Mensch und Maschine konkurrieren und kooperieren

Das technische Automatisierungspotential nach Nationen. Bild: McKinsey
Eine neue Studie untersucht die Auswirkungen der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt – und gibt vorsichtig Entwarnung.
 
Das McKinsey Global Institute (MGI), die Forschungsabteilung der Beratungsfirma McKinsey & Company, hat eine Studie (PDF) veröffentlicht, die sich dem Einfluss der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt widmet. Wahrlich kein neuer Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung: Inside-it.ch hat im November auf mehrere entsprechende Untersuchungen hingewiesen und ein neues Tool zur Messung der digitalen Bedrohung für den eigenen Job vorgestellt. Angesichts der regelmässigen Berichte zur Automatisierung wie kürzlich etwa beim taiwanesischen Hersteller Foxconn oder beim japanischen Versicherer Fukoku Mutual Life Insurance ist die weit verbreitete Sorge bei dem Thema nachvollziehbar. McKinsey aber gibt vorsichtige Entwarnung: Die Automatisierung komme nicht über Nacht und um ihr volles Potential zu entfalten, müssten Mensch und Technologie Hand in Hand arbeiten.
 
Die Wissenschaftler von McKinsey gehen davon aus, dass Automatisierung die täglichen Arbeitsprozesse verändern wird. Die Prozesse könnten zur Fehlerreduktion, besserer Qualität und höherer Geschwindigkeit führen und helfen die Produktivität zu steigern. Dies sei historisch etwa mit der Einführung der Dampfmaschine oder der Informatik schon passiert. Das MGI rechnet mit einem jährlichen Produktivitätswachstum von 0,8 bis 1,4 Prozent in den nächsten 50 Jahren. Das höchste Wachstum bisher habe mit 0,6 Prozent jährlich die IT von 1995 bis 2005 generiert. Optimistisch folgern die Forscher: Die Automatisierung könne dazu beitragen, den rückläufigen Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in vielen Ländern auszugleichen.
 
Maschinen ersetzen Tätigkeiten, nicht Jobs
In einem Artikel beschweren sich drei der beteiligten Wissenschaftler, dass sich die Diskussion um Automatisierung zu einem manichäischen Rätselraten entwickelt habe: Welche Jobs werden durch Maschinen ersetzt und welche nicht? Das Vorgehen von McKinsey ist präziser. Die Forscher stellen die Frage, welche konkreten Tätigkeiten automatisiert werden könnten. Jeder Beruf umfasse schliesslich verschiedene Aktivitäten mit unterschiedlichem Automatisierungspotential. Um eine Schlussfolgerung vorweg zu nehmen: Auf Grundlage der aktuellen Technologie seien weniger als fünf Prozent der Berufe von einer vollständigen Automatisierung bedroht. Da aber jeder Beruf automatisierbare Tätigkeiten umfasse, sei etwa die Hälfte der weltweit bezahlten Tätigkeiten potentiell durch Maschinen ersetzbar. Das sind laut McKinsey fast 16 Billionen Dollar an Lohnkosten pro Jahr.
 
Die am einfachsten durch Maschinen zu erledigenden Tätigkeiten sind physische Arbeiten in hochstrukturierten und vorhersagbaren Umgebungen sowie Datenerfassung und -verarbeitung. Dies betreffe nicht nur wenig qualifizierte Tieflohnbereiche, sondern ebenso besser- und hochqualifizierte Berufe in gut bezahlten Bereichen.
 
Lohnkosten und Regulierung als Katalysator
Da die Prozesse der Automatisierung einzelne Aktivitäten verändere, würden Menschen weiterhin Tätigkeiten
Die Produktivitätsgewinne aus Innovationen. Bild: McKinsey
ausüben, die die Arbeit der Maschinen ergänzen – und umgekehrt.

