Münchens Linux-Ausstieg: "Den meisten Kollegen ist das Betriebssystem scheissegal"

Ausstieg besiegelt? "Prüfen heisst prüfen", sagt der Bürgermeister. Die Mehrheit der deutschen Presse sieht das anders.
 
Der Münchner Stadtrat hat an einer Sitzung heute morgen nach einer mehr als zweistündigen und teilweise hitzigen Debatte einen Antrag angenommen, über den wir vorgestern berichtet haben. Im Antrag wird unter anderem die Schaffung eines IT-Referats, die Prüfung der Schaffung einer Betriebs-GmbH, in welche die städtischen IT-Dienste ausgelagert werden könnten, sowie die Erstellung eine Konzepts für eine einheitliche Client-Architektur auf der Basis eines neu zu entwickelnden Windows-Clients gefordert. In München regiert eine Koalition von SPD und CSU und eine Mehrheit der Parlamentarier dieser beiden Parteien stimmten für den Antrag.
 
Die Mehrheit der deutschen Presse, von 'Spiegel' bis zu 'heise.de' glaubt daher, dass das Münchner Linux-Experiment beendet, beziehungsweise der Ausstieg aus der Münchner Version "Limux" beschlossene Sache sei.
 
"Der Stadtrat wird darüber verdammt noch mal nochmal entscheiden können"
Der gutgeheissene Antrag beinhaltet aber tatsächlich erstmal hauptsächlich Prüfungen und Konzepte, wie beispielsweise 'golem.de' schreibt. Dies betonte auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, der sich in der Debatte nach eigener Aussage ungeplant aber ziemlich emotional zu Wort meldete.
 
Reiter ärgerte sich unter anderem, dass das Thema Linux oder Windows viel intensiver debattiert wurde, als die organisatorischen Vorschläge.
 
Der Anlass, etwas zu ändern, sei die Unzufriedenheit einer Mehrheit der städtischen Beamten mit der IT insgesamt. Das wäre ja noch tolerierbar so Reiter, wenn die IT wenigstens billig wäre – was sie aber nicht sei.
 
Reiter versuchte zudem plausibel zu machen, dass noch nichts endgültig beschlossen werde. "Prüfen heisst prüfen", meinte er zum Beispiel zur möglichen Schaffung eines ausgelagerten IT-Dienstleisters. "Darüber wird man doch in Gottes Namen nachdenken dürfen." Und: "Der Stadtrat wird darüber verdammt noch mal nochmal entscheiden können. Sonst brauchen wir ja nicht Prüfung reinschreiben."
 
Zu viel Aufregung über Betriebssystem
Das gleiche gelte für die "offensichtlich total im Vordergrund stehende Frage des Betriebssystems." Es werde ein Konzept erstellt, und wenn das Konzept bei einer zukünftigen Abstimmung im Stadtrat nicht überzeuge, werde es keine Mehrheit finden. Insgesamt, so Reiter, werde es in den nächsten Jahren in München sicher noch zwei, drei oder mehr Abstimmungen zum Thema IT geben.
 
Der Mehrheit seiner Kollegen im städtischen Dienst, so fügte er übrigens an, sei es "scheissegal, welches Betriebssystem läuft. Sie möchten einfach, dass es funktioniert." (hjm)

Unser Kommentar:

Obwohl mir Oberbürgermeister Reiter viele knackige Zitate geliefert hat und zurecht sagt, dass im Münchner Stadtrat noch weitere Male über die Frage Linux oder Windows abgestimmt werden wird, glaube ich, dass die Mehrheit der deutschen Presse und die Opposition im Münchner Parlament Recht hat. Wenn sich die Mehrheitsverhältnisse in München in den kommenden Jahren nicht drastisch ändern, wird die sowohl von der SPD als auch der CSU unterstützte Rückkehr zu Windows als Standard-Client kaum mehr abgeschmettert werden. (Hans Jörg Maron)