OTC-Trading auf Blockchain-Basis: "Technisch steht unsere Lösung"

Ein Schweizer Konsortium hat technische Durchbrüche für die praktische Anwendung der Blockchain-Technologie im Wertpapierhandel erzielt.
 
Das "OTC Swiss Blockchain"-Konsortium scheint seinem Ziel ein gutes Stück näher gerückt zu sein. Man habe zeigen können, dass die Wahrung des Bankkundengeheimnis auch auf der Blockchain möglich sei, gab es Ende letzter Woche bekannt. Das Konsortium besteht aus Banken, Unternehmen und Wissenschaftlern unter der Führung des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern.
 
Das Finanzindustriekonsortium, das im Herbst 2016 gegründet wurde, ist daran eine Lösung zu entwickeln, welche den Handel mit nicht kotierten Schweizer Wertpapieren (Over-the-Counter / OTC-Trading genannt) erleichtern soll. Die Abwicklung des OTC-Handels sei derzeit aufwendig und risikobehaftet, schreibt das Konsortium in einer Medienmitteilung. Ausserdem soll die Lieferung und Zahlung des Wertpapiers dereinst weniger Zeit beanspruchen, günstiger werden und im Optimalfall in Echtzeit erfolgen. Gleichzeitig habe das Trade-Reporting auch künftig den regulatorischen Anforderungen zu entsprechen.
 
Als Endergebnis des F+E-Projektes wird ein offener Systemstandard für den Finanzplatz Schweiz angestrebt, der allen interessierten Finanzinstitutionen zur Verfügung stehen soll. Das gesetzte Ziel, eine Lösung bis Mai 2017 fertiggestellt zu haben, scheint in greifbarer Nähe. "Wir liegen gut im Zeitplan", sagt Projektleiter Mathias Bucher vom IFZ gegenüber inside-it.ch. "Technisch steht unsere Lösung bereits."
 
Kein zentraler Handelsplatz
OTC-Aktien, also ausserbörsliche Wertpapiere, werden nicht auf einem zentralen Handelsplatz, sondern bilateral zwischen Finanzinstituten gehandelt. Der Abgleich des Handelsgeschäfts kann erheblichen Aufwand verursachen und ist fehleranfällig. Eine Abwicklungsplattform auf Basis der Blockchain-Technologie soll hier Abhilfe schaffen und Clearing und Settlement unmittelbar und preisgünstiger ermöglichen. Dazu setzt das Konsortium auf eine Variante der "Private Ethereum"-Blockchain.
 
In einer Blockchain werden Transaktionen in Blöcken zusammengefasst, welche wiederum in chronologischer Reihenfolge unwiderruflich und fälschungssicher in einer kryptografisch gesicherten Kette aufbewahrt werden. Diese Blöcke sind für alle Teilnehmenden einsehbar. Letztere könnten sich aber auch nicht einfach einer falschen Identität bedienen, was das gegenseitige Vertrauen erhöhe, heisst es weiter in der Mitteilung des IFZ. Die Validität des Systems werde letztlich durch den Konsens der Netzwerkteilnehmer erreicht.
 
Zusätzliche Verschlüsselung für Privatsphäre
Da jedoch die Transaktionsteilnehmenden über ihre Crypto-Adressen identifizierbar sind, ist die allgemeine Blockchain-Technologie nicht für den Wertschriftenhandel geeignet. Denn keine Finanzinstitution lege der Konkurrenz gerne offen, welche Transaktionen sie gerade abwickelt, erklärt das IFZ. Gleichzeitig müsse bei Finanztransaktionen auch das Bankgeheimnis für die Endkunden gewahrt werden. Die Ethereum Blockchain, wurde daher um ein Verschlüsselungsmodul erweitert, das die Privatsphäre der Teilnehmenden schützt, sowohl die der Retail-Kunden, als auch die von teilnehmenden Finanzinstituten. Aufsichtsbehörden können jedoch bei begründetem Verdacht Zugriff auf getätigte Transaktionen erhalten, schreibt das IFZ in seiner Mitteilung.
 
Als zweite Neuerung hat das Entwicklerteam das Blockchain-Kernsystem mit einer verteilten und ebenfalls verschlüsselten Datenbank ergänzt. Momentan sei nämlich der verfügbare Speicherplatz auf der Blockchain noch beschränkt und man habe daher mehr Kapazität geschaffen. "Damit werden die Stärken der Blockchain gewahrt, das ganze System wird aber leistungsfähiger und flexibler", erläutert Projektleiter Mathias Bucher.
 
Nächste Schritte: Integration und rechtliche Grundlagen
In einem nächsten Schritt will das Konsortium die Integration der Blockchain-Lösung in die bestehende Informatiklandschaft der angeschlossenen Banken in Angriff nehmen. Gemeinsam mit der Börsenbetreiberin SIX soll zudem eine Lösung für die geldseitige Abwicklung erarbeitet werden. "Ebenso wichtig ist der Austausch mit dem Gesetzgeber und der Aufsichtsbehörde mit dem Ziel, Akzeptanz für die dezentrale, blockchainbasierte Abwicklungsplattform zu schaffen", sagt Bucher. Die Schweizerische Nationalbank verfolge die Projektfortschritte bereits.
 
Zentral für den langfristigen Erfolg des Projekts sei laut IFZ schliesslich der Plattform-Betrieb in einer geeigneten Rechtsform. Technisch nutze das Blockchain-System Smart Contracts als Leitplanken für die Interaktion und Koordination der Konsortium-Mitglieder und baue hierfür auf den Stärken der Blockchain auf, so das IFZ. Die rechtliche Struktur werde in den kommenden Monaten erarbeitet.
 
Am Konsortium für eine "OTC Swiss Blockchain" sind neben dem IFZ die InCore Bank, Inventx, SIX, Swisscom, ti&m und die Zürcher Kantonalbank beteiligt. "Das breit abgestützte Konsortium verfügt über viel Markterfahrung, das nötige Entwicklungs-Knowhow und eine hervorragende IT-Infrastruktur. Es stellt damit die Praxistauglichkeit dieser neuartigen Lösung sicher. Nicht zuletzt stärkt das Projekt den Ruf des Schweizer Finanzplatzes als innovativer und regulierungskonformer Standort", sagt Projektleiter Mathias Bucher. Kein Wunder, dass das Projekt auch von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) des Bundes gefördert wird. (Tom Sperlich)