt parallel und bleibt auch 2016 bei 70 Prozent des Totals. 2014 waren es erst 60 Prozent gewesen. Und Avaloq-Chef Francisco Fernandez erklärte gegenüber der Zeitschrift 'Bilanz', er erwarte einen Gewinn auf EBITDA-Stufe von 70 bis 80 Millionen Franken.
 
Spätestens an dieser Stelle des Gesprächs wird der neue Mann bei Avaloq sehr engagiert: "Schauen Sie einfach die Zahlen an, Wachstum, Recurring, und da sehen Sie, wie Avaloq Sourcing (Ex-B-Source) steht." Hunzikers Finger pochen im Rhythmus seiner Worte auf die Tischplatte. "Die Assets on Platform betragen bald 4000 Milliarden Franken, davon stammen 700 bis 800 Milliarden von BPO-Kunden und die andern sind "Deployed" (System beim Kunden installiert) und von denen ein immer grösserer Anteil auch aus dem Ausland."
 
Die Mitarbeiterzahlen steigen 2016 gegen 2500, insbesondere im APAC und EMEA-Raum sowie bei Arizon, dem Joint-Venture mit Raiffeisen.
 
Doch hat Avaloq das nötige Geld, um das enorme Wachstum zu stemmen? Hunziker: "Zusätzlich zu unserem guten Cashflow haben wir Kapital über einen Konsortialkredit beschafft. Der Kredit wurde bei Credit Suisse mit zwei weiteren Schweizer Banken aufgenommen. Natürlich überprüfen unsere Kreditgeber unsere Bonität. Wir sind in dem Sinne von der Credit Suisse minireguliert. Vor einer Woche haben wir die Zahlen vorgelegt: Wir sind mehr als nur grün."
 
IPO: Wachsen und Partner suchen
Zwischenfazit: Das BPO-Geschäft hat zwar tiefere Margen, bringt aber wiederkehrende, stabile Einnahmen. Das Lizenzbusiness hat viel höhere Margen, unterliegt aber viel höheren Schwankungen. Schwankungen will Avaloq verhindern, denn schliesslich will man an die Börse: "In unserer Branche gibt es keine Silbermedaille, entweder sie haben ein Projekt oder sie haben es nicht. Und Analysten verlangen Vorhersagbarkeit. Die müssen wir hinkriegen. Darum sagen wir, wir müssen im Wachstum den Anteil der Non-Recurring-Einnahmen herunterfahren."
 
Doch wie will Avaloq das Wachstum finanzieren? Gemäss 'Finews' spricht Avaloq mit der New Yorker Private Equity Firma KKR. Das sei nicht korrekt, dementierte Avaloq-Gründer und Chef Francisco Fernandez in einem internen Brief.
 
Korrekt sei hingegen, sagt Hunziker, dass man Partnerschaften prüft. "Wir prüfen regelmässig Optionen, um unser Wachstum zu finanzieren, so auch die Möglichkeit, Pre-IPO ein oder zwei Investoren für eine Minderheitsbeteiligung aufzunehmen oder das Fremdkapital zu erhöhen. Gespräche mit Investoren gibt es laufend. Die Börse wird einen essentiellen Teil der Managementkapazitäten beanspruchen. Wir müssen diszipliniert sein. Und in unserem Markt kann man ja nicht genau berechnen, wie dieser sich entwickelt. Wenn sich wieder etwas Drastisches wie 2007 ereignet, dann..."
 
Bei der Evaluation der Optionen achte man nicht zuerst auf die Shareholder, betont er, ein Kuchendiagramm zeichnend, sondern auf alle Stakeholder. Mögliche Partner nennt Hunziker keine, aber eine Bank dürfte unwahrscheinlich sein. Der Einstieg von Raiffeisen vor knapp einem Jahr zu geschätzten 200 bis 300 Millionen Franken hat die Kunden kaum begeistert.
 