Bis die Effekte tatsächlich vollumfänglich einsetzen, werde es aber Jahre dauern. In der Studie werden wichtige Faktoren für das Tempo der Einführung neuer Technologie genannt: Die technische Realisierbarkeit und Integrierbarkeit in vorhandene Strukturen; die Kosten für die Entwicklung und Bereitstellung neuer Lösungen; die Arbeitsmarktdynamik inklusive der Entwicklung in Angebot und Nachfrage sowie der Kosten der menschlichen Arbeitskraft; Vorteile aus möglichen höherem Output und besserer Qualität; Regulierung und soziale Akzeptanz.
 
Als Beispiel für eine ökonomische Bremse der neuen Technologie nennt das MGI das niedrige Lohnniveau in einigen Entwicklungsländern oder aber auch in bestimmten Branchen. Dieses könne dafür sorgen, dass in Industrien und Landwirtschaft Technologie aus Kostengründen langsamer eingeführt werden.
 
Das Szenario der Studie deutet auf eine Automatisierung der Hälfte der heutigen Arbeitstätigkeiten bis 2055 hin. Diese Entwicklung könne jedoch auch 20 Jahre früher oder später eintreffen, abhängig von den verschiedenen Faktoren sowie anderen wirtschaftlichen Bedingungen. Zum Vergleich: In einer vieldiskutierten Studie der Universität Oxford (PDF) wurde prognostiziert, dass in den nächsten 20 Jahren vermutlich knapp die Hälfte der Jobs in den USA automatisiert würden.
 
McKinsey sagt: alles halb so wild
Die Schlussfolgerungen im aktuellen Bericht besagen, dass entgegen der Debatte um Massenarbeitslosigkeit, die Menschen weiterhin mit Maschinen arbeiten müssten, um das Pro-Kopf-Wachstum des Bruttoinlandprodukts zu erreichen, das Nationen weltweit anstrebten. Die Produktivitätsschätzungen würden nahelegen, dass jene die den Job aufgrund von Automatisierungen verlieren werden, neue Beschäftigung finden werden.
 
Für das zu erwartende Ausmass der Verschiebungen gebe es einen Präzedenzfall: Die technologieinduzierten Jobwechsel weg von der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert. Diese habe auch nicht zu einer langfristigen Massenarbeitslosigkeit geführt, weil sie durch die Schaffung neuer Arbeitsformen begleitet wurde. Allerdings könne man nicht mit Sicherheit sagen, ob es diesmal anders sein werde. Ein aktueller WEF-Report besagt, dass der Aufbau von neuen Stellen heute länger dauere als bei früheren Innovationen.
 
Das MGI will Politik und Wirtschaft in die Pflicht nehmen: Von den politischen Entscheidungsträgern fordert es, dass sie Investitionen und Marktanreize fördern und eine Politik umsetzen sollen, die Angestellte und Institutionen auf die Entwicklung vorbereiten. Die Geschäftsleitungen müssten ihrerseits dafür sorgen, die Arbeitskräfte innerhalb ihrer Unternehmen wieder einzusetzen, um die Performance der Firma zu steigern und als gute "Corporate Citizens" zu handeln. Die Arbeiter seien gefordert, enger mit der Technologie zusammenzuarbeiten, sich zu bilden und in sich auf jene Bereich zu fokussieren, in denen menschliche Kompetenz gefragt ist.
 
Es bleiben offene Fragen
Angesichts der demographischen Trends sei es viel wahrscheinlicher, dass es einen Mangel an menschlicher Arbeit gebe, als dass es einen Überfluss zustande komme – ausser die Automation ist weit verbreitet. Eine Antwort auf die Frage, wie Menschen neue Arbeit finden und welche neuen Jobs geschaffen werden, wenn Tätigkeiten zunehmend von Maschinen übernommen werden, bleibt die Studie aber schuldig.
 
Es ist auch unter der optimistischen Einschätzung des MGI nicht ausgemacht, welche Tendenz stärker ist: Die Automatisierung der Tätigkeiten oder aber die mit dem BIP-Wachstum verbundene Ausdehnung der wirtschaftlichen Aktivitäten. So hat die vorliegende Studie das vieldiskutierte Problem nicht in Wohlgefallen aufgelöst, aber sie räumt der Menschheit ein wenig mehr Zeit ein. (ts)