Prantl behauptet: Uns werden mit der Digitalisierung die Jobs ausgehen.

Doch, ist das schlimm?
 
Was ich im Folgenden darlege, widerspricht hundertprozentig der momentan gefühlten Situation, dem mittlerweile seit Jahren vorherrschenden (vermeintlichen?) Fachkräftemangel in der IT-Szene hierzulande und mehr oder weniger allen Prognosen. Ich tue es trotzdem, denn ich kann den vielerorts verbreiteten Optimismus in Sachen Digitalisierung als Jobwunder für die Zukunft nicht so richtig teilen. Und, ich habe auch eine Ursachenerklärung dafür.
 
Wenn momentan von der Arbeitswelt der Zukunft und davon die Rede ist, welche Auswirkungen die weitere Automatisierung auf unsere Jobs haben wird, dann wird dies fast ausnahmslos mit der vierten industriellen Revolution und der Digitalisierung erklärt (zum Beispiel in der NZZ vom 13.1. "Die ewige Angst des Menschen vor der Maschine". Der Grundtenor lautet dann regelmässig: Die Digitalisierung wird viele Jobs vernichten aber sie wird auch viele neue Jobs schaffen, die wir heute noch gar nicht kennen. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Webdesigner, den man sich vor rund 20 Jahren auch noch nicht vorstellen konnte. Weiter wird argumentiert, dass niemand in die Zukunft schauen kann und es daher unmöglich sei, zu wissen, ob der Jobverlust durch die neuen Jobs kompensiert oder gar übertroffen werden wird. In aller Regel herrscht aber – vor allem aus der Politik – eine grosse Zuversicht, dass das Nettowachstum positiv ausfallen wird. Ich sehe das nicht so.
 
Vergangenheit als Beruhigungspille
Was mich weiter pessimistisch stimmt, ist eine zusätzliche Beruhigungspille, die regelmässig zu Hilfe genommen wird. So wird argumentiert, es sei schon mehrfach in der Menschheitsgeschichte zu umwälzenden wirtschaftlichen Veränderungen, sprich "Revolutionen" gekommen und am Ende waren immer mehr Jobs da als vorher. Was also früher wahr war, wird auch in Zukunft wahr sein. Das ist aber nur eine simple Extrapolation der Vergangenheit in die Zukunft, was vor allem für das heute herrschende Weltbild der "totalen Kontrolle" und des "maschinengleichen Funktionierens" von Wirtschaft, Unternehmen und Personal symptomatisch ist.
 
Nun aber zur Frage, warum uns die Jobs in Zukunft ausgehen werden.
 
KI noch am Anfang und doch schon so weit
Der zentrale Treiber für den Ersatz der menschlichen Arbeitskraft ist die künstliche Intelligenz, kurz KI. Sie hat das Potential 80 bis 100 Prozent aller Jobs zu ersetzen. Weiter muss man wissen, dass die Forschung und Entwicklung um KI eigentlich erst in den letzten Jahren an Tempo und Breitenwirkung zugenommen hat. Davor galt sie als wenig aussichtsreich. Praktisch heisst dies, dass wir in Sachen KI noch ganz am Anfang stehen. Und trotzdem gibt es bereits zahllose, absolut erstaunliche Beispiele für den praktischen Einsatz von KI, die mir so vorher nicht bewusst waren:
 
Medizin: KI stellt mittlerweile Diagnosen. Extrem genau, zuverlässig und in einer Geschwindigkeit (z.Bsp. bei der Analyse von Röntgen- und anderen Bildern), die die besten Ärzte nie leisten können. Sie hat sogar schon Krankheiten diagnostizieren können, die Ärzte erfolglos über Monate hinweg gesucht hatten.
 
Journalismus: KI schreibt Reportagen, die nicht mehr als "künstlich" identifiziert werden können.
 
Bildung: KI korrigiert Aufsätze und erreicht damit 95 bis 99 Prozent der Qualität, die menschliche Korrektoren erreichen. Der Sprung auf 100 Prozent ist nicht mehr weit.
 
Entertainment: KI – in der Form von IBMs Watson – gewinnt beim amerikanischen TV-Spiel Jeopardy gegen die besten Spieler, was niemand für möglich hielt. Jeopardy gilt übrigens als x-fach komplexer als Schach.
 