Ist das Raiffeisen-Projekt für Avaloq zu komplex?
Raiffeisen soll das Vorzeigeprojekt im Retailbanking werden, hofft Avaloq. Wenn man dies schaffe, "dann werden auch andere Kunden dazukommen", sagt Hunziker. Immer wieder aber wird
die Migration der jetzigen Systeme von Raiffeisen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die Systeme (unter anderem Dialba, Avaloq, Avaloq bei Vontobel, Crealogix) seien für Avaloq zu komplex. Die 4000 Funktionalitäten seien ebenso zu komplex und dazu komme der Fakt, dass die Systeme für 300 einzelne Raiffeisenbanken laufen müssen.
 
Hunziker sieht keine grundlegenden Probleme: "Die Governance und die damit beschäftigten Leute sind richtig. Man hat alle Parameter richtig gestellt, damit es gut herauskommen wird."
 
Nicht nur die internen Kontrollstellen beäugen das Projekt, auch der Finma muss der Projektstatus offengelegt werden. Und man hat von fünf grossen Meilensteinen drei erreicht. Hunziker: "Jetzt kommt die grosse Phase des Testens und der User Acceptance. Wie immer bei Tests wird noch das eine oder andere herauskommen. Aber wir sind immer noch im Zeitplan." Auf Nachfrage bestätigt Hunziker, die für das Projekt relevanten Leute seien nach wie vor dieselben. Und die Vertragsunterschrift der Raiffeisentocher Notenstein spreche auch für Avaloq.
 
"Sensitive Data Segretation" bringt Schub ins Outsourcing-Geschäft
Potential für Neu-Business sieht Hunziker neben BPO und dem Retailbanking auch in weiteren Private-Banking-Kunden. Avaloq bietet mit dem Modul "Sensitive Data Segregation" die Möglichkeit an, sensitive Kundendaten vom Betrieb zu trennen. Dies bedeutet, dass die Avaloqlösung irgendwo betrieben wird, aber kundensensitive Daten dort liegen, wo es der Regulator will. "HSBC war der erste Kunde dafür und Pictet hat es nun gekauft."
 
Fintechs sind wie Rucksäcke
Die Kernbankenhersteller waren lange im Zentrum des Interesses, nun sind Fintechs cool. Müsste Avaloq für einen erfolgreichen IPO nicht cool sein? Hunziker: "Wir haben mit dem Avaloq Software-Exchange einen Marktplatz lanciert, auf welchem innovative Fintechs ihre Lösungen mit Avaloq anbieten können. Zudem lancierten wir vor einige Wochen ein Developer Portal, in welchem Drittparteien Applets mit uns entwickeln können. Wir freuen uns, dass sich schon nach einigen Wochen über 450 Entwickler registriert haben. Wir müssen herausfinden, wie das Endbild in der Welt der Banken und Fintechs aussehen wird. Aber wie immer es aussehen wird, am Schluss muss alles auf einer Kernbankenlösung abgewickelt werden. Es gibt keine einzige Fintech, die die Herausforderung annimmt, ein Core Banking, Retail Banking, Asset Management, Wealth Management und Private Banking zu bauen. Rund um das Core Banking hängen Fintechs wie Rucksäcke, aber am Schluss muss das Ding zentral laufen. Aber werden wir je wieder cool werden? Wir werden cooler werden, aber nie mehr so cool wie ein Fünf-Mann-Startup."
 
Hunziker kann seine Gesprächspartner gut überzeugen. Doch was passiert mit einem Softwarehersteller, wenn es weniger Banken gibt? Auch auf diese Frage weiss der Deputy-CEO eine Antwort: "Wenn es am Schluss noch vier Banken gibt, welche das Processing machen, dann sage ich: hoch spannend. Wie viele Grossverteiler haben wir in der Schweiz? Drei oder vier. Und wie viele Banken? Zweihundert, dreihundert. Jede Bank, die verschwindet, ist ein Nachteil für uns. In England müssen Banken APIs für Kunden öffnen. Gleichzeitig sagen Regulatoren anderswo, das darf nur bei uns laufen. Das ist Protektionismus. Schauen wir in zehn Jahren, wie die Wette ausgeht." (Marcel Gamma / Christoph Hugenschmidt)
 
Lesen Sie auch den ersten Teil des Hintergrund-Gesprächs mit Jürg Hunziker: Avaloq Deputy CEO Jürg Hunziker im Gespräch mit inside-it.ch über "Baustellen" und die Zukunft des Standort Schweiz.