Auch bei den Antipoden: Leerplan 21

Kolumnist Jean-Marc Hensch blickt aus der Ferne auf unser Bildungssystem.
 
Ich hatte kürzlich Gelegenheit, mich mit meinem Pendant auf der anderen Seite der Welt auszutauschen. Im Gespräch mit Graeme Muller, CEO von NZTech, zeigte sich rasch, dass viele Themen, welche die ICT-Anbieter beschäftigen, trotz der Distanz und der sehr unterschiedlichen Struktur der Volkswirtschaften identisch sind. Öffentliche Beschaffung, Regulierung, Datenschutz, es dreht sich meist um die gleichen Fragen.
 
Der wichtigste Unterschied ist wohl, dass im parlamentarischen System Verbände stark dem Regierungslager hofieren müssen und dafür dann im Rahmen von gemeinsamen Projekten, Programmen und anderen Initiativen berücksichtigt werden (lies: Beiträge und Support erhalten). Dafür muss man jedoch nicht nach Neuseeland reisen, das kann man schon in Berlin und Paris beobachten. Diese Kolumne zum Beispiel wäre überall dort absolut unmöglich und verbandsschädigend. Gut, das ist sie in der Schweiz vielleicht auch, nur hat es mir bisher niemand gesagt. Oder ich habe ihm nicht zugehört …
 
Was mich erstaunt hat, ist die Parallelität beim Thema Informatik und Volksschulbildung. Hier wie dort haben die ICT-Firmen realisiert, dass sie selbst an vorderster Front dafür kämpfen müssen, dass die Lehrpläne aktualisiert und den neuen Technologien angepasst werden. Hier wie dort ging es darum, sich mit Handarbeitslehrerinnen auseinanderzusetzen, welche beim Lismen und Sticken als zentrale Kulturkompetenz keinerlei Abstriche zugunsten von Informatik tolerieren wollten. Und hier wie dort war der Kampf episch. Man frage mal Alain Gut, Swico-Vorstand und Präsident der Kommission Bildung von ICTswitzerland, was es gebraucht hat, um doch noch ein Fach Medien und Informatik zu etablieren.
 
In der Öffentlichkeit immerhin scheint der Lehrplan 21 akzeptiert zu sein. Vor zwei Tagen hat nach mehreren anderen auch der Aargauer Souverän eine Volksinitiative gegen diesen Lehrplan mit 60 Prozent klar bachab geschickt.
 
Was mich nun aber frappiert hat: Es reicht nicht, den Lehrplan zu ändern. Wenn man nichts weiter unternimmt, passiert so gut wie nichts (beziehungsweise zu wenig und sehr langsam). Während es in Neuseeland die School Councils sind, welche die Verantwortung für die Präzisierung der Bildungsinhalte tragen, sind es bei uns die Kantone. Und damit sind wir nun definitiv beim Lehrplan 21 angekommen: Die ICT-Branche meint, mit diesem sei nun alles gut, dabei sind dort keine minimalen Stunden für die Schüler vorgegeben, für die Ausbildung der neuen Lehrer gibt es keine einheitlichen Vorgaben, und bei der "Nach-Ausbildung" von Lehrpersonen, die schon unterrichten, muss man befürchten, dass es zu absoluten Schnellbleichen kommt, wenn überhaupt. Und über anständige Lehrmittel haben wir noch gar nicht gesprochen. Dass in Neuseeland die Situation gleich desolat ist wie in der Schweiz, kann mich nicht wirklich trösten.
 
Auch wenn dies viele Schulpflegen umtreibt: Die Ausrüstung mit Geräten und WLAN ist nicht der entscheidende Punkt, auch nicht die Frage, welches Betriebssystem das richtige sei. Als Branche müssen wir nun schauen, dass aus dem Leerplan 21 nun auch wirklich ein umgesetzter Lehrplan 21 wird. Der Kampf der ICT-Verbände in dieser Sache muss daher weitergehen. Wir müssen auch andere Wirtschaftsorganisationen und Akteure an Bord holen. Aber wir müssen auch mit den fortschrittlichen Lehrpersonen und den Pädagogischen Hochschulen im Dialog bleiben – die haben es am Schluss in der Hand, wie gut unsere Kinder auf eine digitalisierte Welt vorbereitet sind.
 
Die Landwirtschaft ist übrigens der wichtigste Wirtschaftszweig in Neuseeland und der grösste Exporteur. Ich habe mich an den Antipoden nicht nur mit ICT beschäftigt, sondern auch zwei Tage bei einem vor 30 Jahren ausgewanderten Schweizer Bauern verbracht. Er schätzt sich sehr glücklich, das produzieren zu dürfen, was er will, auch wenn er keine Subventionen kassiert. Während in der Schweiz die Bauern wetteiferten, wer den grösseren Traktor habe, gehe es in Neuseeland immer nur um Qualität und Effizienz. Und die Milliarden, die man bei den Subventionen für ein paar wenige Betriebe einsparen könnte, würden uns helfen, unsere Knirpse für die Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft noch rascher und besser fit zu machen.
 
Jean-Marc Hensch (57) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.