Ich könnte die Aufzählung beliebig fortsetzen. Die Beispiele illustrieren aber, dass KI eine ganz andere Qualität an Veränderungspower hat, als die Treiber bisheriger industrieller Revolutionen. Sie wird nicht einfach nur "Bewegungen" des Menschen ersetzen, sondern sich seines "Denkens" bemächtigen. Sehr visionär gedacht bedeutet das, dass sich KI dereinst selbst wird weiterentwickeln können, ohne dass es den Menschen dazu noch braucht.
 
Digitalisierung schafft keine neuen Menschen
Und natürlich stimmt auch das Argument, dass die Digitalisierung viele neue Jobs schaffen wird. Das Dumme daran ist bloss, dass die Digitalisierung keine neuen Menschen kreieren wird (oder vielleicht auch das?). Daher kann ich mir nur schwer vorstellen, dass viele durch KI wegrationalisierte Arbeitnehmer wie Verkaufspersonal, Taxifahrer, Buchhalter, kaufmännisches Personal, Callcenter-Agents etc. einfach mit entsprechender Weiterbildung in der Lage sein werden, digitale high Tech-Aufgaben wahrzunehmen. Und, solange wir an den obligatorischen Schulen auf Programmierunterricht verzichten, wird sich das auch mit den nachfolgenden Generationen nicht signifikant verändern.
 
Wenn nun aber nicht die Digitalisierung direkt für den Verlust der Jobs verantwortlich ist, was denn sonst?
 
Es ist die Art und Weise, wie die Menschheit voraussichtlich von der Digitalisierung und von KI Gebrauch machen wird. Das weltweit dominierende Wirtschaftssystem des Kapitalismus, verbunden mit dem Shareholder-Value-Konzept und seinem alleinigen Wirtschaftszweck der Gewinnmaximierung und das ganze kombiniert mit dem breitflächig nicht hinterfragten Glauben an immerwährendes (Mengen)Wachstum um jeden Preis, dies sind die wahren "Übeltäter" im Hintergrund. Dieser Giftcocktail wird – wenn er politisch nicht grundlegend reformiert wird – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass die "Wirtschaft" alles nutzen wird, um dem System Genüge zu tun. Und sind wir ehrlich. In den künftigen Produkten und Dienstleistungen der Digitalisierung steckt ein massives Potential an Effizienzsteigerung, in letzter Konsequenz im Ersatz des Menschen als nicht selten grössten "Störfaktor". Wieso also sollen die Unternehmen in Zukunft nicht alle ihnen sich bietenden Opportunitäten der Digitalisierung nutzen, um ihre Investoren noch glücklicher und reicher zu machen, und um ihre von den Kapitalmärkten erwarteten Wachstumsstories auf Biegen und Brechen fort zu schreiben?
 
Gegensteuer: Vom Gewinn zum Nutzen
Übrigens: In welche Richtung müsste die von mir oben erwähnte politische Reform in den Grundzügen gehen? Ich meine in Richtung eines Wirtschaftssystems, welches so radikal nutzenorientiert funktioniert, wie es heute auf Gewinn- und Shareholdermaximierung getrimmt ist. Nutzen müsste als qualitative Verbesserung (für die Menschen und für die Umwelt) verstanden werden und die Wirtschaftsleistung dürften wir nicht mehr in einer Mengenzunahme, sondern nur in einer Qualitätszunahme messen und damit zum Gradmesser erklären.
 
Aber, wäre das Ende aller Jobs denn wirklich so schlimm? Nun, solange zwischen Erwerbsarbeit und Einkommen eine dogmatisch feste Verbindung besteht, sind Jobs natürlich überlebensnotwendig. Wenn es uns aber in Zukunft gelingt, diese Verbindung – wenigstens teilweise – aufzulösen, dann spielt es auch keine so grosse Rolle mehr, ob für alle genügend Jobs da sind oder nicht. Das Konzept des "bedingungslosen Grundeinkommens" ist ein Ansatz, es werden mit Sicherheit weitere entwickelt werden müssen.
 
Wäre es denn nicht toll, wir könnten mit unserer Zeit tun, was wir wollen. Statt – wie Gallup weiss – zu über 80 Prozent im Zustand der inneren Kündigung zu arbeiten oder Dienst nach Vorschrift zu leisten?
 
Es dauert sicher noch einige Dekaden, bis uns die Jobs ausgegangen sind. Allerdings bin ich überzeugt, dass es wesentlich schneller gehen wird, als sich die meisten heute vorstellen können. Denn, die momentane digitale Transformation ist kein linear ablaufender Prozess, sondern er geschieht exponentiell und wir sind bereits weit fortgeschritten. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (54) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 begleitet er Unternehmer aus der IT- und Softwarebranche auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.